Entstehung der Jesusforschung

Die Suche nach dem historischen Jesus, Teil 1/3

Die Jesusforschung entstand in Folge einer umfassenden Revolution des Wissens der westlichen Welt, die wir mit dem Begriff Aufklärung bezeichnen. Weder auf die Macht von Institutionen noch die Herrschaft von Dogmen, sondern allein auf Vernunft und empirische Forschung sollte sich von jetzt an die Erkenntnis der Welt gründen.

Im Zuge dieser radikalen Veränderung der Wissensmoral wurde auch die Heilige Schrift der Christenheit zum Gegenstand empirischer Geschichtsforschung.

Maßstab an der Vernunft

Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich eine wissenschaftliche Lektüre der Bibel, die bis heute die akademische Theologie prägt und bezeichnender Weise "Bibelkritik" genannt wird. In der Tat: von jetzt an dienten nicht mehr die Bibel und ihre Erzählungen (von der Weltschöpfung bis hin zu den Geschichten über Jesus) als Referenzrahmen der Welterfahrung. Vielmehr fragte man sich umgekehrt: Passen die Erzählungen der Bibel noch zur "wirklichen" (wissenschaftlich erforschten) Welt? Die Geschichten der Bibel werden seitdem einer Kritik unterzogen, die ihren Maßstab an der Vernunft bzw. den Wissenschaften findet.

Dabei ging es von Anfang an auch um eine kritische Beleuchtung der Jesuserzählungen in den Evangelien des Neuen Testaments (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes). Vor allem jene Geschichten, die mit den Naturgesetzen unvereinbar schienen, wurden infrage gestellt: Zum Beispiel der Wandel Jesu über den See Genezareth oder die Jungfrauengeburt bzw. Jesu Auferstehung von den Toten. Die Kritik fokussierte sich, wie leicht zu sehen ist, auf die so genannten Wundergeschichten. Das ist kein Zufall, denn das Wort Wunder selbst wurde geradezu zum Inbegriff des naturwissenschaftlich Unmöglichen, oder umgekehrt: das Wunder wurde des "Glaubens liebstes Kind" - wie Faust sagt - und der Glaube vom Wissen unterschieden.

"Historische Jesusforschung"

Freilich erweiterte sich das Interesse schon bald von der Kritik an einzelnen Jesus-Geschichten hin zu einer Rekonstruktion der ganzen Geschichte Jesu, anfangs häufig als "Leben Jesu" bezeichnet. Heute dominiert allerdings der Begriff der "historischen Jesusforschung". Denn nur äußerst selten wagt sich kritische Jesusforschung noch an einen Entwurf des Lebens Jesu insgesamt, also an eine Biographie des Mannes aus Nazareth.

Für seriöse Jesusforschung klingt es darum geradezu schon marktschreierisch, wenn ein Buch über den historischen Jesus den Titel trägt: "Eine historische Biographie Jesu". Dies gilt umso mehr, wenn der Haupttitel desselben Buches "Sohn Gottes" lautet. Denn dies ist ja nun gerade der kritische Anspruch der historischen Jesusforschung, dass sie vom Menschen Jesus von Nazareth handeln will, so wie er historischer Forschung zugänglich ist. Die Biographie einer göttlichen Person ist demgegenüber empirischer Geschichtsforschung per definitionem nicht zugänglich. Ich spiele auf die deutsche Übersetzung eines Buches von E.P. Sanders an, dessen Titel im englischen Original im Übrigen bescheidener und korrekter lautet: The Historical Figure of Jesus.

Kritisches Verhältnis zur Kirche

Die Kirche verkündigt in ihren Glaubensbekenntnissen Jesus als Christus und Herrn, er ist "wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch", wie das berühmte Glaubensbekenntnis von Chalcedon 451 nach Christus formuliert hat. Historische Jesusforschung beinhaltet dagegen immer schon ein kritisches Verhältnis zur Kirche und ihren Lehrtraditionen. Albert Schweitzer spricht in seiner berühmten Darstellung der ersten Epoche der Jesusforschung (Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, 1906) von einem "Befreiungskampf vom Dogma" bzw. davon, dass die Jesusforschung die Bande löste, "mit denen Jesus seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war".

Wenn wir bedenken, dass im Islam bis heute eine historische Betrachtung des Koran nahezu ausgeschlossen ist und in bestimmten Regionen der Welt entsprechende Versuche immer noch lebensgefährlich sind, können wir nachvollziehen, dass Schweitzer die kritische Suche nach dem historischen Jesus emphatisch eine "Wahrhaftigkeitstat" der christlichen Kirche genannt hat.

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