Entdeckung zweier Kulturen

Selfmade-Archäologe mit internationalem Renommee

Noch weiß die Wissenschaft wenig über die Nomaden, die den Rentieren folgten. Fest steht, dass sie über Zelte und todbringende Waffen verfügten. Und dass sie aus dem Süden kamen. Wie aber schafften sie es, unter derart kargen Bedingungen zu überleben? Und wie weit in den Norden sind sie tatsächlich vorgedrungen? Alfred Rust sieht die Suche nach den Antworten als seine Lebensaufgabe an.

Eiszeitjägerkulturen in Norddeutschland
Eiszeitjägerkulturen in Norddeutschland

Zurück in der Heimat heiratet Rust Olga Martens mit der er zwei Kinder bekommt. Seine Frau teilt seine Begeisterung, doch der Alltag für die junge Familie ist schwer. Obwohl Rust jetzt ein bekannter Mann ist, fehlt es an Geld. Seine Mutter zweigt einen Teil ihrer Rente für die junge Familie ab. Statt als Elektriker zu arbeiten, steckt er einen Großteil seiner Arbeitslosenunterstützung in das neue Projekt. Täglich radelt er ins Ahrensburger Tunneltal. Doch wo soll er mit der Suche nach den Nomaden beginnen? Bei einer Probebohrung stößt Rust auf eine ehemalige Wasserstelle. Hier müssten Rentiere während der Eiszeit getrunken haben, vermutet er. Er hofft, Überreste der Eiszeit-Nomaden zu finden. Vielleicht sogar menschliche Knochen.

Neue Kultur der Eiszeitjäger

Als er den ehemaligen Teich ausgräbt, ist er auf einfachste Technik angewiesen. Mit einer Pumpe versucht er, das Grundwasser abzusenken, das immer wieder in die Grube drückt. Rusts alter Mentor, Professor Schwantes, organisiert ihm sechs Helfer vom Freiwilligen Arbeitsdienst. Doch monatelange Arbeit bleibt ergebnislos. Zum ersten Mal ist auch Rust mutlos.
Doch an einem frühen Sommermorgen im Jahre 1933, stößt Rust auf ein zerlegtes Rentiergeweih, von Nomaden bearbeitet und hinterlassen. Seine Entdeckung bedeutet für Rust endgültig den internationalen Durchbruch. Der Selfmade-Archäologe hat eine neue Kultur der Eiszeit-Jäger entdeckt. 2000 Knochen und 111 Rentiergeweihe birgt Rust mit seinem Team. Aus den zerlegten Geweihen fertigten die Jäger Werkzeuge. Darunter Riemenschneider, die als Messergriffe dienten. Aus Feuerstein formten die Eiszeitmenschen scharfe Spitzen für ihre Waffen.

Gerade die Waffenfunde sorgen bei den Ausgrabungen im Ahrensburger Tunneltal 1934 für großes Aufsehen. Alfred Rust untersucht nun eine Wasserstelle nach der anderen. So ist die Chance am größten, weitere Entdeckungen zu machen. Und jetzt hält Alfred Rust auch Hof. Der ehemalige Amateurforscher empfängt die Elite der europäischen Urgeschichtsforschung. Rust entwickelt einen Riecher für weitere Volltreffer. Am neuen Tatort finden seine Helfer knapp 5.000 Knochen und Steinwerkzeuge. Wissenschaftliche Auswertungsarbeit für Jahre, für Jahrzehnte. Rust hat es zwar allen gezeigt, doch er selbst ist irritiert von seinen Funden.

Hamburger und Ahrensburger

Alfred Rust empfängt Wissenschaftler an der Grabungsstelle
Rust-Ausgrabung mit Wissenschaftlern

Denn viele Artefakte unterscheiden sich deutlich von denen, die er ein Jahr zuvor an anderer Stelle ausgegraben hat. Er kann sich die Unterschiede nicht erklären. Der Biologe des Teams bestätigt Rusts Bedenken, er datiert die Funde auf ein Alter von 12.000 Jahren. Das bedeutet, sie stammen von einer anderen Kultur. Rust entdeckt nicht eine, sondern zwei verschiedene Jäger-Kulturen. Die Nomaden der so genannten Hamburger Kultur zogen vor rund 14.000 bis 15.000 Jahren durch das Gebiet. Die Gruppen der Ahrensburger Kultur jagten später: vor etwa 12.000 Jahren. Wie ihre Vorfahren knapp 3.000 Jahre zuvor zogen diese Nomaden im Sommer gen Norden, zu den riesigen Rentierherden. Dabei schlugen auch sie im Tunneltal ihr Lager auf. Doch jagten sie mit den gleichen Waffen?

