Himalaya: Die Macht des Mythos

Faszination Erde - mit Dirk Steffens

Dokumentation | Terra X - Himalaya: Die Macht des Mythos

Für Gipfelstürmer unwiderstehlich, für das Leben eine Herausforderung, die Entstehung ein kontinentaler Crash. Dirk Steffens begibt sich auf die Spuren des Mythos Himalaya.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.11.2017, 19:30
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Kein Gebirgszug der Welt übt eine solche Anziehungskraft aus. Seit Jahrtausenden werden die Berge des Himalaya verehrt. Für Buddhisten wie für Hindu sind sie der Thron der Götter. Und tatsächlich ist man nirgendwo dem Himmel so nah wie hier. Im Himalaya befinden sich die hundert höchsten Gipfel der Erde. Der höchste von ihnen, der 8848 Meter hohe Mount Everest, zieht Bergsteiger aus aller Welt magisch an. Eine gefährliche Anziehungskraft: Der Weg führt in die sogenannte Todeszone. Wer den Bereich über 8000 Meter Höhe nicht binnen 48 Stunden wieder verlässt, hat kaum eine Chance zu überleben. Der geringe Sauerstoffgehalt der Luft macht jeden Schritt in dieser Höhe zur Qual.

Höhenflug der Streifengänse

Auch für viele Tiere ist der geringe Sauerstoffgehalt der Luft eine Herausforderung: Streifengänse überqueren den Himalaya zweimal im Jahr in bis zu 9000 Metern Höhe. Um in der dünnen Höhenluft ausreichend Auftrieb zu erzeugen, müssen die Vögel besonders schnell mit den Flügeln schlagen. Das kostet viel Energie und verbraucht eine Menge Sauerstoff. Doch infolge einer Genmutation transportiert das Hämoglobin dieser Vögel den Sauerstoff besonders effektiv.

Streifengänse mit Küken
Die Küken der Streifengänse schlüpfen alle innerhalb kurzer Zeit im Juli. Quelle: bbc

Die Strapazen sichern das Überleben der Streifengänse. Südlich des Himalaya, wo sie überwintern, haben sie viele Feinde. Sie fliegen daher im Frühjahr zum Brüten über die Achttausender in sichere Höhen. Die Gänse folgen dabei dem Profil der Landschaft und halten sich möglichst nahe am Boden, um dort die sauerstoffreichere Luft zu atmen. Das Ziel einiger Gruppen von Streifengänsen ist ein See auf etwa 5000 Meter Höhe in Tibet. Hier, in Sicherheit vor fast allen Feinden, schlüpfen die Küken im Juli, alle innerhalb kurzer Zeit. Wenn im September der erste Schnee fällt, sind die Junggänse groß genug, um ihren Eltern über die Achttausender ins niedriger gelegene, wärmere Winterquartier zu folgen. 

Austausch von Waren und Weltanschauungen

Karawane in der Wüste vor einem Gebirgszug
Bereits in der Antike zogen Karawanen aus China Richtung Westen. Quelle: nhnz

Die mächtigste Gebirgskette der Welt können selbst Wolken nicht passieren. So teilt der Gebirgskamm des Himalayas die Region in extrem unterschiedliche Lebensräume. Südlich liegt eines der regenreichsten Gebiete der Welt, der Indische Subkontinent. Nördlich, im Regenschatten des mächtigen Gebirges, erstrecken sich die Wüsten Taklamakan und Gobi. Doch auch in weiten Gebieten des Hochgebirges regnet es sehr selten. In der Hochwüste in Ladakh ist es nicht nur trocken, hier lebt auch eine Gruppe von Tieren, die man im Hochgebirge nicht erwarten würde: Trampeltiere. Sie sind ein Überbleibsel der Geschichte, denn durch Ladakh verlief eine berühmte Handelsroute: Auf der Seidenstraße zogen einst Karawanen aus China nach Indien. Pelze, Gewürze, Porzellan und Seidenstoffe fanden mit den Händlern und ihren Lasttieren den Weg nach Westen.

Meditierender Mönch mit innerer Flamme (Grafik)
Tibetische Mönche können durch eine besondere Meditationsmethode ihre Körpertemperatur erhöhen. Quelle: ZDF

Die Karawanen transportierten nicht nur Güter, sondern auch Ideen und Weltanschauungen. So fand der Buddhismus den Weg aus Indien in den Himalaya. Heute ist er untrennbar mit dem Gebirge verbunden: In Hunderten von Klöstern und Tempeln halten die Mönche ihre uralten Traditionen lebendig. Meditation ist ein tägliches Ritual und soll den Weg zur Erleuchtung ebnen. Doch was auf den ersten Blick so entspannend scheint, kann im Winter zur Herausforderung werden: Mancherorts wird es bis zu minus 30 Grad kalt und viele Klöster sind unbeheizt. Wohl deshalb haben tibetische Mönche eine Art der Meditation entwickelt, die ihren Körper verblüffend warm hält. Dabei wenden sie eine Atemtechnik an, bei der sie Bauch und Becken anspannen. Durch die Anspannung erwärmen sich die Muskeln, die Körpertemperatur steigt. Gleichzeitig konzentrieren sich die Mönche auf das Bild einer Flamme. Messungen haben gezeigt: Je tiefer die Meditation, desto höher kann die Temperatur steigen – bis hin zu leichtem Fieber. Wie die mentalen Kräfte genau auf den Körper wirken, ist noch immer ein Rätsel.

