Chile – Land der Extreme

Von der Atacamawüste bis zum patagonischen Eisfeld

Im Norden die Gluthitze der Atacama, im Süden die Gletscher des Campo de Hielo Sur, im Osten die schroffen Anden und im Westen die endlosen Weiten des Pazifiks: Kaum ein anderes Land vereint so viele Extreme wie Chile. Dirk Steffens erkundet auf seiner neuesten Expedition die Facetten dieses einzigartigen Landstrichs.

Bereist man Chile von Nord nach Süd, legt man eine Strecke von 4275 Kilometern zurück – länger als die Entfernung vom Nordkap bis zum Mittelmeer. Während das Land in Ost-West-Richtung durchschnittlich nur etwa 180 Kilometer breit ist, erstreckt es sich in der Länge über 39 Breitengrade. Rund zwanzig Klimazonen haben in Chile unterschiedlichste Landschaften geprägt. Extreme Lebensräume, oft in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander, sind eine Herausforderung für ihre Bewohner.

Von Feuer und Eis geformt

Im äußersten Süden Chiles schieben sich die Anden mehr als 6000 Meter in den Himmel. Mit ihrer schroffen Erscheinung unterscheidet sich die Cordillera del Paine deutlich von benachbarten Gebirgszügen. Sie entstand aus dem Wechselspiel von ewigem Eis und feurigem Untergrund: Eine gigantische Magmakammer türmte einst Basalt- und Granitgestein auf. An der Oberfläche hobelten Gletscher über Tausende Jahre stetig Material ab. Das Gestein wurde teilweise abgesprengt, eingekerbt oder glatt gehobelt, Geröll wurde mitgerissen. In Rissen fräste das Eis immer tiefere Kerben. Die markanten Zinnen der Torres del Paine, Wahrzeichen des gleichnamigen Nationalparks, zu Deutsch etwa „Türme des blauen Himmels“, sind Zeugen der gewaltigen Eisbewegungen

Der Grey-Gletscher in Chile
Der Grey-Gletscher im Nationalpark Torres del Paine mit seinem Gletschersee Quelle: ZDF/Thorsten Czart

Auch heute noch ist der Großteil des Südens ganzjährig vergletschert. Das Eis formt die Landschaft stetig weiter. Wie überall auf der Welt geht es auch hier immer schneller zurück und füllt Seen mit Schmelzwasser. Aber in Chiles Süden kann sich, wenn es besonders warm ist, ein ungewöhnliches Phänomen zeigen. Wird der Wasserdruck auf das Seebett zu stark und taut zusätzlich der Boden unter dem See, können seine Wassermassen durch ein unterirdisches Loch abfließen – geradeso als würde man in einer gigantischen Badewanne den Stöpsel nach unten drücken. So verschwand im April 2008 der Gletschersee Cachet II mit seinen 200 Milliarden Liter Wasser innerhalb von ein paar Stunden spurlos. Erst als die Temperaturen sanken und der unterirdische Abfluss wieder zufror, füllte er sich erneut mit Schmelzwasser. Die Löcher unter dem Eis entstehen, weil Magmablasen in der Tiefe verborgene Hohlräume geschaffen haben. Taut der Boden, öffnen sich immer mehr dieser Höhlen.

Pinguine in der Wüste

Nebelschwaden hängen über der Pazifikküste
Von der Küste ziehen morgens für kurze Zeit Nebelschwaden über das Land.

Die Atacama erstreckt sich auf einem schmalen Streifen vom Norden bis zur Mitte Chiles über 140.000 Quadratkilometer, eine Fläche fast doppelt so groß wie Portugal. Hier fällt die Temperatur nur wenige Tage im Jahr unter 30 Grad, und nirgendwo sonst regnet es so wenig – obwohl das Meer so nah ist. Das liegt am Passatwind, der auf der Südhalbkugel aus Südost weht. Er treibt das aufgeheizte Oberflächenwasser vor der Küste aufs Meer hinaus. Kaltes Tiefenwasser steigt nach oben und kühlt die feuchte Luft über dem Meer ab. So entstehen Nebelwolken. Doch die viel heißere Luft aus dem Landesinnern legt sich wie ein Riegel über den Nebel. Die Folge: Nur am Rande der Wüste gelangen die Nebelschwaden morgens für kurze Zeit über das Land. Der Nebel ist der einzige Lebensquell für die Pflanzen und Tiere der Atacama. Den Wüstenbewohnern bleiben wenige Stunden, um die spärliche Ressource anzuzapfen. Sie trinken das Wasser, das sich an Kakteen und anderen Gewächsen sammelt, bevor die Sonne es wieder verdunsten lässt.

Pinguine würde man normalerweise im ewigen Eis erwarten, nicht in der Wüste. Doch die Humboldtpinguine, die aus den subantarktischen Gebieten rund um Patagonien stammen, konnten sich dank ihrer Anpassungsfähigkeit über die ganze südamerikanische Pazifikküste bis hinauf nach Nordchile und Peru verbreiten. Die Hitze macht den Wasservögeln überraschenderweise nichts aus. Kakteen liefern ausreichend Schatten, um Brut und Nachwuchs vor der Sonne zu schützen. Die Pinguine können außerdem ihren Wärmehaushalt so gut regulieren, dass sie mit den großen Temperaturunterschieden zwischen Wüste und Wasser zurechtkommen.

Üppiges Nahrungsangebot

Humboldtpinguin
Humboldtpinguin auf dem Weg ins Meer

Der Pazifik vor der chilenischen Küste ist konstant 11 Grad kalt. Das liegt am Humboldtstrom, einem Teil des weltumspannenden Strömungssystems. Während er das Landesinnere zu einer lebensfeindlichen Wüste macht, sorgt er vor den Küsten für ein Unterwasserparadies. Reich an Nährstoffen kann kaltes Tiefenwasser hier nach oben steigen, weil der Wind das warme Wasser an der Oberfläche von der Küste wegdrückt. Das kalte, nährstoffreiche Wasser bildet den Anfang einer langen Nahrungskette. Zu ihren Gliedern zählen nicht nur die Pinguine, sondern auch Robben und unzählige Meeresvögel.

Auswirkungen von El Nino (Animation)
In El-Niño-Jahren bleibt das warme Oberflächenwasser vor der Küste.

Den Tieren, die vom Reichtum des Humboldtstroms profitieren, macht noch ein anderes Phänomen das Leben schwer. Alle sechs bis zehn Jahre werden die Küsten Südamerikas von der Klimaanomalie El Niño heimgesucht. Unter ihrem Einfluss verändern sich die Luftdruck- und Strömungsverhältnisse im Pazifik. Auslöser sind besonders hohe Temperaturen im Sommer der Südhalbkugel, die den Südostpassat abschwächen. In der Folge wird das warme Oberflächenwasser nicht mehr von der Küste weggetrieben, der kalte Humboldtstrom kommt zum Erliegen. Für Chiles Küstenbewohner bricht dann eine entbehrungsreiche Zeit an. Fische finden in den wärmeren oberen Wasserschichten keine Nahrung mehr und wandern in kältere Regionen. Dadurch versiegt die Quelle für größere Tiere wie Vögel oder Robben. Die Folgen sind dramatisch. In El-Niño-Jahren sterben bis zu 80 Prozent der Robben und bis zu 70 Prozent der Seevögel. Selbst im Land der Extreme bedeutet das den Ausnahmezustand.

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