Felsenfest im Dauerfrost?

Unsichtbarer Kältekitt verliert im Klimawandel dramatisch an Kraft

Viele hohe Gipfel der Alpen sind seit Menschengedenken durchgefroren. Auch in anderen, tiefer gelegenen Regionen kann der Untergrund mehr oder weniger dauerhaft Temperaturen von 0°Celsius und darunter aufweisen. In diesem unterkühlten Zustand ist das Gestein selbst an steilen Hanglagen weitgehend stabil. Doch die steigende Zahl von Felsabgängen während der letzten Jahre lässt nichts Gutes ahnen.

Temperaturprofil des Matterhorns
Temperaturprofil des Matterhorns

Geologen sprechen bei derartig kaltem Untergrund von "PERMAnentem FROST". Mindestens einen Sommer hindurch darf die Temperatur im Boden die Null-Grad-Grenze nicht überschreiten - so die Definition von "Permafrost". Solche Bedingungen sind in den Alpen oberhalb der Baumgrenze ab einer Höhe von etwa 2600 Metern bisher gar nicht selten. Dennoch weiß man noch relativ wenig über den alpinen Permafrost. Bis in die 1970er Jahre hinein gab es Wissenschaftler, die dieses Phänomen in dem europäischen Hochgebirge nicht für möglich hielten. Umso mehr Dampf machen jetzt Geologen wie Wilfried Haeberli bei der Erforschung des alpinen Permafrostes, um Daten zu sammeln und aktuelle Erkenntnisse zu gewinnen.

Eiszeitliche Frostbatterien

So jung die neue Wissenschaft, so alt das Untersuchungsobjekt. Bereits während der ersten Eiszeiten froren die Alpengipfel bis in eine Tiefe von 1000 Metern durch - ein Kältereservoir, das bis heute vorhält. Später drang Niederschlagswasser in Spalten und Ritzen ein, gefror, verkittete und versiegelte lockere Felsanteile. So unauflöslich erschien die Verbindung von kaltem Untergrund, gefrorenem Wasser und aufgelagerten Schnee- und Gletscherflächen, dass man von der Region des "Ewigen Eises" sprach. Doch inzwischen zeigt sich, dass selbst "ewig" in den höchsten Sphären Europas ein relativer Begriff ist. Die Anzeichen mehren sich, dass den eiszeitlichen Frost-Batterien die Kraft ausgeht.

Temperaturentwicklung im Steitälligratfelsen
Temperaturentwicklung im Steitälligratfelsen

Laue Luft und starke Sonneneinstrahlung beeinflussen die Bodentemperatur - abhängig von der Einwirkungsdauer nicht nur direkt an der Oberfläche, sondern auch in größeren Tiefen. Dass Gletscher stärker abschmelzen und Ewiges Eis seine Endlichkeit offenbart, hat allerdings mit dem Permafrost im Boden zunächst wenig zu tun. Eis und Untergrund werden zwar in Folge steigender Durchschnittstemperaturen erwärmt. Gefrorenes Oberflächenwasser schmilzt dadurch, wird flüssig und fließt ab. Der Permafrost im Gestein vermag jedoch je nach Außentemperatur im Boden vorhandenes Wasser längere Zeit im gefrorenen Zustand zu halten - und so lange bleibt der Untergrund stabil.

Neuzeitliches Alpenbröseln

Je deutlicher Lufttemperatur und vor allem Strahlungsintensität im Zuge des Klimawandels in den Höhenlagen ansteigen, desto anfälliger wird das im Boden gefrorene Wasser und kann tauen. Langsam beginnt der Zahn der Erosion am Fels zu nagen - in der äußeren Schicht nichts Außergewöhnliches. Doch bei vielen stark zerklüfteten Abhängen dringt die Erwärmung des Untergrundes leicht viele Meter in die Tiefe. Der Permafrost zieht sich ins Berginnere zurück. Dadurch werden schnell gewaltige Gesteinsmassive instabil. Sickert dann Wasser nach, das im Winter wieder gefriert und dabei sein Volumen ausdehnt, beginnen ganze Bergflanken zu wackeln - gelegentlich mit verheerenden Folgen.

Immerhin gelten drei bis vier Prozent (circa 2000 Quadratkilometer) der österreichischen Alpen und sieben bis acht Prozent (ebenfalls etwa 2000 Quadratkilometer) der Schweizer Alpen als mögliche Permafrost-Gebiete. Dabei handelt es sich durchaus nicht um Flächen weitab jeder menschlichen Besiedlung. Dies schlägt sich für die Öffentlichkeit wahrnehmbar in einer wachsenden Zahl von Medien-Meldungen nieder. Erdrutsche und abstürzende Felsblöcke haben sogar schon auf der Schweizer A2 zu tödlichen Unfällen geführt. Selbst Zermatt, der Hotspot der Schweiz-Touristik, und der Promi-Treffpunkt St. Moritz befinden sich im direkten Einflussbereich labil werdender Dauerfrost-Hänge.

Höchste Zeit

Auch wenn das Getöse spektakulärer Ereignisse wie der Felsstürze an der Eiger-Ostwand 2006 oder des Abbruchs eine Grates vom Matterhorn 2007 stets ein lautes Rauschen im Blätterwald nach sich zieht - es handelt sich dabei lediglich um Symptome der eigentlichen Katastrophe, die schon seit vielen Jahren lautlos im Untergrund vor sich hin arbeitet. Die tatsächlichen Auswirkungen kann heute niemand exakt prognostizieren. Am nachhaltigsten dürften die Veränderungen des gesamten alpinen Wassersystems sein. Das durch den Permafrost bedingte Eis hat bisher auf weiten Flächen gigantische Geröll- und Schottermengen festgehalten. Doch der eisige Griff lockert sich zusehends.

Bergsturz in den Alpen
Bergsturz in den Alpen

Vom Eis stabilisierte Geröllfelder wandeln sich in instabile Kare, deren Schutt verstärkt in Bäche und Flüsse vordringt. Die gewaltigen Geschiebemengen, die zu erwarten sind, könnten ganze Flussläufe verändern - mit heute unvorhersehbaren Konsequenzen. Inzwischen ist die Erkenntnis gereift, dass sich weder das Schwinden des Permafrostes noch dessen Folgen mit technischen Mitteln aufhalten lässt. Man wird lernen müssen, mit den Auswirkungen intelligent umzugehen. Höchste Zeit also, das gefährliche Geschehen auch außerhalb der Wissenschaft tatsächlich ernst zu nehmen - zum Beispiel an einem der gefährlichsten Berge Österreichs: der Bliggspitze.

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