Epidemie über Europa

Raubtiere als Nutznießer der Pest

Um die erste Jahrtausendwende erleben die restlichen Wälder eine neue Angriffswelle. Und wieder schwingt Rom die Axt. Die Kirche knüpft dort an, wo das römische Imperium einst aufgeben musste. Europaweit schießen Klöster aus dem Boden. Innerhalb der Stadtmauern breitet sich derweil eine tödliche Seuche aus.

Vor allem der Orden der Zisterzienser widmet sich neuen landwirtschaftlichen Techniken. Klosterbibliotheken werden zu Datenbanken des Feld-, Obst und Gemüseanbaus.

Neuer, nasser Lebensraum

Ordensregeln verändern Europas Landschaft. In manchen Klöstern fasten die Mönche bis zu 150 Tage im Jahr. Sie essen kein Fleisch, sehr wohl aber Fisch. So sind viele Klöster bis heute von ausgedehnten Fischteichen umgeben. Die Kirchenmänner schaffen über den ganzen Kontinent neuen, nassen Lebensraum, auch zum Vorteil der Tierwelt. Zur gleichen Zeit geraten allerdings viele Wasserbewohner unter Druck. Da Biber und Sumpfschildkröte wie Fische im Wasser leben, werden sie zur Fastenspeise erklärt und verschwinden auf diese Weise bald fast völlig aus Mitteleuropa.

Eine Abtei hat ihre weltliche Mission erfüllt, wenn die Waldlichtung, auf der sie gegründet wurde, zur Stadt herangewachsen ist. Im 14. Jahrhundert lebt bereits einer von acht Mitteleuropäern innerhalb von Stadtmauern. Auch wenn Städte von Menschen für Menschen gebaut sind - so war der Mensch hier schon immer in der Minderheit. Ratten vermehren sich sprunghaft in den städtischen Zentren. Angelockt von Vorratslagern und Abfällen. Ihre Gegenwart bringt eine tödliche Gefahr.

Beulenpest aus China

Mitte des 14. Jahrhunderts fegt eine Epidemie über Europa. Verbreitet von Ratten, springt die Seuche von Haus zu Haus und von Stadt zu Stadt. In nur drei Jahren ist die Hälfte der europäischen Bevölkerung ausgelöscht. Schiffsratten haben die Beulenpest aus China mitgebracht. Flöhe übertragen den Bazillus von Ratten auf Menschen. Die Pest macht keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, Jung und Alt. Viele glauben, die Apokalypse sei hereingebrochen, der Untergang der Welt.


250 Jahre wird es dauern, bis in Europa wieder so viele Menschen leben, wie vor der Katastrophe. Für Europas Wildtiere und Wälder ist das eine lange Atempause. Dörfer und Gehöfte sind verwaist, Felder bleiben unbestellt. Ganze Herden von Haustieren verwildern. Europas große Raubtiere, seit Jahrhunderten verfolgt und verdrängt, sind plötzlich wieder da. Ungestört von Menschen können Wolfsrudel jagen. Sie finden genug, um ihre Familien zu ernähren.

Erholung für Fauna und Flora



Es scheint eine uralte Regel: wenn Zivilisationen aufstreben, sind es die großen Raubtiere wie Wolf, Bär und Luchs, die als erste weichen müssen. Sie werden als Konkurrenten um wertvolles Wild gesehen oder als Bedrohung für die Viehherden. Erholen können sie sich nur nach verheerenden Seuchen oder Kriegen.
Das ganze Mittelalter hindurch waren auch die hochalpinen Wälder gerodet worden. Sie sollten Platz machen für immer neue Almen. Die Pest gebietet auch dieser Entwicklung Einhalt. Im milden Klima Europas wächst der Wald fast überall nach, wo der Mensch nicht eingreift. Unberührter Wald mit einer Tierwelt, die nach ihren eigenen Gesetzen lebt.

Der Schwarze Tod hat den Menschen Europas unsägliches Leid gebracht. Für die Natur war er ein Segen. Binnen weniger Jahrzehnte erobert der Wald Kulturland zurück, das Bauern über Jahrhunderte bestellt hatten. Dichte Wälder soweit das Auge reicht. Aber der Friede währt nicht lange.

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