Rentierschulterblatt mit Loch
Rentierschulterblatt mit Loch

Rust stellt fest, dass die Menschen der Ahrensburger Kultur weitaus modernere Waffen einsetzten als ihre Vorfahren. Bei den Ausgrabungen entdecken seine Arbeiter die ältesten Pfeile der Menschheitsgeschichte. Vermutlich wurden sie von der Jäger-Gruppe vor rund 12.000 Jahren genutzt. Anders als die frühere Speerschleuder ermöglichen Pfeil und Bogen deutlich präzisere Schüsse bei einer fast doppelt so großen Reichweite. Unter den zahlreichen Knochen stößt er auf ein Rentierschulterblatt. Mit einem großen Loch in der Mitte. Für Rust ein sicherer Hinweis auf eine tödliche Verletzung durch eine Jagdwaffe.

Kultplatz-Theorie

Rentierskelett mit Stein im Brustkorb
Rentierskelett mit Stein im Brustkorb

Im Sommer 1934 macht Alfred Rust eine weitere, rätselhafte Entdeckung: ein fast vollständig erhaltenes Rentierskelett mit einem Stein im Brustkorb. Rust findet Dutzende Skelette, alle mit demselben Merkmal. Ist er auf einen Kultplatz der Nomaden gestoßen? Sagen die Skelette etwas über den Glauben und die Rituale dieser Menschen aus? Wieder wendet er sich an seinen Mentor, Professor Schwantes. Dieser stützt die Kultplatz-Theorie. Zu gerne möchte Rust verstehen, wie die Eiszeit-Nomaden die Welt gesehen haben. Doch der Gedankenwelt einer längst versunkenen Kultur nachzuspüren ist ungleich schwieriger, als ihre materielle Welt nachzuvollziehen. Dann stößt Rust auf eine Bernsteinplatte, in die geheimnisvolle Symbole geritzt sind. Geht es um Magie oder wollten die Eiszeit-Jäger ihren Nachfahren Botschaften hinterlassen? Die Symbole bewahren ihr Geheimnis bis heute.

Ohne Alfred Rust wären die alten Rentier-Jäger-Kulturen Norddeutschlands vielleicht nie entdeckt worden. Am 1. Juni 1940 erhält der inzwischen weltberühmte Forscher die Ehrendoktorwürde der Universität Kiel. Der einst mittellose Elektriker hat seinen Weg gemacht. Doch die Ehrendoktorwürde im Jahre 1940 fällt in das dunkelste Kapitel der Archäologie in Deutschland. Die Nationalsozialisten haben das Fach für sich entdeckt. Kein Wunder daher, dass eines der ersten Glückwunschschreiben von Wolfram Sievers, dem Geschäftsführer des "Ahnenerbes", kommt. Eine NS-Einrichtung, die die angebliche Überlegenheit der arischen Rasse belegen soll.

Umstrittener Ehrenbürger

Die Mitgliedschaft im Ahnenerbe bleibt der Makel in Rusts Lebenslauf. Doch selbst seine Gegner behaupten nicht, dass Rust ein überzeugter Anhänger der Partei war. Nach dem Krieg setzt er seine Forschungen fort. Ruhe und Entspannung findet er beim Malen. 1965 wird er Ehrenmitglied der Universität Köln und Ehrenbürger seiner Heimatstadt Ahrensburg, wo er auch am 14. August 1983 83-jährig stirbt. Doch bei den geplanten Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag geht Ahrensburg auf Grund Rusts Mitgliedschaft im "Ahnenerbe" wieder auf Distanz. Die Ehrung wird abgesagt.
Doch in der Geschichte der Archäologie gilt er als vorausschauender Pionier, getrieben von Neugier, Wagemut und Beharrlichkeit. Ihm zu Ehren ändert die Stadt Ahrensburg bereits 1976 ihr Wappen. Fortan wird es von einem von Rust entdeckten Rentiergeweih geschmückt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet