Erst fällt der Limes, dann die Provinz

Germanen überqueren im 5. Jahrhundert die Donau und fallen in Raetien ein

Etwa einen Kilometer nördlich des Ortskerns von Eining zeugen die Reste eines großen, offenbar kurzfristig angelegten Militärlagers von dem allmählichen Niedergang der römischen Gebiete nördlich der Donau.

Ruinen Kastell Eining
Ruinen Kastell Eining Quelle: ZDF

In dem Flurstück mit der Bezeichnung "Unterfeld" liegen die Überbleibsel eines elf Hektar umfassenden Militärlagers, in dem vermutlich während der Markomannenkriege zwischen 167 und 182 n. Chr. eine Elitetruppe stationiert war, die Legio III Italica. Für etwa die Hälfte der Legion, also für rund 3000 Soldaten, bot das einfache, aus Holz erbaute Lager Platz. Es gelang der Truppe, die Angreifer zurückzudrängen. Doch die Römer waren gewarnt: Die dritte Italische Legion blieb fortan in der Provinz Raetien und gründete das Lager Castra Regina nahe der Reginum genannten Vorstadt, beide auf dem Gebiet des heutigen Regensburg.

Steinmauer statt Holzpalisade

Auch der Ausbau der Limespalisade zur Raetischen Mauer ist wohl eine direkte Folge der Markomannenkriege. Offenbar konnte das mit der Zeit verfallende Holz nicht mehr genügend Schutz bieten. Unter Kaiser Commodus (180 -192) wurde die rund 106 Kilometer lange Holzpalisade durch eine zwei bis drei Meter hohe Steinmauer ersetzt. Ab dem Ende des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts erlebt auch der heute in Bayern gelegene Limesabschnitt einen schleichenden Niedergang, ähnlich wie in der Provinz Obergermanien.

Verschneite Landschaft
Verschneite Landschaft Quelle: ZDF

Der Klimawandel sorgt für schlechte Ernteerträge und zunehmenden Mangel an Brennholz; innenpolitische Unruhen schwächen das Imperium Romanum bis in die äußersten Winkel. Jenseits der Grenze entstehen größere, besser organisierte Germanengruppen. In Raetien ereignet sich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts aber noch eine weitere Katastrophe: Große Teile der Bevölkerung fallen einer Pestepidemie zum Opfer. Im Hinterland leben fortan kaum noch Menschen. Viele Gutshöfe verwaisen und werden aufgegeben, was über Versorgungsengpässe direkten Einfluss auf die Stärke der Grenztruppen gehabt haben dürfte.

Germaneneinfall bis nach Italien?

In der Summe führen die Ereignisse dazu, dass die römischen Truppen und der Limes um die Mitte des dritten Jahrhunderts den alamannischen Angriffen nicht mehr gewachsen waren. Vermutlich geschah dies schon früher und auch anders, als die Wissenschaftler es bisher angenommen haben. Nach einer aktuellen Untersuchung, bei der die gesamten Befunde vom Raetischen Limes zusammengetragen wurden, sieht es so aus, dass der Limes nicht um 260 herum aufgegeben wurde, sondern schon etwas früher, nämlich im Winter 253, vielleicht auch erst im Frühjahr 254. Es sieht so aus, als hätte es in Raetien nicht mehrere Germaneneinfälle gegeben, sondern tatsächlich nur eine einzige Phase mit einem sehr großen Germaneneinfall, der vielleicht sogar bis nach Italien hineingereicht hat.

