Flucht nach Süden

Elf Teilnehmer verlassen das Schiff, nur einer hält durch

Am 21. September 1912 zieht ein heftiger Sturm über die Sorge-Bay. Kein günstiges Wetter für den Abmarsch der elf Expeditionsteilnehmer zur 300 Kilometer entfernten Advent-Bay. Vor allem, weil das Licht fahl und die Sicht entsprechend schlecht ist.

Karte Advent-Bay Quelle: ZDF

Drei der fünf Norweger geben schon nach kurzer Zeit auf und kehren zum Schiff zurück. Die anderen schleppen sich mühsam weiter. Fünf, höchstens zehn Kilometer schaffen sie pro Tag. 300 Kilometer unwegsames Gelände liegt vor ihnen. Die Kameraden sind mindestens vier Wochen unterwegs. Ein Irrsinn - vor allem, weil es immer früher dunkel wird. Schon bald führen die Strapazen zu Streitigkeiten. Am 26. September trennen sich zwei Deutsche vom Trupp. Einer von ihnen wird 1917 tot aufgefunden.

Ritschers Expedition im Eis Quelle: ZDF

Schwere Erfrierungen

Kapitän Ritscher quält sich mit drei Mann weiter nach Süden, um in der Advent-Bay einen Hilferuf abzusetzen. Der Kameramann Christopher Rave und der Geograph Hermann Rüdiger hingegen stranden in einer Trapperhütte - über 200 Kilometer von der rettenden Siedlung entfernt. Beide sind am Ende ihrer Kräfte und Hermann Rüdiger leidet an schweren Erfrierungen. Den Freund allein zu lassen, kommt für Christopher Rave nicht in Frage. Denn das würde den Tod des Verletzten bedeuten. Abgeschnitten von der Außenwelt, wartet die Schicksalsgemeinschaft auf Hilfe.

Die bescheidene Einrichtung stammt von Robbenfängern, die in der Baracke regelmäßig hausten. Für die zwei Deutschen Glück im Unglück. In der kargen Behausung richten sich die beiden jungen Männer ein - so gut es eben geht. Die erfrorenen Füße von Rüdiger müssen alle drei Tage gereinigt und neu verbunden werden. In seinen Erinnerungen schreibt Rave, dass er jedes Mal Stunden dazu brauchte. Besonders die linken Zehen seines Kameraden beunruhigen den Kameramann. Ohne rasche ärztliche Versorgung, so fürchtet er, droht eine Amputation. Denn der Wundbrand ist bereits weit fortgeschritten.

Trapperhütte Quelle: ZDF

Bange Ungewissheit

Wochen vergehen, ohne dass sie jemand aus dem Elend befreit. Holz holen, Feuer machen, Kochen und jagen - den monotonen Alltag muss Rave allein bewältigen. Als Mitte Oktober die lange Dunkelheit hereinbricht, kann er die Hütte nicht mehr verlassen. Sie leben nur von den Vorräten. Zwei Monate auf engstem Raum, in banger Ungewissheit über die eigene Zukunft und ohne Nachricht von den Leidensgenossen. Trotz ihrer Verzweiflung lassen Rave und Rüdiger nichts unversucht, ihren Zwangsaufenthalt zu erleichtern. Aus Rentierfett gießt der Kameramann in hoher Stückzahl kleine Kerzen. Für die Form benutzt er einen Skistock aus Bambusrohr. Wenigstens für ein paar Stunden am Tag spendet die Flamme tröstliches Licht im tiefen Schwarz der Polarnacht.

Kerzenschein in Trapperhütte Quelle: ZDF

Was den beiden Männern die neue Errungenschaft bedeutet, beschreibt Hermann Rüdiger: "Die Flamme riss uns von der Verzweiflung los. Sie gab uns wieder Lebensmut, da wir immer noch vergebens der Hilfe harrten." Immer wieder schweifen die Gedanken zu den Kameraden der verhängnisvollen Expedition. Wird einer von ihnen jemals unversehrt heimkehren?

Alles auf eine Karte

Eines Tages stehen die Gefährten in der Not am Scheideweg. Rüdigers Zustand verschlechtert sich zusehends, Rave peinigen schwere Magenkrämpfe und die Lebensmittel gehen zur Neige. Sie müssen zur "Herzog Ernst" zurück. Mit einfachen Mitteln zimmert der Kameramann einen Holzschuh, damit sich der Freund überhaupt fortbewegen kann. Ihn über die weite Strecke zu schleppen, dafür fehlt Rave einfach die Kraft. Den beiden ist klar: Sie setzen alles auf eine Karte. Ohne zu wissen, welche Gefahren unterwegs auf sie warten.

Herrmann Rüdiger Quelle: ZDF

Am 23. November 1912 packen Rave und Rüdiger zusammen. Die Wahl des Termins ist kein Zufall, denn der Vollmond leuchtet hell und soll die Orientierung in der Wildnis erleichtern. Gegen vier Uhr früh bricht das Zweiergespann auf. Der Winter jenes Jahres ging als einer der kältesten in die Aufzeichnungen der Meteorologen ein. Beißender Frost und heftiger Sturm machen jeden Schritt zur Tortur. Je weiter die Kumpel nach Norden in Richtung Sorge-Bay laufen, desto widriger wütet das Wetter.

Der Kapitän gibt nicht auf

Alfred Ritscher, ein weiterer Deutscher und zwei Norweger marschieren tagelang stur nach Süden. Doch dann teilen die drei Begleiter dem Kapitän mit, dass sie umdrehen und sich zur "Herzog Ernst" durchschlagen wollen. Dem norwegischen Duo gelingt der Gewaltakt. Der Deutsche aber gilt bis heute als verschollen. Niemand weiß, wann und wo er ums Leben kam. Der einzige, der nicht aufgibt, ist Kapitän Alfred Ritscher. Verbissen stapft er weiter, das Ziel fest vor Augen.

Ritscher allein Quelle: ZDF

Den härtesten Kampf ficht der einsame Held gegen die Müdigkeit. Das Gegenmittel: ein Taschenwecker am Handgelenk. Denn die Gefahr, im Schlaf den weißen Tod zu sterben, wächst stündlich. Mit dem Rucksack über dem Kopf kauert sich Ritscher in den Schnee, wann immer ihm die Augen zufallen. Nach fünfzehn Minuten reißt das Klingeln den Erschöpften wieder hoch und bewahrt ihn so vor dem Erfrieren. 200 Kilometer über Eis- und Schneefelder, Gletscher und Bergkämme führt die Route bis zur Advent-Bay. Dort liegt die nächste Siedlung, die letzte Hoffnung auf Rettung.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet