Expedition in die Anden

Erlebnisbericht der Dreharbeiten

Gemeinsam mit dem deutschen Extrem-Archäologen Klaus Koschmieder hat sich ein Team des ZDF auf zu einen der entlegendsten Winkel der Anden begeben, dorthin wo es keine Straßen und Wege mehr gibt: zur versunkenen Stadt der Wolkenmenschen.

Expeditionsteam an den Berghängen der Anden
Expeditionsteam an den Berghängen der Anden Quelle: ZDF

Das Kameraequipment und unser Marschgepäck wiegen schwer, besonders wenn man sich auf schmalen Trampelpfaden an den steilen Andenhängen entlang balancieren muss. Jeder Ausrutscher kann den Absturz bedeuten - vielleicht nur ein paar Meter, vielleicht aber auch in einen gähnenden Abgrund.

Fall in die Tiefe

Es ist ausgerechnet eine auf den ersten Blick harmlose Stelle, die uns an den Rand einer Tragödie bringt. Auf feuchtem Boden und loser Erde rutscht unser Regisseur Michael Tauchert aus, findet keinen Halt und stürzt über eine Felskante hinab in die Tiefe. Die Schreie unserer Teammitglieder übertönen das Tosen des Wasserfalls, der unter ihm seine Gischt versprüht.

Ein ängstlicher Blick über die Kante lässt Hoffnung aufkeimen: Ein Netz von Lianen hat Tauchert aufgefangen und vor dem Fall in die Tiefe bewahrt. Hilflos hängt er wie in einem Spinnennetz über den rauschenden Wassermassen. Mit jeder Bewegung könnten die Lianen nachgeben.

Siedlungsspuren

Erst nach mehreren Versuchen gelingt es uns, Seile über seine Füße zu werfen und festzuziehen. Mit einer menschlichen Rettungskette bekommen wir ihn schließlich zu fassen und ziehen den erfahrenen Filmemacher mit vereinten Kräften wieder auf sicheren Boden. Wir hoffen, dass der Absturz kein schlechtes Omen für die kommenden Tage sein wird.

Die Abgründe sind nicht die einzige Gefahr. Dornen säumen den Weg und ab und an drohen Attacken von Killerbienen, die schwerste Folgen haben könnten. Doch den summenden Vorboten folgt Gott sei Dank kein Schwarm. Die Siedlungsspuren der Chachapoyas sind nicht nur schwer zugänglich, sondern auch so versteckt, dass selbst unser erfahrener Guide einmal nicht mehr weiter weiß. Wir müssen unverrichteter Dinge umkehren - acht Stunden vergeblichen Fußmarsches in der dünnen Höhenluft liegen hinter uns.

Hinweise auf den Totenkult

Menschengestaltige Lehmsarkophage
Lehmsarkophage der Chachapoya Quelle: ZDF

Doch am nächsten Morgen nach einer regnerischen Nacht im Zelt wagen wir einen neuen Anlauf. Diesmal stimmt die Richtung. Doch kurz vor dem Ziel, einer entlegenen Sarkophaggruppe an einem Felshang, lässt sich unser Kameramann Klaus Hernitschek unvermittelt nieder. "Ich kann nicht mehr", sagt der gut trainierte und bergerfahrene Bayer keuchend, obwohl er die bunt leuchtenden Sarkophage der Wolkenmenschen schon sehen kann. Es ist einer der schlimmsten Märsche der gesamten Expedition, einige Begleiter der peruanischen Kulturbehörde mussten wir bereits zurücklassen. Auf dem Rückweg zum Camp werden wir sie wieder mitnehmen.

Nach einer Stunde Erholung wagt der Kameramann den Aufstieg auf ein Felsplateau oberhalb und filmt die spektakuläre Ausgrabung in luftiger Höhe. In mühsamer Kleinarbeit legt Archäologe Koschmieder Schädel und Knochen frei und dokumentiert sie für die Wissenschaft. Gleich daneben entdecken wir Felsmalereien der Chachapoya. Sie zeigen Tiere, Menschen, aber auch Boote - ein Hinweis auf ihre Herkunft? Kommen Sie vielleicht aus dem Amazonas-Tiefland? Ein weiterer Fundort, ein weiteres Puzzleteil, das die Konturen der Chachapoyakultur ein wenig klarer erscheinen lässt, entschädigt für all die Strapazen.

