Europa vor dem Aufbruch

Unbestimmt, aber doch erwartungsfroh

Es liegt etwas in der Luft im Europa des ausgehenden 15. Jahrhunderts. Der Nachschub an Gewürzen und anderen Luxusgütern aus Fernost über die Seidenstraße kommt fast zum Erliegen. Beulenpest und politische Wirren blockieren das mehr als tausend Jahre alte Netz von Handelswegen. Konstantinopel fällt in die Hand der Türken. Andererseits eröffnen technische Erfindungen wie der Buchdruck völlig neue Möglichkeiten.

Mann mit Pferd und Pflug
Mann mit Pferd und Pflug Quelle: ZDF

Vor 1492 leben in Europa ebenso viele Menschen wie in Amerika: etwa hundert Millionen - aber auf einem Zehntel der Fläche. Sie ernähren sich von Brei und Brot aus Getreide und von den Produkten ihrer zahlreichen Haustiere. Der Pflanzenbau ist dank der Drei-Felder-Wirtschaft effizient. Mit Pferd, Rind und Schwein stehen drei Haustier-Arten zur Verfügung, die ein breites Nutzungsspektrum bieten: als Arbeitshilfe, Milch-, Fleisch- und Lederlieferanten. Auch Schafe, Ziegen und Geflügel werden gezüchtet. Allerdings hat die normale Bevölkerung - anders als in Amerika - keinen Zugang zu Wildbret. Die Jagd ist dem Adel vorbehalten. Neben Hirschen und Wildschweinen bringt man damals noch Wisente und Auerochsen zur Strecke.

Köche in der Klemme

Bäuerin melkt eine Kuh.
Bäuerin melkt eine Kuh Quelle: ZDF

Die Haltung von großen Pflanzenfressern kostet Futter und damit Fläche, die für den Getreideanbau benötigt wird. Das Prinzip der Massentierhaltung ist unbekannt. Möglichkeiten, tierisches Eiweiß zu erzeugen, sind begrenzt. Da passt es ganz gut, dass die Kirche Fleischverzehr an mehr als hundert Tagen im Jahr verbietet. Beliebteste Fastenspeise ist Süßwasserfisch. Doch aus damals rätselhaften Gründen gehen die Bestände in Flüssen und Seen allmählich zurück. Heute weiß man, dass zunehmende Bodenerosion infolge von verstärkten Rodungsmaßnahmen die Gewässer mit immer mehr Sedimenten belastet hat. Was also kommt in die europäischen Kochtöpfe?

Frösche und Sumpfschildkröten sind nur Notlösungen an kirchlichen Abstinenztagen. Für die Ernährung breiter Massen bleibt nur noch Meeresfisch. Die Hochseefischerei erlebt eine erste Blüte. Der Drang hinaus auf die Ozeane beflügelt Schiffbauer überall in Europa. Zudem suchen die Herrschenden neue Wege nach Fernost zu den Quellen begehrter Luxusgüter, und zwar über das Meer. Bereits seit dem 14. Jahrhundert stehen mit großen Segelschiffen vom Typ der Karacke sowie kleineren und wendigeren Fahrzeugen vom Typ der Karavelle leistungsfähige, hochseetaugliche Schiffe zur Verfügung. Auch auf den Gebieten von Kartografie und Navigation erzielen Nautiker beachtliche Fortschritte.

Knackpunkt Holz

Der Weg über die Weltmeere steht offen. Viele neue Handels- und auch Kriegsschiffe laufen vom Stapel, deren Konstruktion weitere Holzmengen verschlingt. Auch als Baustoff für immer mehr Häuser ist Holz unverzichtbar. Von Südeuropa bis zum Baltikum werden zahllose Bäume gefällt - mit ökologischen Folgen, die bereits seit der Antike aus Teilen des Mittelmeerraumes bekannt sind. Der Bedarf an Holz ist immens. Doch nicht zwingend führen die Rodungen zu flächendeckender Verödung. Zumindest die Umwandlung von Wald in landwirtschaftliche Nutzfläche hält die Erosion in Grenzen, solange der Boden gepflegt wird. Außerdem unterliegt das Roden seit dem 8. Jahrhundert gewissen Regeln - anders als in Amerika.

Mann fällt einen Baum.
Mann fällt einen Baum Quelle: ZDF

Dort haben die Anasazi bereits im Jahr 1130 den letzten Baum ihres Siedlungsgebietes gefällt. In der Folge verdorrten die Felder. Es kam zur ökologischen Katastrophe, und das Volk musste die lebensfeindliche Ödnis verlassen. So weit kommt es in Europa in der Regel nicht. Tatsächlich ist man sich hier schon früh der Bedeutung des Waldes als Brenn- und Bauholzlieferant, als Jagdrevier und als Hutewald für die Schweinemast bewusst. Daher sind großflächige Abholzungen eher die Ausnahme. Dennoch steht es um den Wald oft auf des Messers Schneide. Vor allem für Kriege werden ungeheure Holzmengen verheizt - in den Schmelzöfen der Rüstungs- und Waffenschmiede.

Unruhige Gesellschaft

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird es den Europäern auf ihrem Kontinent zu eng. Politische, religiöse und wirtschaftliche Rivalitäten nehmen in unerträglicher Weise zu. Eitelkeiten, Macht- und Gewinnstreben von Königen, Kirchenfürsten und Kaufmannsdynastien heizen die inner- und zwischenstaatlichen Spannungen an. Die Erfindung des Buchdrucks erlaubt die Verbreitung von Gedanken und Ideen quer über alle Länder in nie dagewesener Geschwindigkeit. Eine seltsame Unruhe erfasst alle Schichten der Gesellschaft. Die Herrscher Europas beginnen, Seefahrer in die ferne Gebiete zu schicken, um neue Ressourcen zu erkunden.

Manche versuchen, auf dem Weg nach Indien, Afrika zu umschiffen - ein hoch riskantes Abenteuer, das aber großen Gewinn verspricht. Doch ein Mann namens Christoph Kolumbus hat die Vision, nach Westen zu segeln. Um in den Osten zu gelangen. Der Sohn eines Wollwebers aus Genua ist begeistert von der verrückten Idee, Indien hinter der untergehenden Sonne zu suchen. In Isabella von Kastilien findet er die ideale Geldgeberin. Mit drei Schiffen will er seinen Plan umsetzen: der "Santa María", einer Karacke, und den beiden Karavellen "Pinta" und "Niña". Am Freitag, dem 3. August 1492, verlässt der kleine Flottenverband die südspanische Hafenstadt Palos in Richtung Atlantik. Am 12. Oktober 1492 wird er eine kleine Insel erreichen. Es wird der Beginn einer Zeitenwende sein.

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