Yaks – wertvollster Besitz der Nomaden

Grasende Yaks im Himalaya
Ohne Yak-Rinder wäre die Besiedlung des Himalaya kaum denkbar gewesen. Quelle: Crossing the Line Prod.

Das Überleben im kargen Hochgebirge des Himalaya ist auch für Menschen eine Herausforderung. Ohne die Yaks wäre es kaum möglich gewesen, die Region zu besiedeln. Yak-Rinder können über drei Meter lang und bis zu einer Tonne schwer werden. Ihre Milch ist besonders fett- und eiweißreich, was den Nomaden das Überleben leichter macht. Yaks sind der wertvollste Besitz der Bergvölker: Neben Milch liefern sie Fleisch, Wolle und Dung als Heizmaterial, und es sind die einzigen Tiere, die in der dünnen Höhenluft noch Lasten schleppen können. Ihre Lungenkapazität ist etwa dreimal so groß wie bei normalen Hausrindern, und ihr Blut kann mehr Sauerstoff transportieren. So haben die Yaks den Handel über die Pässe des Himalaya überhaupt erst möglich gemacht. 

Geologische Aktivität

Der Himalaya war nicht immer das „Dach der Welt“. Vor hunderten Millionen Jahren trennte der Urozean Tethys den indischen (Sub-)Kontinent vom asiatischen. Doch geologische Kräfte schoben die indische Kontinentalplatte immer weiter nach Norden, die Meerenge schloss sich, bis vor rund 50 Millionen Jahren die Platten kollidierten. Die indische tauchte unter die asiatische Platte und zwang einstigen Meeresboden in die Höhe: Der Himalaya türmte sich auf. Noch immer wächst der Himalaya um bis zu zehn Millimeter pro Jahr. Spannungen sind dabei unvermeidlich. Als im April 2015 die Erde in Nepal bebte, verloren fast 9000 Menschen ihr Leben, Millionen ihr Zuhause. 

Reibung der Gesteinsschichten erhitzt das Wasser in der Tiefe (Grafik)
Die Reibung der Gesteinsschichten erzeugt so viel Wärme, dass das Wasser in der Tiefe stark aufgeheizt wird. Quelle: ZDF

Aber die geologische Aktivität sorgt auch für ein anderes Naturschauspiel: Im Puga-Tal in Ladakh lässt sie in über vier Kilometern Höhe kochend heißes Wasser aus dem Boden sprudeln. Die heißen Quellen verdanken sich mehreren geologischen Nahtstellen, die bei der Auffaltung des Himalayas entstanden. Das Puga-Tal liegt an der aktivsten von ihnen. Hier erzeugt die Reibung der Gesteinsschichten so viel Wärme, dass sich das Wasser in der Tiefe auf über 200 Grad erhitzt. Der geologische Heizofen speist Hunderte solcher Quellen im Himalaya.

Klimamacher Himalaya

Entstehung des Monsuns auf dem Indischen Subkontinent (Grafik)
Jenseits des Himalaya entsteht im Sommer ein Sog, der Regenwolken anzieht – der Monsun naht. Quelle: ZDF

Weil der Himalaya eine Wolkenbarriere bildet, fallen im Ladakh nur ungefähr 100 Millimeter Niederschlag pro Jahr – etwa halb so viel wie in der Sahara. Landwirtschaft ist nur dort möglich, wo Flüsse und Bäche fließen. Sie speisen sich aus Schnee und Eis. Mancher Fluss entspringt Hunderte Kilometer entfernt. Im Herzen des Himalaya erstrecken sich rund 18.000 Gletscher auf einer Fläche von etwa 35.000 Quadratkilometer – ein gigantisches Wasserreservoir. Der Himalaya bestimmt das Klima einer weiten Region: Da die Gipfelketten Wolken blockieren, heizt sich die tibetische Hochebene im Sommer auf. Die warme Luft steigt nach oben. Dadurch entsteht ein Sog, der vom Meer Regenwolken anzieht: Der Monsunregen setzt ein. Wenn die Wolken an den Bergen aufsteigen, laden sie ihre Feuchtigkeit als Schnee oder Regen ab.

Der Himalaya beeinflusst den Monsun maßgeblich und bestimmt damit das Leben von Millionen von Menschen. Von den Flüssen aus dem Hochgebirge sind insbesondere die Inder abhängig. Der Mächtigste unter  den Strömen ist der Ganges. Im Sommer stammen 70 Prozent seines Wassers aus Schmelzwasser. Der Ganges wird wie kein anderer Strom als Ursprung von Fruchtbarkeit und Reinheit verehrt, denn seine nie versiegenden Fluten bescheren den Menschen üppige Ernten. Wer in ihm badet, soll seine Sünden abwaschen. Als Quelle des heiligen Wassers gebührt dem Himalaya die höchste Verehrung. Das Gebirge ist Lebensquell für die gesamte Region. Kein Wunder, dass die Menschen seine Höhen zum Sitz ihrer Götter machten.

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