Fahrstuhl in eine neue Welt

Gesellschaftlicher Erdrutsch durch technischen Fortschritt

Wir haben es auf unserer Zeitreise andauernd gesehen: Politik verändert die Welt. Aber Wissenschaft und Erkenntnis verändern die Welt noch mehr. Doch fragt man, was im 19. Jahrhundert die Verhältnisse am nachhaltigsten durcheinandergewirbelt hat, dann lässt sich darauf kurz und knapp antworten: die technische Beherrschung der Natur.

Industriearbeiter
Industriearbeiter Quelle: ZDF

Es war ein Paukenschlag der Geschichte: Zum ersten Mal gelang es der Menschheit, die Naturkräfte in umfassender Weise in den Dienst der eigenen Sache zu stellen. Den Dampf arbeiten zu lassen, anstatt die eigenen Muskeln gebrauchen zu müssen. Elektrische Ströme sprechen zu lassen, statt mühsam selbst Botschaften von Ort zu Ort zu transportieren. Mit heißer Luft zu fliegen. Auf Stahlbändern sich pfeilschnell durch die Welt zu bewegen.

Gewaltiger Umbruch

Die eigene Stimme, Musik und Bilder konservierbar und jederzeit abruf bar zu machen. Mit Chemikalien über das Wachstum der Pflanzen zu herrschen. Den Lebensrhythmus ganz nach Wunsch zu beschleunigen. Mit der Technik alle alten Grenzen, auch die des Denkens, aufzubrechen. Wir müssen gar nicht weit in der Weltgeschichte zurückreisen, um diese folgenschwerste aller Revolutionen live mitzuerleben. Unsere Ururgroßväter könnten tatsächlich noch Augenzeugen dieses gewaltigen Umbruchs gewesen sein.

Sich drehende Räder einer Dampfmaschine
Sich drehende Räder einer Dampfmaschine Quelle: ZDF

Im Jahr 1802 zum Beispiel. Da machen die Engländer erste Versuche mit Dampfschiffen, nachdem sich bereits 1769 der englische Arbeiter James Watt die Dampfmaschine hatte patentieren lassen. Und im November 1783 waren die ersten Flugpioniere der Weltgeschichte in einem Ballon der Gebrüder Montgolfier über Paris aufgestiegen. Fast zeitgleich mit dem ersten Raddampfer des amerikanischen Malers und Technikpioniers Robert Fulton macht 1804 die erste Lokomotive des Erfinders Richard Trevithick ihre ersten Fahrversuche. 1821 wird dann in England eine Eisenbahnlinie eröffnet.

Weltbewegende Erfindungen

Seit 1825 befreien Spinnmaschine und mechanischer Webstuhl von der Mühsal der Handarbeit. In das Jahr 1837 fallen gleich zwei weltbewegende Erfindungen: Der amerikanische Maler Samuel Morse entwickelt den Telegrafen, und der Franzose Louis Daguerre schießt das erste brauchbare Foto, die "Daguerreotypie ". Die Entwicklung von Kunstdünger durch Justus von Liebig revolutioniert die Landwirtschaft. Das leichteste Metall der Welt, Aluminium, wird durch Elektrolyse aus Bauxit gewonnen, und in Bochum erfindet Jacob Meyer das Stahlgussverfahren. 1853 rattert die erste U-Bahn unter den Häusern Londons hindurch. Die Entdeckung der Bakterien durch Robert Koch weckt Hoffnungen, die größten Geißeln der Menschheit endlich zu besiegen. Die mendelschen Gesetze des österreichischen Abts Gregor Mendel schaffen die Grundlage für systematische Tier- und Pflanzenzucht.

1870 wird im Schlachthaus von Chicago das erste Fließband montiert, eine Neuerung, die bald die gesamte Arbeitswelt revolutionieren wird und den Begriff der "Effizienz" in die Welt bringt. Thomas Alva Edison zeigt 1880 den Menschen, was Elektrizität alles leisten kann und erleuchtet ihre Räume gänzlich rußfrei mit einem strahlenden Glaskolben. Zu dieser Zeit schaffen es die Gleisbauer bereits, das europäische Schienennetz pro Jahr um 10.000 Kilometer zu erweitern.

Himmel für Piloten

Arbeiter während der Karosserie-Montage
Auto-Produktion: Arbeiter während der Karosserie-Montage Quelle: imago

Die räumliche Entfernung zwischen den Menschen schrumpft schneller, als es die mentale Distanz zwischen den Nationen vermag. Ganz am Ende des Jahrhunderts lernen dann auch noch die fotografischen Bilder laufen, die Kutschen ohne Pferde zu fahren, und man kann sich jetzt sogar über riesige Entfernungen unterhalten, ohne sich dabei sehen zu müssen. Die verrückte Erfindung von Philipp Reis und Graham Bell, das Telefon, funktioniert tatsächlich. Und sogar der Himmel gehört seit Otto Lilienthal nicht nur Gott und den Engeln, sondern jetzt auch den Piloten.

