Epochen der Jesusforschung

Die Suche nach dem historischen Jesus, Teil 3/3

Die historische Jesusforschung wird gern in drei Epochen eingeteilt. Die erste Epoche umfasst die Anfänge und die Etablierung der Forschung und ihrer Methoden (1750-1900). In der kurzen zweiten Epoche (1950-1970) bestimmten vor allem Fragen nach der theologischen Bedeutung die Diskurse. Die dritte Phase könnte eine Art Übergansphase sein.

Warum sollte die Theologie überhaupt nach dem historischen Jesus forschen? Denn die Kirche glaubt ja nicht an den historischen Jesus, sondern an Jesus Christus, den Gottessohn und Heiland der Welt. Zwei der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, Rudolf Bultmann und Karl Barth, erklärten sich aus verschiedenen Gründen strikt gegen irgendeine theologische Bedeutung des historischen Jesus.

Methoden und Modelle der Soziologie

Ernst Käsemann dagegen plädierte nachhaltig für die Suche nach dem historischen Jesus, deren Ergebnis er als Ideologiekritik an der Verkündigung der Kirche verstand. Gegenwärtig befinden wir uns in der dritten Epoche. Sie zeichnet sich schon dadurch aus, dass die Jesusforschung international geworden ist und inzwischen von englischsprachigen Beiträgen (zumal aus den USA) dominiert wird. Vor allem aber werden neue Methoden in die historische Kritik einbezogen: Etwa Methoden und Modelle der Soziologie, mit deren Hilfe zum Beispiel der charismatische Charakter Jesu und seine Anziehungskraft auf seine Nachfolger erklärt werden (unter Rückgriff auf Max Weber).

Eine bedeutende Rolle spielen auch kritische Anfragen der feministischen Theologie, die die Männerzentrierung der bisherigen Jesusforschung kritisiert und Jesus für einen Vorkämpfer der Gleichheit der Geschlechter hält. Nachhaltig verändert hat sich - wie schon angedeutet - die Interpretation des Judentums zur Jesuszeit und damit auch die Einschätzung des Jüdischseins Jesu selbst. Schließlich hat man seit einigen Jahren intensiver die sozialen, politischen und kulturellen Verhältnisse der Mittelmeerwelt, insbesondere auch Israels und Galiläas erforscht und dadurch eine ganz neue Erfahrung der Fremdheit Jesu und seiner Welt gemacht.

Resümee der ersten Epoche

Albert Schweitzers Resümee der ersten Epoche könnte auch und gerade für die jetzige dritte gelten: "Es ist der Leben-Jesu-Forschung merkwürdig ergangen. Sie zog aus, um den historischen Jesus zu finden, und meinte, sie könnte ihn dann, wie er ist, als Lehrer und Heiland in unsere Zeit hineinstellen. Sie löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück. Das eben befremdete und erschreckte die Theologie der letzten Jahrzehnte, dass sie ihn mit allem Deuteln und aller Gewalttat in unserer Zeit nicht festhalten konnte, sondern ihn ziehen lassen musste. Er kehrte in die seine zurück mit derselben Notwendigkeit, mit der das befreite Pendel sich in seine ursprüngliche Lage zurückbewegt".

Wenn nicht alles täuscht, so ist die dritte Epoche gerade dabei, auf ihre Weise der Relativität und Vorläufigkeit auch ihrer eigenen Forschungen inne zu werden. Immer mehr setzt sich die Einsicht durch, dass es den historischen Jesus nicht gibt. Was wir in der Jesusforschung zustande bringen, das sind Konstrukte der Forschung - und nicht mehr. Wer Jesus von Nazareth "wirklich" war, das können wir nicht wissen. Auch historische Forschung, und wenn sie noch so methodisch und ehrlich gegenüber ihren Quellen arbeitet, kann nur ein Bild, letztlich nur ihr subjektives Bild von der historischen Persönlichkeit Jesu entwerfen. Und viele Forscher und Forscherinnen entwerfen eben auch viele, zum Teil enorm unterschiedliche Bilder. Wenn es möglich wäre, das Bild von Jesus, die einzig wahre und angemessene Repräsentation seines Lebens und Wirkens und Leidens nachzuzeichnen, dann wäre es im Übrigen merkwürdig, wenn in 250 Jahren Suche danach dieses eine und einzige Bild bis heute noch nicht gefunden ist.

Eine Art Übergangsphase

Die dritte Epoche der Jesusforschung, so vermute ich also, befindet sich in einer Art Übergangsphase. Es wird jetzt immer offensichtlicher, dass historische Jesusforschung ein Kind der Moderne ist. In dem Maße, in dem allerdings postmoderne Theorien auch die Wissenschaftsrevolution der Aufklärung relativieren, in dem Maße wird sich auch die historische Jesusforschung verändern. Anders gesagt: Einstweilen wird nicht mehr mit westlichem Hochmut darüber gelächelt, wenn afrikanische Christen sagen: "Wir müssen nicht nach Jesus suchen, wir haben ihn nie verloren." Denn es ist die Einsicht in die kulturelle und historische Verflochtenheit der Jesusforschung gewachsen: Sie ist ein inzwischen ziemlich groß gewordenes Kind der westlichen Kultur der Moderne.

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