Faszination Erde: Katastrophen

Wie das Leben überleben lernte

Unser Blauer Planet scheint für das Leben wie geschaffen zu sein. Doch Narben in der Erdkruste – Meteoritenkrater, Vulkankegel und Risse im Erdboden – erzählen eine andere Geschichte: Schon mehrmals haben Katastrophen das Leben fast komplett ausgelöscht. Wie konnte es sich behaupten und zu seiner heutigen Vielfalt entwickeln? Dirk Steffens gelangt bei seiner Expedition zu den Überlebenden zu einer verblüffenden Erkenntnis: Ohne Katastrophen gäbe es die meisten Tiere und auch uns Menschen gar nicht.

Vor etwa 30 Millionen Jahren brodelte unter dem heutigen Ostafrika ein Inferno: Eine gewaltige Magmablase bahnte sich ihren Weg an die Oberfläche. Unter dem Druck dehnte sich die Erdkruste und riss in einer Länge von über 6000 Kilometer allmählich entzwei. Von Äthiopien bis nach Mosambik erstreckt sich heute der Ostafrikanische Grabenbruch. In dieser sogenannten Riftzone wuchsen Vulkanberge empor. Sie bildeten eine Wetterscheide: Die Westwinde, die viel Feuchtigkeit transportieren, erreichten die Küste nicht mehr, und das Land auf der windabgewandten östlichen Seite der Berge trocknete im Lauf von Jahrmillionen aus. Wo dichte Urwälder waren, entstanden nach und nach offene Graslandschaften. Westlich der Wetterscheide änderte sich dagegen weniger. Die Region ist bis heute dicht bewaldet.

Klimakatastrophe führte zum aufrechten Gang

Schimpansen sind mit 98 Prozent genetischer Übereinstimmung unsere nächsten Verwandten im Tierreich. Ihre Vorfahren hatten mehrere Millionen Jahre Zeit, sich perfekt an das Leben in den Urwäldern anzupassen. Sie entwickelten ein komplexes Sozialverhalten, ein differenziertes Kommunikationssystem und den Gebrauch von Werkzeugen. So sind sie uns Menschen in vielem sehr ähnlich. Zu dem, was uns trennt, zählt der aufrechte Gang. Für die Verwandlung des Vierbeiners in einen Zweibeiner war die Klimaveränderung, die dem Grabenbruch folgte, entscheidend. Während es beim Klettern in den Bäumen und am Boden im Dschungeldickichts von großem Vorteil ist, alle vier Gliedmaßen zu gebrauchen, spielt der zweibeinige Gang seine Stärken auf langen Strecken aus: Er spart Energie. Als die Waldgebiete immer mehr schrumpften, konnten unsere Vorfahren somit die größer werdenden Distanzen besser auf zwei Beinen überwinden. Und die Evolution belohnte die neue Gangart. Die ältesten Knochenfunde, die den aufrechten Gang bei Frühmenschen, sogenannten Hominiden, belegen, sind rund 4,4 Millionen Jahre alt.

Der zweibeinige Gang bot mehrere Vorteile, aber dass lange Strecken mit geringerem Aufwand zurückgelegt werden konnten, war vermutlich der wichtigste. Denn in der Savanne sind alle Tiere ständig unterwegs. Die Herden folgen dabei dem Regen und die Räuber der Beute. Indem der Mensch lernte, Schritt zu halten, sicherte er sich ausreichend Nahrung. Die von der Laufarbeit befreiten Hände entwickelten sich zum wichtigsten Werkzeug. Und die ständige Beschäftigung mit filigraner Handarbeit befeuerte letztlich auch die Entwicklung des Gehirns.

Apokalypse aus dem All

Während der Ostafrikanische Grabenbruch eine Art Zeitlupen-Katastrophe war, die dem Leben genug Zeit ließ, sich anzupassen, brachen andere Ereignisse plötzlich und mit elementarer Wucht über die Erdbewohner herein. Zu ihnen zählen Einschläge von Meteoriten, die es in der Geschichte unseres Planeten immer wieder gab. Vor 50.000 Jahren etwa entstand der Barringer-Krater in Arizona (USA) mit einem Durchmesser von 1200 Metern. Dem physikalischen Gesetz zufolge, wonach ein Einschlagskrater circa 20-mal größer ist als der Körper, der ihn verursacht, ist dieses Loch einem 50 bis 60 Meter großen Brocken zu verdanken. Das trockene Wüstenklima in Arizona hat die Einschlagsstelle bis heute konserviert. Doch in der Erdgeschichte gab es noch verheerendere Einschläge – zum Beispiel vor rund 65 Millionen Jahren.

Pflanzenfressende Dinosaurier (Animation)
Vor der Katastrophe waren die Bedingungen für die Dinosaurier ideal. Quelle: zdf/bbc

Spuren als Beleg für diese Katastrophe wurden erst in den 1970er-Jahren entdeckt. Über den ganzen Erdball verteilt finden sich Gesteinsschichten, die ein auf der Erde äußerst seltenes Metall in ungewöhnlich hoher Konzentration führen: Iridium. Die Wissenschaftler folgerten, dass es ein Meteorit auf die Erde gebracht haben müsse. Später lokalisierte man vor der Karibikküste Mexikos auch den dazugehörigen Krater, der heute unter einer kilometerdicken Sedimentschicht verborgen liegt. Mehrheitlich glauben die Forscher, dass es diese Katastrophe war, die das Aussterben der Dinosaurier herbeiführte. Über 170 Millionen Jahre lang hatten diese Reptilien bis dahin die Erde beherrscht. Die größten Dinosaurier, das belegen Fossilien, lebten im heutigen Südamerika. Hier gab es für die Riesen ausreichend Futter, und aufgrund ihrer Größe hatten sie keine Feinde zu fürchten. Doch – Ironie in der Biografie des Lebens – genau dieser Trumpf sollte den Dinos zum Verhängnis werden. Denn wer so groß ist, braucht extrem viel Nahrung. Als infolge des Meteoriteneinschlags Unmengen von Staub, Wasserdampf, Ruß und Schwefel in die Atmosphäre geschleudert wurden, herrschte mehrere Jahre lang globaler Winter. Die Vegetation erholte sich nur langsam, und die riesigen Dinosaurier fanden nicht mehr genug zu fressen.

