Festungsruinen und Kinderopfer

Spurensuche auf Mozia

Auf der Insel Mozia an der Westküste Siziliens befand sich einst eine karthagische Bastion. In antiker Zeit verband ein Damm die kleine Insel mit dem sizilianischen Festland.

Die Punier, wie die Phönizier im westlichen Mittelmeer genannt wurden, haben den Damm vor über zweieinhalbtausend Jahren gebaut. Hochrädrige Karren befahren ihn heute noch.

Technisches Meisterwerk

Im Jahre 397 vor Christus wurde das technische Meisterwerk den Puniern zum Verhängnis. Auf ihm rückten die griechischen Truppen aus Syrakus vor. Das Nordtor der punischen Festung schützte die Auffahrt zum Straßendamm.

Auch die Doppeltore der mächtigen Stadtmauer sind erhalten. Wahrscheinlich wurde die Stadtmauer im frühen 6. Jahrhundert vor Christus errichtet, mit 20 Türmchen, gekrönt von orientalischen Zinnen. Rund zweieinhalb Kilometer war sie lang. Heinrich Schliemann grub hier. Und dann der junge reiche Weinhändler Joseph Whitaker, ein Bewunderer Schliemanns. Stück für Stück erwarb Whitaker die gesamte Insel. Sie wurde nie überbaut. Bei jedem Schritt trifft man auf die Spuren der Antike, auf Scherben und auf Mauerreste.

Rund um Afrika

Thomas Schäfer aus Tübingen und Grabungsleiter Pierfrancesco Vecchio versuchen aus den Aufzeichnungen Schliemanns zu rekonstruieren, wo er die beschriebenen Funde machte. Sie stoßen auf die Kasernen, die Heiligtümer und die Warenlager des punischen Stützpunkts - und auf seinen perfekt erhaltenen Hafen. Den Karthagern ging es vor allem um befestigte Brückenköpfe für ihre Handelsfahrten, die sie sogar rund um Afrika führten, und die sie reich machten.

Auf Mozia gibt es Fundstücke aus vielen Ländern: eine Tasse aus Korinth, Glas aus dem Libanon, etruskische und griechische Ware, ein Flakon aus Ägypten, eine Glasperlenkette aus Karthago selbst - und das begehrte Silber aus Spanien. Reichtum, der Neid hervorrief. Was machte Karthago den anderen Weltmächten so gefährlich, dass es zum Schluss nur noch um die pure Vernichtung Karthagos ging?




Karthagos eigenes schriftliches Vermächtnis, seine Bibliothek, wurde vernichtet. Nur archäologische Forschungen können weiterhelfen. Direkt an Mozias Küste, im Bereich des Tophet, ihrer geheimnisvollen Kultstätte, werden Urnen aus punischer Zeit freigeputzt. Sie liegen einfach an der Oberfläche.

"Ort der Verbrennung"

Ein Dorado für jeden Phönizier-Forscher, von dem er in Karthago selbst nur träumen kann. Im Tophet, dem "Ort der Verbrennung", fanden blutrünstige Kinderopfer statt, berichten übereinstimmend Bibel, Griechen und Römer. Grausame Realität oder gezielte Gräuelpropaganda des Siegers als Deckmantel für die Vernichtung einer großen orientalischen Kultur? Tatsächlich wurden auf Mozia 800 Urnen und Dutzende von Grabsteinen für Kinder entdeckt.


Ein britisches Forscherteam findet Knochenbruchstücke von Kindern. Doch dann die Überraschung bei der Untersuchung des Erbguts: Eine Urne aus Mozia enthält Knochen eines Mädchens. Für altorientalische Gesellschaften ist es undenkbar ein - eher wertloses - Mädchen zu opfern. Also doch bloße Feindpropaganda?

Schöner Jüngling

Kulturlose Barbaren waren die Karthager auf keinen Fall, wie das Prachtstück Mozias, ein schöner Jüngling, beweist - gefunden in einer punischen Siedlung. Sein weich fließendes, eng anliegendes Gewand betont mehr als es verhüllt. Der Mann soll einen siegreichen Wagenlenker darstellen. Geschaffen wurde er im 5. Jahrhundert vor Christus von Griechen - den Gegnern im Kampf um Sizilien. 397 vor Christus hörte das reiche, starke Mozia auf zu existieren. Noch heute sieht man die Brandspuren der Einnahme durch Dionysios, an den Ruinen der punischen Kaserne.

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