Eine Stadt mitten im Dschungel

Team legt Grabstätten frei.
Grabstätten der Chachapoya Quelle: ZDF

Doch der Höhepunkt unserer Reise wartet noch auf uns: die Dschungelstadt Gran Pajatén. Diese Etappe führt uns über die abgelegene Goldgräberstadt Pataz hinauf auf 4200 Meter. Mit 20 Maultieren, insgesamt 25 Mann und Verpflegung für zwei Wochen überqueren wir die Andenketten.

Steinig winden sich die schmalen, staubigen Pfade an den steilen Hängen entlang. Jeder Fehltritt eines Maultieres könnte einer zu viel sein. Einmal bricht eines der störrischen Tiere aus und wirft unseren peruanischen Helfer - einen erfahrenen Reiter - ab. Er hat Glück im Unglück: Eine leichte Gehirnerschütterung und eine blutige Nase werden wieder vergehen.

Marsch mit Machete

Auf der anderen Seite wartet der Dschungel auf uns. Hier ist Schluss für die Maultiere. Zu schwierig und abschüssig sind die Wege. Im Dickicht dieses Waldes haben sich schon mehrere Expeditionen verirrt, sind Menschen umgekommen. Wir verlassen uns auf einen erfahrenen Führer. An einem der Lagerplätze an einem steinigen Flussbett zeigt er uns ein Bärenskelett. "Die alten Bären kommen ins Tal, um hier zu sterben", erklärt er.

Nach vier Tagen am Ziel

Viele Jahre war niemand mehr auf den überwachsenen Dschungelpfaden unterwegs. Ohne Machete wäre hier kein Durchkommen. Plötzlich wird es hell auf dem Weg vor uns. Das Blätterdach öffnet sich: Ein gewaltiger Erdrutsch hat alles mit sich gerissen und eine breite Schneise in den Bergregenwald gepflügt. Wir hoffen, dass der lockere Untergrund hält.

Vom letzten Camp aus führt uns der Weg am vierten Tag über umgefallene Baumstümpfe und schlüpfrige Steilpfade zum Ziel unserer Reise: die überwucherte Dschungelstadt "Gran Pajatén". Sie entschädigt uns für die Gefahren der letzten Tage. Die Ausmaße von Gran Pajatén lassen sich unter der dichten Vegetation nur erahnen. So schwer das Dickicht das Filmen macht, so beeindruckend ist es, die Steinstrukturen hinter Farnen und unter einer dicken Moosschicht zu erkennen - wir fühlen uns wie Entdecker.

Überwucherte Mauerreste
Überwucherte Mauerreste - Chachapoya Quelle: ZDF

Beim Wandeln entlang der historischen Mauern und Betrachten der kunstvollen Reliefstrukturen vergessen wir die Stiche der riesigen Stechbremsen und ihr allgegenwärtiges Summen. Wir stellen uns vor, wie prächtig die Stadt einst gewesen sein muss, bevor die Inkas kamen, das Volk der Wolkenmenschen vernichteten und der Dschungel sich die Mauern wieder einverleibte.

Am Ende dieses Tages sind auch die peruanischen Macheteros müde. Sie sind die Strapazen gewöhnt und holen sich Energie durch das Kauen von Coca-Blättern. "Tigres" - Tiger - nennen sie sich und drücken damit aus, dass sie zäh und kräftig sind und vor allem keine Furcht kennen. Es ist, als ob ich einen Orden verliehen bekommen würde , als nach einem der schwersten Fußmärsche zurück zum Basislager, einer der Träger anerkennend auf meine Schulter klopft und sagt: "Eres un tigre" - "du bist ein Tiger".

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