Teilhabe am römischen Wohlstand

Der Streit dreht sich um ein bedeutendes historisches Datum, den Beginn der Völkerwanderung. Jahrhundertelang waren die Germanenstämme nun schon mit den Römern konfrontiert. Teilweise haben sie sich romanisieren lassen, manche haben sich als Söldner verdingt und die Kampftechniken der Römer gelernt, um sich dann wie Arminius mit seinen Cheruskern in der Varusschlacht gegen ihre früheren Arbeitgeber aufzulehnen. Und dann liest man in den Berichten antiker Historiker, unter anderem bei Tacitus, Sueton und Cassius Dio, von der Germani corporis custodes, einer aus Germanien stammenden Leibwache des römischen Kaiserhauses, die von Augustus bis Nero die Herrscher am Tiber beschützte, vergleichbar vielleicht mit der Schweizer Garde des Vatikans.

Das hochentwickelte wohlhabende Imperium und die Sehnsucht nach wärmeren Gefilden müssen die Germanen so sehr angelockt haben, dass sie eine Entscheidung mit historischen Folgen trafen. "Das Römische Reich, das hatte was zu bieten", resümiert der bayerische Landeskonservator Dr. C. Sebastian Sommer die Beweggründe für den Einfall in das benachbarte Reich. "Die Germanen wollten gar nicht unbedingt alles kaputtmachen und plündern. Sondern es ging ihnen auch darum, an der römischen Wirtschaftspotenz teilzuhaben. Im Grunde also etwas, was wir heute auch erleben, nämlich Wirtschaftsmigration. Eine Wanderung aus wirtschaftlich nicht so entwickelten Gebieten hin zu scheinbar besseren, auf jeden Fall komplexeren und damit reicher erscheinenden Gebieten. Das sind ganz spannende Bezüge zwischen der Zeit vor 1700 oder 1800 Jahren und heute."

Bebautes Feld mit Wachturm
Bebautes Feld mit Wachturm Quelle: ZDF

Zwischen dem Raetischen Limes und der Donau erobern die Germanen eine fruchtbare Region, für die die Römer eigens ihre Grenze vorverlegt hatten, um sie mit ihren Gutshöfen zu kultivieren. Die Böden des Nördlinger Rieses werden die Eindringlinge in der Folge weitaus besser versorgt haben als das karge Gebiet nördlich der ehemaligen Grenze. Den Römern gelingt es, ihre Provinz Raetien südlich der Donau zu sichern. Kaiser Diokletian (284 -305) etabliert den nördlichen Rand seines Imperiums entlang der Flüsse Donau, Iller und Rhein, einer nassen Grenze bis zur Nordsee.

Zunehmende Bedrohung

Am südlichen Ufer der Donau überdauerte das römische Militärlager Eining samt Besatzung das Ende des Raetischen Limes in der Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts. Die Ruinen sprechen aber in einer deutlichen Sprache von der zunehmenden Bedrohung: Im Südwesten des Lagers errichteten die Römer, vermutlich um das Jahr 300, ein 40 mal 40 Meter großes Binnenkastell. Es wurde ein zweiter Wehrbau eingefügt, der einige Merkmale spätrömischer Festungsanlagen aufweist. Die Wehrtürme wurden vorgelagert, das Tor durch einen Zwinger geschützt, und es gab Plattformen für Artilleriegeschütze.

Römischer Soldat mit armbrust-ähnlicher Waffe
Römischer Soldat mit armbrust-ähnlicher Waffe Quelle: ZDF

Die Soldaten sollten die Grenze mit modernster Militärtechnik sichern können. Es werden weitaus weniger gewesen sein als zu Zeiten des Obergermanisch-Raetischen Limes, denn das Binnenkastell hatte nur noch etwa ein Zehntel der vorherigen Fläche. Möglich auch, dass die Zivilbevölkerung in den Schutz der limeszeitlichen Kastellmauern zog. Etwa bis zum Jahr 430 blieben die Römer in Eining, dann überqueren die Germanen die Donau und fallen in das römische Grenzgebiet ein. Auch Regensburg war, vergleichbar mit dem nahen Eining, bis in die Spätantike römisch. Dann übernahmen die Baiovarii - "Männer aus Böhmen" - die Herrschaft über die Stadt an der Donau.

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