Evakuierung und Wiederentdeckung

Schausammlung und Archivalien mit getrennten Schicksalen

Am 11. Oktober 1944 befindet sich die Rote Armee im Großangriff auf Ostpreußen. Hunderttausende Deutsche verlieren ihre Heimat. Im Königsberger Schloss wird ein Großteil der legendären Prussiasammlung in Kisten verpackt und per Zug Richtung Westen verfrachtet. Doch in den Wirren der letzten Kriegstage verliert sich ihre Spur. Dann führt ein Hinweis zum Gutshof Broock bei Demmin in Vorpommern.

Karte Abtransport Prussia-Schatz nach Schloss Broock Quelle: ZDF

60 Jahre später trifft Prußenforscher Timo Ibsen Prof. Reimund Blühm, der Schloss Brook aus Zeiten kennt, als es noch keine Ruine war. "In jenen Tagen", erinnert sich Blühm, "war das Herrenhaus überfüllt mit verzweifelten, hungrigen, frierenden Flüchtlingen aus dem Osten". Doch was den geschichtsbegeisterten 16-jährigen damals, kurz nach dem Krieg ins Schloss lockte, waren Gerüchte von geheimnisvollen Kisten, die auf dem Dachboden versteckt sein sollten. Er fand die Prussia-Kisten, aufgebrochen, zerwühlt. Blühm erzählt, wie er sofort dem zuständigen Inspektor die überall verstreut liegenden Objekte zeigte. "Auf dem Fußboden lag eine richtige Schicht mit diesen Museumsdingen. Die Flüchtlinge interessierte das nicht. Sie waren mit existenziellen Dingen beschäftigt."

Schloss Broock Quelle: ZDF,Stephan Zengerle

Leidvolle Erinnerung

In dieser Zeit der Ungewissheit und Verzweiflung werden die Kisten erst auf dem Dachboden des Gutshofes versteckt, dann, 1949, nach Ost-Berlin geschickt. Dort verliert sich abermals ihre Spur, ein halbes Jahrhundert lang. Bis zur Wende und der Zusammenführung der Museen. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte im Charlottenburger Schloss beherbergt eine der Originalkisten. In der Ostberliner Akademie der Wissenschaften wurden sie im hintersten Keller verborgen, um einen Abtransport nach Russland zu verhindern. Eine Fundgrube für Ibsen, für Blühm eine leidvolle Erinnerung. Zum ersten Mal seit 60 Jahren sind die verschollenen Originalarchivalien zur Vorzeit Ostpreußens wieder greifbar.

Überreste Aufzeichnungen über die Prussia-Sammlung Quelle: ZDF

Neben den Archivalien enthalten die verloren geglaubten Kisten 50.000 Fundstücke. Akribisch werden sie katalogisiert und anschließend konserviert. Aber die besten Teile fehlen, die Schausammlung. Die blieb wegen ihrer Symbolkraft für die ostpreußische Bevölkerung noch im Kriegswinter 44/45 in Königsberg. Das einzige Prachtstück aus Wiskiauten an der Samlandküste, wo bereits 1865 auf der Spur der alten Prußen gegraben wurde, ist ein skandinavisches Schwert mit feinen, goldenen Einlegearbeiten. Es zeigt Handwerkskunst auf höchstem Niveau.

Funde auf dem Schwarzmarkt

Ende Januar 1945 steht die Rote Armee vor den Toren von Königsberg. Der Festungsring der Stadt ist aus dem 19.Jahrhundert. Die Sowjets nutzen die Forts bis 1999 als streng bewachte Munitionslager. Nach ihrem Abzug kommen die Schatzjäger. Auf dem Schwarzmarkt tauchen archäologische Funde mit deutschen Etiketten auf. Anhand alter Kataloge lassen sie sich schnell der verschollenen Schausammlung aus dem Königsberger Schloss zuordnen. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB ermittelt als Herkunft Fort III.

Fort III Quelle: ZDF,Stephan Zengerle

Gemeinsam mit russischen Kollegen erkundet Ibsen das Labyrinth der Kasematten von Fort III. Unterirdische Verbindungsgänge führen zu den alten Munitionsdepots. Aus den Protokollen weiß er, dass Zeitzeugen Kisten der Prussiasammlung gesehen haben wollen. Im Schutt der Geschichte legt Konstantin Skorzow eine Speerspitze frei. Stehen sie hier nach den Kisten aus Schloss Broock vor einem weiteren Teil des verlorenen Schatzes? Ist die hastige Evakuierung der Sammlung im Januar 1945 fehlgeschlagen? Zum zweiten Mal werden die Zeugnisse einer untergegangenen Kultur entdeckt und ausgegraben, denn die Speerspitze kennt Ibsen aus den Prussiaarchivalien.

Fundstück verrostete Speerspitze Quelle: ZDF

"Verrosteter Schrott"

Die russischen Archäologen beginnen umfangreiche Nachforschungen, auch im Bereich der Außenmauer. Skorzow ist sich sicher, dass in Fort III in den letzten Kriegstagen Prussia-Stücke vergraben wurden. Und sie werden fündig: die aufwändig verzierte Wikingerfibel mit einem Flechtbandornament ist identisch mit der Abbildung im alten Katalog der Schausammlung. Offensichtlich hastig verscharrt: Immer mehr "verrosteter Schrott" kommt nach über 60 Jahren wieder ans Tageslicht.

Erst in den Händen der Restauratoren entpuppt sich der Prussia-Schatz als Kleinod. Stück für Stück wird der Schatz dem Vergessen entrissen. Für die Evakuierung Richtung Westen war es zu spät. Die wertvolle Schausammlung hat Königsberg offenbar nie verlassen. Was auch die Jäger des verschollenen Bernsteinzimmers wieder verstärkt in Königsberg selbst suchen lässt. Die Archäologen beginnen zu ahnen, welch immense Kostbarkeiten die Prussia-Sammlung einst im Königsberger Schloss umfasste. Sie ist mehr als nur materiell wertvoll. Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis des sagenumwobenen Volks der Pruzzen und ihrem Verhältnis zu den Wikingern.

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