Europas Schrecken der Meere

Das Zeitalter der Wikinger

In Skandinavien erblühte gegen Ende des 8. Jahrhunderts ein sagenumwobenes Volk: die Wikinger. Ihre schnellen und raffiniert konstruierten Schiffe ermöglichten es ihnen, sich sicher auf allen Meeren zu bewegen, und schenkten ihnen die grimmige Überlegenheit, mit der sie im frühen Mittelalter Europa auf ihren Raub- und Eroberungszügen heimsuchten.

Wikingerschiff auf stürmischer See (Spielszene)
Ein Wikingersegel am Horizont bedeutete im frühen Mittelalter Unheil. Quelle: ZDF

Die stolzen Drachenboote der Wikinger waren ihrer Zeit weit voraus. Mit ihrem geringen Tiefgang und ihrer Bauweise waren sie hervorragend für schnelle Gleitfahrten geeignet. Dank des flachen Kiels konnten die Schiffsmannschaften direkt am Strand landen und mussten nicht erst umständlich in Beiboote umsteigen.

Berüchtigte Überfälle

Das ermöglichte den Nordmännern immer wieder Überraschungsangriffe vom offenen Meer aus. Sie schienen den Chronisten des Mittelalters so übernatürlich, dass sie sie als Naturkatastrophen bezeichneten, gleichwertig mit Wirbelstürmen und Kometen. Der Blitzüberfall auf die englische Klosterinsel Lindisfarne im Jahre 793 war der Auftakt einer dreihundertjährigen Schreckensperiode, in der die Menschen nichts so sehr fürchteten wie ein Wikingersegel am Horizont.

Wikingerangriff vom Meer aus (Spielszene)
Wikingerangriffe wurden mit Naturkatastrophen gleichgesetzt. Quelle: National Geographic

Die Wikinger waren die besten Bootsbauer und kühnsten Seefahrer ihrer Zeit. Ihre hervorragenden Nautikkenntnisse waren nicht zuletzt den natürlichen Gegebenheiten ihrer Heimat geschuldet: Skandinavien ist ein einziges Wasserlabyrinth. Sogar ohne die unzähligen Inseln ist Norwegens zerklüftete Küstenlinie fast so lang wie die Küste ganz Australiens. Jeder Weg dort endet unweigerlich an einem Wasserhindernis. Nur mit Booten konnte man die Distanzen schnell überbrücken und zugleich die Schätze des Meeres abfischen.

Von Seeräubern zu Siedlern

Auch die karge Natur trug dazu bei, dass aus friedlichen Bauern berüchtigte Seeräuber wurden. Die fruchtbare Saison war kurz, die Böden gaben wenig her, man wirtschaftete am Existenzminimum. Zwischen Aussaat und Ernte versammelten sich junge Männer, um auf Raubzug zu gehen - in ihrer Sprache auf "Wiking". Von ihrer skandinavischen Heimat aus unternahmen die Wikinger Plünderfahrten nach Südwesten.

Animation: Raub- und Eroberungszüge der Wikinger
Die Wikinger umsegelten Europa und gelangten bis Vorderasien. Quelle: ZDF

Mit ihren Drachenbooten machten sie die Küsten unsicher und drangen über die großen Flüsse wie Rhein, Rhone oder Loire ins Landesinnere vor, sie erreichten sogar Afrika und Asien. Aus den Plünderfahrten wurden allmählich systematische Eroberungszüge quer durch Europa. In Teilen der Britischen Inseln und Frankreichs wurden skandinavische Reiche errichtet, wovon das Herzogtum Normandie am dauerhaftesten und erfolgreichsten war - 1066 gelang den Normannen unter Herzog Wilhelm II. die Invasion Englands.

Vorstoß nach Westen

Wagemut und die Hoffnung auf Neuland trieben die Nordmänner schon seit dem Frühmittelalter an ferne Küsten. Sie fassten Fuß auf den Faröer-Inseln, auf Island und sogar auf Grönland. Doch erst ein Sensationsfund enthüllte, wie weit westlich sie ihre Seefahrten geführt hatten: bis nach Neufundland in Nordamerika, heute ein Teil Kanadas. 1969 gelang dem Archäologen-Ehepaar Ingstad mit den Ausgrabungen von L'Anse-aux-Meadows auf Neufundland, einem Teil Ostkanadas, der Nachweis der ersten skandinavischen Siedlung in der Neuen Welt.

Entdeckungsfahrten der Wikinger zwischen Europa, Island, Grönland und Kanada (Animation)
Feuersteinfunde bezeugen, dass die Wikinger Nordamerika erreichten. Quelle: ZDF/Nordic United

Die Forscher entdeckten Reste von Wikingerhäusern und Artefakte, die nordische Herkunft verrieten, darunter Nägel aus sogenanntem Raseneisenerz. Den Wikingern war die aufwendige Technik bekannt, nach der man aus dem minderwertigen Metall Nägel und Nieten für den Schiffsbau schmiedete, während die amerikanischen Ureinwohner weder den Werkstoff noch die Methode kannten. Später fand man auch Feuersteine, deren Ursprung anhand ihrer mineralogischen Zusammensetzung verfolgt werden konnte: Sie stammten aus den Wikingersiedlungen auf Grönland und Island. Die Wissenschaftler sind sich sicher: Ungefähr 1000 n. Chr., 500 Jahre vor Kolumbus, erreichten Wikinger unter Führung von Leif Erikson den amerikanischen Kontinent.

Hightech im Hochmittelalter

Kein anderes Volk konnte sich in der damaligen Zeit in puncto Seefahrt mit den Nordmännern messen. Aber was machte ihre Schiffe so besonders? Seit 10.000 Jahren hatten die Wikinger viel Einfallsreichtum auf den Bau seetüchtiger Gefährte verwendet. Vergleichsweise spät statteten sie ihre Schiffe auch mit Mast und Segel aus. Die häufig roten oder gestreiften Segel waren aus Schafswolle, ein dehnbares Gewebe, das sich im Wind bläht und so den Vortrieb verbessert. Auch für den Bau des Rumpfes kannten die Wikinger eine Art Geheimrezept: Axt statt Säge. Sie suchten passend gewachsene Bäume und spalteten das Holz nur entlang der Faserrichtung. Auf diese Weise behielt es seine natürliche Elastizität - wie ein Baum, der im Wind schwankt. So konnten die Wikinger aus dünnen, biegsamen Planken stabile Rümpfe bauen, die sich bei Wellengang elastisch verformten.

Und noch eine Besonderheit weisen die Schiffsrümpfe auf: Sie sind in Klinkerbauweise konstruiert, das heißt, die Planken am Rumpf überlappen sich. Das verleiht nicht nur Stabilität, sondern auch eine Extraportion Geschwindigkeit: Entlang der Rillen bilden sich Luftpolster, die die Wasserreibung vermindern. So gelangt das Schiff, erleichtert durch den flachen Kiel, in schnelle Gleitfahrt. Bis zu 20 Knoten erreichten die Wikingerboote - das bewiesen Expeditionsfahrten mit rekonstruierten Schiffen. Damit waren sie ebenso schnell wie die Titanic etwa tausend Jahre später und wie moderne Regattayachten heute.

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