Erkaufter Friede

Barbaren werden mit Geschenken besänftigt

Im 2. Jahrhundert vor Christus regierten von Chang'An aus die Kaiser der Han-Dynastie das Reich der Mitte. In der Metropole lebten rund eine halbe Million Menschen hinter ihren mächtigen Mauern. Der Friede in dieser geordneten Welt war trügerisch und teuer erkauft. Die gefürchteten Barbaren aus der Steppe ließen sich nur mit teuren Geschenken besänftigen.

Adlige Chinesen liefern ihre Töchter als Geiseln an die Xiongnu

Davon berichtet Sima Qian, der offizielle Geschichtsschreiber des Hofes: "Als Kaiser Wudi den Thron bestieg, erneuerte er den Friedensvertrag mit den Barbaren. Er erlaubte ihnen entlang der Grenze Handel zu treiben und gab ihnen kostbare Geschenke."

Generöse Geschenke

Mit den Barbaren waren die Xiongnu gemeint, ein mächtiges Reitervolk, das in den endlosen Steppen der heutigen Mongolei lebte. Militärisch hatten die Chinesen gegen die wendigen Reiterkrieger mehr als einmal blutige Niederlagen erlitten. Es schien ratsam, sich die Barbaren mit generösen Geschenken vom Leibe zu halten: Wagenladungen voll kostbarer Seide, Silber, Wein, Getreide und edlem Schmuck verließen in regelmäßigen Abständen die Hauptstadt Richtung Norden.

Tochter verabschiedet sich von ihrer Mutter

Doch der erkaufte Friede war nicht unumstritten. Er belastete nicht nur die Staatsfinanzen, sondern zwang auch einflussreiche Familien zu persönlichen Opfern. Die Stammesführer der Xiongnu forderten die Töchter des Adels als Geiseln. Die offizielle politische Formel lautete: "Heqin" - "durch Heirat zu friedlichen Beziehungen". Doch welche Alternative gab es?

Blutige Rituale

Seit Jahrhunderten schon war das Ordosgebiet, in dem der Gelbe Fluss einen großen Bogen durch den Norden Chinas beschreibt, Zankapfel beider Kulturen. Das Gebiet eignete sich für die sesshaften chinesischen Ackerbauern, aber auch für die umherziehenden, nomadischen Viehzüchter. Jahraus, jahrein wurden die chinesischen Bauern hier Opfer des immergleichen blutigen Rituals. Unter Mühen und Entbehrungen rangen sie dem trockenen Boden die Ernte ab. Doch im Herbst sahen sie sich schutzlos den Plünderungen der Reiterkrieger aus dem Norden ausgesetzt. Um den langen, harten Winter in der Steppe zu überleben, holten sich die kriegerischen Nomaden mit Gewalt, was sie selbst nicht besaßen. Getreide als Nahrungsmittel und Eisen für ihre Waffen.

Reitervolk der Xiongnu

Die Raubzüge der Nomaden brachten die Stabilität des Reiches, ja sogar die Herrschaft der Han-Kaiser in Gefahr. Die Heiratspolitik war das kleinere Übel, auch wenn der Gesichtsverlust schmerzte. Die Nomaden galten in China als unzivilisierte Wilde, für die die chinesische Kultur nichts als Verachtung übrig hatte. Wie konnte jemand ebenbürtig sein, der die Zukunft aus Hammelknochen deutete und weder Schrift noch Verwaltung kannte?

Anspruch auf Ebenbürtigkeit

Erst um 200 v. Chr. war es einem Stammesführer gelungen, die Clans zu vereinen. Er nennt sich fortan Shanyu, das Pendant zum chinesischen Kaisertitel. Die regelmäßig eintreffenden Tribute aus dem Reich der Mitte sicherten die Vormachtstellung des Shanyu. Die erzwungenen familiären Bande mit den Adelsfamilien Chinas unterstrichen seinen Anspruch auf Ebenbürtigkeit. Mit dieser "Außenpolitik" hatten sich die Chinesen einige Jahrzehnte Frieden an ihrer Nordgrenze erkauft.

Adlige Chinesin am Tisch mit einem Nomadenführer

Das Leid, das die Töchter des Reiches dafür erdulden mussten, ist in zahlreichen Klageliedern und Gedichten überliefert. Für sie war das Leben unter den Nomaden mehr als ein nur ein Kulturschock: "Meinem schönen Land China bin ich entrissen, bin nichts mehr. Hier sind Mauern und Kleider aus Filz und Wolle, mit höchstem Ekel esse ich ihr stinkendes Hammelfleisch. Warum hat mir der erhabene Himmel einen barbarischen Gemahl gegeben? Nur die Hoffnung hält mich am Leben, dass ich eines Tages meine Heimat wiedersehen werde."

Kulturelles Zentrum der Welt

Tatsächlich konnte der Unterschied zwischen beiden Welten nicht größer sein. Die tragende Säule des chinesischen Kaisertums waren die Beamten, ausgebildet nach den Lehren des Konfuzius, die das private und öffentliche Leben bis ins kleinste Detail regelten. Die Schüler des Philosophen Konfuzius hatten seine Lehren im 5. Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben. Über 2000 Jahre lang war das buchstabentreue Zitieren und Deuten seiner Werke wichtigster Bestandteil der Beamtenprüfung - bis zum Ende des chinesischen Kaiserreichs im Jahre 1912. China war, seinem Selbstverständnis nach, der Hort der Zivilisation, das kulturelle Zentrum der Welt. Und der, der diesen Anspruch verkörperte war - der Sohn des Himmels: der Kaiser von China.

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