Erkenntnisreiche Inschriften

Heinrich Brugsch entschlüsselt die Chronik Ägyptens

Auf Empfehlung von Alexander von Humboldt gelangt der Deutsche Heinrich Brugsch Anfang 1853 nach Kairo. Er ist ein Experte auf dem Gebiet alter Schriften, in Ägypten aber ein Neuling. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. unterstützt Brugsch zwar mit Empfehlungsschreiben - aber leider nur mit 1500 Talern. Eine bescheidene finanzielle Ausstattung, denn die Preise für Antiquitäten sind in Ägypten enorm gestiegen.

Heinrich Brugsch beim Entziffern demotischer Schrift Quelle: ZDF

Den gewitzten arabischen Händlern ist das gewaltige Interesse der Europäer natürlich nicht entgangen. Nach Napoleons Ägyptenexpedition kauften auch der bayerische und der preußische König nahezu alles, was aus den historischen Stätten stammte. Sogar die noch nicht zu entziffernden alten Schriftrollen. Für Brugsch sind die Papyri die einzige Möglichkeit, mit seinen Demotisch-Studien voran zu kommen. So geht der Großteil seines schmalen Budgets an Händler, die Papyri von Grabräubern aufkaufen.

Heinrich Brugsch feilscht mit einem Händler Quelle: ZDF

Inhalt der Inschriften ist eine Sensation

Nach mehreren Monaten muss der französische Ausgräber Auguste Mariette einsehen, dass er auf fremde Hilfe angewiesen ist, um die Inschriften im Serapeum zu verstehen. Er wendet sich an den Deutschen, auch wenn Brugsch bis zu diesem Zeitpunkt an noch keiner einzigen Grabung teilgenommen hat. Obwohl Mariette die Praxis der theoretischen Wissenschaft vorzieht - von Brugsch hat er schon viel gehört. Der Deutsche beginnt sofort mit der Arbeit, begierig seine Demotisch-Kenntnisse anzuwenden. Er erkennt schnell, dass diese Zeichen im Serapeum etwas ganz anderes erzählen als alles, was er bisher übersetzt hat. Der Inhalt ist eine Sensation: Hier ist tatsächlich von den Apis Stieren die Rede.

Doch statt Indizien auf den Verbleib der Grabbeigaben findet Brugsch etwas anderes, wichtigeres: einen ersten Hinweis auf die Chronologie des Pharaonenreiches. Denn jeder Stier ist einem Pharao zugeordnet. Brugsch kann über die Geburts- und Todesjahre der Stiere so die Regierungszeit der jeweiligen Herrscher rekonstruieren. Eine Ahnenreihe, nach der zahlreiche Forscher vor ihm vergeblich gesucht hatten.

Demotische Schrift Quelle: ZDF

Grundlage der Reichsgeschichte

Mariette beginnt die Dimension seines Fundes zu begreifen: Es ist die erste zweifelsfreie Grundlage der ägyptischen Reichsgeschichte und ihrer Chronologie. Auch Mariette hatte sich gefragt, welcher König der Begründer dieses sagenhaften Imperiums war und wann der Grundstein für dieses alles überstrahlende Reich gelegt wurde. Die Einschätzungen der Gelehrten gehen 1853 noch um Jahrtausende auseinander - und das hatte einen guten Grund. Wie die meisten Chronologien antiker Völker richtet sich auch die ägyptische nicht nach einem Fixpunkt. Die Ägypter begannen mit jedem neuen Pharao auch erneut mit der Jahreszählung.

1864 wird eine weitere Chronologie gefunden: die berühmte Königsliste von Abydos. Für Brugsch und Mariette ein wichtiger Anhaltspunkt, denn die Liste bildet mit umrahmten Emblemen, den so genannten Kartuschen, 75 Pharaonen ab. Die erste Kartusche zeigt die des Pharao Menes, der 2955 vor Christus herrschte.

Königsliste Quelle: ZDF

Vom Augräber zum Forscher

Nachdem er die Bedeutung der von ihm entdeckten Ahnenreihe begriffen hat, ändert Mariette seine Arbeitsweise. Aus dem rustikalen Ausgräber wird ein ernstzunehmender Forscher. Heinrich Brugsch avanciert zu seinem engsten Vertrauten. Er begleitet Mariette immer weiter nilaufwärts. Unterstützt von Brugsch, entwickelt sich Mariette zum Ausgräber der Superlative. Berauscht von der Fülle und Schönheit der Tempel leitet Mariette Grabungen an 30 verschiedenen Plätzen. Schließlich gelangen Mariette und Brugsch nach Theben. In seinem Tagebuch schreibt Brugsch:"Wir lernten von einander und ergänzten die Lücken unseres Wissens der Altertumskunde und der ägyptischen Sprache durch den Austausch unserer Gedanken."

Je mehr Tempel und Monumente sie freilegen, desto weniger Artefakte schickt Mariette nach Frankreich. Denn mit seinen Funden wächst in ihm die Erkenntnis, dass die ägyptischen Altertümer ihren Platz hier im Land haben. Nach einigen Jahren hat Mariette so viel zusammengetragen, dass er ein Museum füllen kann. 1858 wird es in Kairo eröffnet, der Vorgänger des heute weltberühmten Ägyptischen Museums.

Ägyptisches Museum Kairo Quelle: ZDF

Willkommenes Aushängeschild

Zu dem ägyptischen Machthaber, dem Khediven Mohammed Said, pflegt Mariette ein gutes Verhältnis. Für den Khediven sind die Altertümer ein willkommenes Aushängeschild für sein Land. Er ernennt Mariette zum ersten Museumsdirektor und erhebt ihn in den Rang eines Paschas. Der geadelte "Mariette Pascha" gründet die erste Antikenverwaltung Ägyptens. In einem separaten Saal hat Mariette einen Ehrenplatz für den größten aller Pharaonen reserviert: Ramses II. Dessen Sarg konnten Mariette und Brugsch trotz aller Anstrengungen bislang noch nicht finden.

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