Evakuierung nach Risikozonen

Pläne für den Ernstfall sollen die Folgen eines Ausbruchs mindern

Wer in Neapel lebt, muss mit einer Vesuv-Katastrophe rechnen. Die Menschen in der Stadt bereiten sich gründlich darauf vor und hoffen dennoch, dass es niemals geschieht. Doch im Ernstfall sollte eine Evakuierung möglichst reibungslos ablaufen.

Evakuierungsübung in Neapel Quelle: ZDF

Für Evakuierungspläne ist die Staatliche Zivilschutzbehörde in Neapel zuständig. Initiator und Leiter dieses Projektes ist der international anerkannte Vulkanologe und Katastrophenexperte Franco Barberi. Mehrere Jahre haben er und sein Mitarbeiterstab an dem Krisenkonzept gearbeitet. Alle verfügbaren Daten, wie Bevölkerungszahlen, Infrastruktur, Wetterfaktoren und das zu erwartende Zerstörungspotential haben sie dabei berücksichtigt. Ziel ihrer Pläne ist es, möglichst viele Menschen noch vor einem Ausbruch in Sicherheit zu bringen.

Ausfallstrassen Neapel Quelle: ZDF

Tödliche Falle

An erster Stelle steht die ganz praktische Frage, wie kommen die Menschen aus der Stadt heraus? Das Hauptproblem ist dabei die enge Bebauung der Altstadt. Schon an einem gewöhnlichen Tag kommt niemand vorwärts, ohne ständige Behinderungen. Bricht hier Chaos aus, wird bereits das zu einer Katastrophe. Die malerischen, verwinkelten Gassen der Altstadt können leicht zur tödlichen Falle werden. Selbst die breiten Ausfallstraßen münden in ein Nadelöhr. Schmale Tunnel verengen den Weg. Wer die Innenstadt mit dem Auto verlassen will, muss da durch. Zur Hauptverkehrszeit staut sich dabei seit Jahren regelmäßig der Verkehr bis zum Zusammenbruch.

Um ein Chaos zu verhindern, sehen die Pläne vor, Neapel in Etappen zu räumen. Stadtteil für Stadtteil - unter Polizeiaufsicht. Die Reihenfolge legt die so genannte Gefahrenkarte fest. Sie teilt Neapel in Risikozonen ein. Dort, wo es am gefährlichsten ist, sollen die Menschen als erstes die Stadt verlassen. Ein Evakuierungskonzept, das man bisher erst ein einziges Mal in kleinem Maßstab geprobt hat. Mit rund 2000 Bewohnern, allesamt laut Gefahrenkarte aus Stadtvierteln der höchsten Risikostufe. Über 1000 Helfer sind dabei im Einsatz. Buskolonnen holen die Menschen in ihren Wohnvierteln ab und bringen sie zu Sammelstellen am Stadtrand. Jeder wird registriert. Familien bleiben zusammen und bekommen Notunterkünfte weit außerhalb Neapels zugewiesen. All das klappt bei der Übung. Doch niemand hatte dabei Angst- und Panikgefühle. Im harmlosen Testfall hält sich jeder bereitwillig an die auf der Gefahrenkarte vorgegeben Evakuierungsreihenfolge.

Risikozonen rund um den Vesuv Quelle: ZDF

Rote, gelbe und blaue Gefahrenzonen

"Rot" ist die gefährlichste der Gefahrenzonen. 600.000 Menschen leben in Stadtbezirken unmittelbar am Vesuv. Sie sollen als erste evakuiert werden. Sieben Tage wird das dauern, so die Berechnungen der Zivilschutzbehörde. Wer hier nicht rauskommt, hat bei einem großen Ausbruch keine Überlebenschance mehr. Die tödlichen "Glutlawinen" brauchen nur Minuten. "Gelb" kennzeichnet Stadteile der 2. Prioritätsstufe. Sie reicht bis zur Innenstadt. Die Behörden gehen davon aus, dass in diesen Bezirken große Gesteinsbrocken und weiteres schweres Auswurfsmaterial einschlagen. Für Gebäude zerstörerisch, für Menschen lebensgefährlich. Die "Blaue Zone" soll als letztes evakuiert werden. Es sind Stadtteile, in denen im Katastrophenfall mit einem massiven Ascheregen gerechnet wird. Er macht das Atmen schwer und verwandelt die Straßen in schmierige Rutschbahnen.

Pyroklastischer Strom Quelle: ZDF

Dabei gehen alle drei Szenarien von einer geringeren Ausbruchsstärke aus als in "Pompeji". Wiederholt sich der antike Ausbruch, kommt alles weit schlimmer. Und dieses Szenario können die Experten nicht ausschließen. Eine erfolgreiche Evakuierung setzt aber voraus, dass man frühzeitig weiß, wann der Ausbruch erfolgt. Im Unterschied zu Erdbeben kündigen sich große Vulkanausbrüche oft Monate vorher an. Zum einen durch viele Erdbeben unter einem Vulkangebäude, zweitens wölbt sich die Erde auf bei einem Vulkan und drittens ist die Entgasung sehr viel stärker als normal. Das Hauptproblem bei einer präzisen und rechtzeitigen Evakuierung ist, dass man den Tag und die Stunde eines Ausbruchs meistens nicht genau vorhersagen kann.

Volkswirtschaftlicher Alptraum

Vesuvobservatorium Neapel Quelle: ZDF

Deshalb gilt im Vesuv-Observatorium in Neapel die Devise: lieber zu früh warnen, als zu spät. Institutsleiter Giovanni Macedonio hat sein Team angewiesen, schon beim ersten Verdacht die zuständige Behörde zu informieren. Wird Neapel dann tatsächlich komplett geräumt, hat das gewaltige Konsequenzen. Experten haben dieses Szenario bereits theoretisch durchgespielt. Eine für Wochen völlig brachliegende Wirtschafts- und Handelsmetropole, ein volkswirtschaftlicher Alptraum mit Kosten in Milliardenhöhe. Und alles muss vor Plünderungen und Vandalismus geschützt werden.

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