Gibt es ein treffenderes Symbol für diese Zeit, in der die Sterne zum Greifen nahe scheinen, als das Stahlgerippe, das Gustave Eiffel 1889 in Erinnerung an die Französische Revolution auf dem Pariser Marsfeld errichtete? Mit nur 10.000 Tonnen Gewicht und einer Höhe von 300 Metern, die allerdings bei Winterkälte um bis zu 15 Zentimeter schrumpfen, ist diese Fachwerkkonstruktion das leichteste Bauwerk dieser Größe, das je gebaut wurde. Und - im wahrsten Sinne des Wortes - das Zeugnis einer veränderten Welt-Anschauung.

Neue Blickrichtung

Probieren Sie es doch selbst einmal aus: In den alten gotischen Kathedralen geht Ihr Besucherblick bestimmt von unten nach oben. Kaum, dass Sie das Kirchenschiff betreten haben, schauen Sie mehr oder weniger ehrfürchtig Richtung Decke, wie die Menschen vor Ihnen auch, die sich so ihrer Kleinheit vor Gott bewusst werden sollten. Bei den modernen Bauwerken wie dem Eiffelturm geht der Blick andersherum: Mit dem elektrischen Fahrstuhl saust man zügig an den höchsten Punkt, um von dort aus mit Münzferngläsern, die sich nur nach unten neigen lassen, auf die Menschen in den Straßen zu blicken, also auf sein eigenes Dasein. Man blickt nicht in den Himmel. Die Dinge, die man jetzt sieht, sind konkret, diesseitig und materiell. Nichts ist da spirituell, esoterisch oder religiös.

Der traditionelle Gottesglaube wird für den, der so auf seine Welt schaut, immer hinfälliger. Priester und Theologen bekommen jetzt starke Konkurrenz von neu erfundenen "Dolmetschern des Lebens", von Psychologen, Psychotherapeuten, Psychoanalytikern, Soziologen, Sozialarbeitern, die es alle in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor nicht gab. Die diffusen religiösen Begriffe von einst werden nun ersetzt durch fachliche Definitionen mit wissenschaftlichem Gütesiegel: Moderne Menschen sind nicht einfach "gut" oder "böse", sondern "gesund" oder "krank". Und die Ausgegrenzten heißen nicht mehr Ketzer, Hexen und Teufel, sondern Staatsfeinde, Asoziale und Terroristen.

Neue Helden

Es ist auch die Zeit ganz neuer Helden. Gustave Eiffel hat in der Balustrade der ersten Plattform 72 Namen in Goldschrift eingravieren lassen, die allerdings durch spätere Anstriche übermalt wurden und deshalb heute fast vergessen sind. Eiffel tat damals das, was bereits die Römer bei ihren Triumphbogen in Hinblick auf erfolgreiche Feldherrn taten: Er ehrte mit den Inschriften die Helden seiner Epoche, und die Helden seiner Zeit waren nun nicht Feldherrn oder Glaubenskämpfer, sondern allesamt Wissenschaftler.

So gewinnt man von diesem Turm aus den Überblick über die gewaltigen Leistungen der menschlichen Schöpfung. Und staunt. Stolz zu sein auf sich selbst und seinen Fortschritt - das ist eine wesentliche Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts. Was für ein Welten-Wechsel innerhalb von drei Generationen! Als im Jahre 1814 die Preußen nach dem Sieg über Napoleon in Paris einritten, brauchte es noch ganze neun Tage, bevor die Berliner diese Top-Nachricht erfuhren. Hundert Jahre später vergehen nur noch 0,025 Sekunden, um eine Nachricht von Amerika nach England zu übermitteln. Kann man so viel Fortschritt auf einmal wirklich aushalten?

Macht der Maschinenbesitzer

Die Übertragung der technischen Naturbeherrschung auf die Arbeitswelt kommt einem gesellschaftlichen Erdrutsch gleich, den man später als "Industrielle Revolution" bezeichnet hat. Man hat mit diesem Wort nicht übertrieben. Denn eine völlige Verwandlung, ein Umsturz, findet wirklich statt: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verwandeln sich über Nacht traditionelle Agrarwirtschaften in Industriegesellschaften. England ist mit seiner mächtigen Seeflotte und den überseeischen Kolonien der größte Ex- und Importstaat und marschiert an der Spitze dieser Entwicklung. Das Commonwealth zeichnet den Weg der Zukunft vor. Mit der Einführung von Maschinen, die anfangs grundsätzlich als Großgeräte daherkommen, stirbt die Manufaktur, das kleine Handwerk. Die alten Zünfte lösen sich auf, an ihre Stelle tritt die Macht der Maschinenbesitzer.

Überhaupt wird jetzt Besitz viel wichtiger als Kenntnis und Fähigkeit. Denn jeder kann eine Maschine auch ohne langwierige Ausbildung und Talent bedienen. Allerdings wird die teure Maschine nun unabdingbare Voraussetzung für produktive Arbeit. Und eine solche Investition können sich nur vermögende Kaufleute leisten. Die Masse der Menschen wird vom Fortschrittsprofit abgehängt.

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