Siegeszug der Säugetiere

Elefantenfötus im Bauch der Mutter
Elefantenbabys verbringen 22 Monate im Mutterleib. Quelle: Pioneer Prod.

Damit schlug die Stunde derjenigen, die bisher nur eine Randnotiz der Evolution waren: Die kleinen Säugetiere, letztlich also unsere Vorfahren, besetzten die nach dem Ende der Dinosaurier frei gewordenen ökologischen Nischen. Sie kamen mit wenig Nahrung aus, überlebten so die Apokalypse und triumphierten mit neuer Vielfalt. Mit der Evolution der Säugetiere hat das Leben einen völlig neuen Bauplan hervorgebracht. Babys wachsen im Mutterleib heran und werden nach der Geburt relativ lang von ihren Müttern versorgt – eine Strategie, die sich über viele Jahrmillionen als erfolgreich entpuppte. Auch eine spezielle Gruppe von Sauriern hat überlebt: Klein und wendig, hat sie sich in die Lüfte retten können. Ihre Erben, die Vögel, bevölkern noch heute die Erde. Und es gibt weitere Erfolgsmodelle in der Tierwelt, wie das Krokodil, das seit mehr als 200 Millionen Jahren mit kaum verändertem Bauplan schon viele Katastrophen überdauert hat.

Neben dem Massenaussterbeereignis vor 65 Millionen Jahren haben die Forscher Belege für mehrere weitere globale Aussterbewellen seit Entstehung des Lebens entdeckt. Ihre Ursachen sind zum Teil noch stark umstritten. Doch zweifelsfrei steht fest, wer für das nächste Massenaussterben der Erdgeschichte verantwortlich ist: der Mensch. Wir verändern unseren Planeten von Grund auf und gestalten ihn nach unseren Bedürfnissen. Viele Arten bleiben dabei auf der Strecke, für die anderen sind wir die Hölle. Nie zuvor in der Geschichte des Lebens hat eine einzige Art die Geschicke des Lebens so sehr verändert.

Katastrophen der Menschheitsgeschichte

Panoramaansicht des Tobasees
Den Krater des Toba füllt heute ein riesiger See.

Dabei stand unsere Spezies auch mindestens einmal kurz vor dem Abgrund. Die größte Katastrophe in der Geschichte der Menschheit ereignete sich vor etwa 74.000 Jahren, als auf der indonesischen Insel Sumatra der Supervulkan Toba ausbrach – die gewaltigste Eruption seit über 500.000 Jahren. Knapp 3000 Kubikkilometer Gestein, zweimal das Volumen des Mount Everests, wurden dabei in die Luft geschleudert. Alles Leben im Umkreis von 100 Kilometern wurde ausgelöscht. Zwar ist ungewiss, ob auf Sumatra damals bereits Menschen lebten, doch die Folgen des Ausbruchs waren in der ganzen Welt zu spüren. Vulkanasche und Schwefelgase verdunkelten die Atmosphäre, ein langer globaler Winter brach an. Noch sind sich die Forscher nicht einig, wie stark die Folgen des Vulkanausbruchs den Menschen tatsächlich zugesetzt haben. Klar ist jedoch, dass es sich um den gravierendsten Einschnitt in der Menschheitsgeschichte handelt.

Eisbär springt auf Eisscholle
Wird der Eisbär zu den Verlierern des Klimawandels gehören?

Womöglich waren es Kreativität und Kooperation, die das Überleben unserer Ahnen sicherten – Fähigkeiten, die in diesen schweren Zeiten vielleicht noch geschärft wurden. In Zukunft werden wir diese Fähigkeiten dringender denn je benötigen, denn die nächste Katastrophe ist bereits im vollen Gange: Der Mensch heizt der Erdatmosphäre durch Freisetzung von Treibhausgasen immer weiter ein. Viele werden dem Klimawandel zum Opfer fallen, er wird aber auch Gewinner im Tierreich hervorbringen. Wer am Ende tatsächlich als Sieger dasteht, ist ungewiss. Alles Leben ist eng miteinander vernetzt. Die Veränderungen, die eine Art treffen, haben Folgen für andere. Und wo Arten aussterben, werden neue ihre Plätze einnehmen – das ist das Erfolgsprinzip des Lebens. Welche Arten dabei untergehen und welche überleben, ist für den Menschen allerdings nicht unwichtig. In einem Bunker tief im Permafrostboden der arktischen Insel Spitzbergen liegt deshalb das für uns kostbarste Gut sicher verwahrt: Samen von rund 4.500.000 Kulturpflanzen. Das Saatgut soll einen Neuanfang möglich machen, wenn ein Teil des Lebens auf der Erde durch ein globales Ereignis vernichtet wird, sei das der Klimawandel, der Ausbruch eines Supervulkans oder ein Asteroideneinschlag. Denn die nächste Katastrophe kommt bestimmt.

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