Flüsse im Zwangskorsett

Umdenken erweitert den Lebensraum für Tiere

Die wichtigsten Verbreitungslinien für alle Lebewesen waren seit je her die Flüsse. Sie spielen auch jetzt für die Tiere, die wieder ungehindert von Osten nach Westen wandern können, eine entscheidende Rolle.

Rhein Flussbiegung Quelle: ZDF

In den March- und Donauauen entlang der einstigen Grenze zwischen Ost und West werden jedes Jahr Tausende Bäume gefällt. Die Holzfäller sind Biber.

Einmaliger Glücksfall

Nach gnadenloser Verfolgung seit dem Mittelalter war der europäischen Biber Ende des 19. Jahrhunderts aus ganz Mitteleuropa verschwunden. Vor dreißig Jahren wurden Biber aus dem Osten bei Wien ausgesetzt. Eine Maßnahme, die durchaus nicht nur Freunde fand. Mittlerweile haben sich die Tiere zu Tausenden entlang der Flüsse ausgebreitet und erobern ihre alte Heimat zurück. Die unberührten Auwälder entlang des Eisernen Vorhangs sind ein einmaliger Glücksfall für die Biber und viele andere Aubewohner. Auch in anderen Abschnitten des grünen Bandes wurden die Pelztiere wieder angesiedelt. Auf insgesamt 25.000 Tiere schätzt man heute den Bestand.



Kaum ein Westeuropäer hat jemals mit eigenen Augen einen naturbelassenen Fluss gesehen. Nur zwei Prozent der Flüsse West- und Mitteleuropas sind nicht durch menschliche Eingriffe verändert. Ein natürlicher Tieflandfluss ist das Donaudelta - ein riesiges Feuchtgebiet am Schwarzen Meer. Der Unterlauf der Donau ist Europas einzige Region, wo jahreszeitliche Überflutungen nicht Umweltkatastrophen sind, wie wir sie von Elbe und Oder kennen. Im Gegenteil, an der Donau sind die Überschwemmungen willkommen.

Wichtige Brutgebiete

In den monatelang überfluteten Flussniederungen mit ihren Altarmen und Tümpeln leben etwa 80 Fisch- und ebenso viele Muschelarten. Davon ernähren sich die größten Vogelansammlungen des Kontinents. Mehr als 300 verschiedene Arten gibt es im Donaudelta. Für die Rosa Pelikane ist dies das wichtigste Brutgebiet Europas. Riesige Schwärme treffen sich hier Jahr für Jahr. Aber solche Wasserparadiese sind im dichtbesiedeltsten Kontinent der Welt eben doch die Ausnahme.

2.000 Kilometer weiter westlich ist die Donau weitgehend abgeschnitten von natürlichen Überschwemmungsgebieten. Donau und Rhein, die beiden größten Flüsse Europas, sind nicht nur radikal begradigt, sondern auch verengt, vertieft, eingedämmt und aufgestaut worden. Sie sind längst neben den Straßen zu Massenverkehrswegen geworden. 200.000 Schiffe im Jahr passieren die Loreley und machen den Rhein zum meist befahrenen Fluss der Welt.

Gnadenstoß für "Vater Rhein"

Mitte des 20.Jahrhunderts war der Rhein darüber hinaus ein weiterer Rekordhalter: Er war mit Abstand der schmutzigste Fluss Deutschlands. Das Sandoz-Chemie-Desaster in den sechziger Jahren versetzte dem "alten Vater Rhein" den Gnadenstoß. Nun waren auch die allerletzten Fische tot. Dabei war der Rhein, von der Nordsee bis zum Bodensee, bis in die zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts ein reiches Fischgewässer. Legendär die riesigen Rheinlachse. Berichte über die großen Fänge klingen heute wie Anglerlatein.

In den letzten Jahren hat sich die Situation geändert. Man wagt sogar den Gedanken, die Schifffahrt dem Fluss anzupassen statt umgekehrt. Dank strenger Gesetze sind heute Flüsse und Seen in vielen Ländern Westeuropas deutlich sauberer als noch vor 50 Jahren. Manche Wildtiere kehren nun von alleine an den Rhein zurück. Reiher gehören schon heute wieder zu den ständigen Besuchern der zum Teil unter Schutz gestellten Altrheinarme.

Ausgezeichneter Geruchsinn

Nur der atlantische Lachs wird es ohne massive Hilfe kaum schaffen. Seit fast 20 Jahren setzen Fischer jeden Sommer in den Nebenflüssen des Rheins aufwendig gezüchtete Junglachse aus. Wenn nur ein einziger dieser Junglachse die Wanderung nach Island und zurück schafft, ist es schon ein großer Erfolg. Den kleinen Fischen drohen auf ihrer langen Reise unzählige Gefahren. Für die pfeilschnellen Kormorane sind sie eine willkommne Beute. Nur eine Handvoll erwachsener Lachse kehrt heute in den Rhein und seine Nebenflüsse zurück. Sie finden den Ort, wo sie ausgesetzt wurden, mit Hilfe ihres ausgezeichneten Geruchsinns wieder.

Die Gewinner des dreitausend Kilometer langen Hürdenlaufs durch Atlantik und Flüsse sind noch immer eine Sensation. Ein paar dieser Heimkehrer haben bereits in Freiheit abgelaicht. Wildlachse der ersten Generation wecken die Hoffnung, dass der Mythos "Rhein" wieder aufersteht.

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