Explosion auf der Hydro

Fähre sinkt mit Fässern voller Schwerem Wasser

In der Nacht zum 20. Februar 1944 verladen deutsche Soldaten die geheime Fracht in Eisenbahnwaggons. Von der Fabrik geht es auf Schienen zur Anlegestelle im nahen "Mael". Dort rollen die Waggons auf die Fähre Hydro.

Die Fähre übernimmt die Passage auf die andere Seite des Tinnsees. Von dort kommen Zug und Schiff für die Weiterfahrt nach Deutschland zum Einsatz. So der Plan.

Fähre als schwächstes Glied

Knut Hansen beobachtet die Aktion damals. Er und seine Kumpel wissen, dass sie rasch handeln müssen, um das Vorhaben zu vereiteln. Die Rebellen machen als schwächstes Glied in der Transportkette die Fähre aus. Eine Explosion würde die Fässer im 400 Meter tiefen See versenken. Ein mörderischer Entschluss, denn Hansen ist klar: Die Zerstörung der Fähre wird viele Menschenleben fordern. Und in dem kleinen Ort kennt jeder jeden. Immerhin können auch Angehörige und Freunde der Widerständler auf der Fähre sein. Aber um das Ganze nicht zu gefährden, darf sie niemand warnen.

Also fragt Hansen noch einmal beim Geheimdienst in London nach: "Wir können nicht entscheiden, wie wichtig diese Aktion ist. Wir bitten um nochmalige Bestätigung, möglichst bis heute Abend." Der SOE reagiert postwendend. Doch die streng geheime telegrafische Botschaft lautet anders als erhofft. Fassungslos lesen die Norweger: "Die Versenkung der Fähre muss auf jeden Fall ausgeführt werden, selbst wenn Opfer unter Zivilisten nicht zu vermeiden sind. Erfolg unabdingbar!" Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Zeitzünder auf 10:45 Uhr

An der Bahnstation der Anlegestelle erwarten die deutschen Wachen die brisante Fracht. Als die Soldaten in der kalten Nacht eine Pause machen, schleichen sich die Saboteure lautlos an. Den Bauplan der Fähre kennt Knut Hansen bis ins kleinste Detail. Der beste Platz für den Sprengstoff war der Maschinenraum im Heck des Schiffes. Der Weg dorthin führte durch eine Luke. Während der Zug in Mael einfährt, installieren Hansens Mitstreiter die selbstgebaute Bombe. Er selbst hält Wache. Den Zeitzünder stellen sie auf 10:45 Uhr morgens. Doch auf dem Rückzug entdeckt sie plötzlich ein norwegischer Wachmann.

Ein Teil im Puzzle passt nicht

Während die Bombe tickt, fahren die Waggons um 8 Uhr auf die Fähre. Zusätzlich gehen 53 Passagiere an Bord. Als das Schiff schließlich gegen 10 Uhr ablegt, marschieren die drei Saboteure längst wieder durch die Berge. Um die Explosion hören zu können, sind sie um 10 Uhr 44 schon zu weit weg. An Bord bricht Chaos aus. Das Schiff sinkt. Wie geplant, geht die Hydro im eiskalten Gewässer unter. 18 Menschen sterben. Die Norweger zahlen einen hohen Preis für die Vernichtung des Schweren Wassers.


Der norwegische Widerstand stoppte demnach die letzte Lieferung, die nach Deutschland gehen sollte. Und doch passt ein Teil der Geschichte nicht in das Puzzle. Im Archiv der Norsk Hydro ist Per Pynten eines Tages auf ein bislang unentdecktes Dokument gestoßen. Zwischen Aktendeckeln verborgen befindet sich eine weitere Transportliste über Schweres Wasser für Deutschland. Demnach erhielten deutsche Physiker noch einmal einen Vorrat für ihre Versuche. Denn der Auftrag datiert nur drei Wochen nach der Versenkung der Hydro - und zwar vom 9. März 1944.

Vielleicht stammt die Lieferung sogar von der Fähre, denn eine Überlebende, die im Wasser trieb, bemerkte auf dem Wasser treibende Fässer. Fässer, die Schweres Wasser mit extrem hohem Reinheitsgrad enthielten, waren nur zum Teil gefüllt. Der Rest war Luft. Sie trieben also an der Wasseroberfläche. Nach dem Unglück konnten die Deutschen sie leicht wieder herausfischen. Wenige Wochen vor Kriegsende taucht Destillat von höchster Qualität im baden-württembergischen Haigerloch auf. In einem Gewölbe unterhalb der Schlosskirche stieß das amerikanische Spezialkommando ALSOS im März 1945 auf ein merkwürdiges Labor.

Nur knapp gescheitert

Werner Heisenberg hatte bis zur letzten Minute versucht, eine Kettenreaktion auszulösen. Dazu versenkte er ein Gittermodell mit 664 Uranwürfeln in einen Metallcontainer, gefüllt mit Schwerem Wasser. Den kritischen Punkt für eine Kettenreaktion verfehlte das Experiment nur um wenige Prozent. Sein Geheimlabor verließ Heisenberg nur zwei Tage, bevor die Amerikaner kamen. Wenig später wurde er in England interniert. 1946 kehrte er zurück und wurde Leiter des Max-Planck-Instituts in Göttingen.



Es ist nachgewiesen, dass Heisenberg in Haigerloch 1,5 Tonnen Schweres Wasser und Uran zur Verfügung standen. Mit weiteren 750 Kilogramm des Konzentrats wäre ihm die nukleare Kettenreaktion gelungen. Genau die Menge, die bis heute auf dem Grund des Tinnsees liegt.

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