Folgen der Katastrophe

Vom Bauern zum Krieger

Erst die moderne Forschung erlaubt eine Rekonstruktion der Katastrophe, die um 465 vor Christus den Stämmen in Süddeutschland die Lebensgrundlage entzog. Den Zeitgenossen und ihren Nachkommen aber brannte sich der Tag, an dem der Komet kam, unauslöschlich ins Gedächtnis. Ihrer Vorstellung nach hatte sich der Himmel geöffnet, um die Erdenbürger zu bestrafen.

Die Idylle der Siedler nimmt ein jähes Ende. Der feurige Eindringling aus dem Universum erschüttert ihr Weltbild in den Grundfesten. Die öde Wüste bietet keinen Schutz mehr. So weit das Auge blickt, fehlen Bäume, die sie fällen können, um Feuerholz zu machen.

Exodus der Überlebenden

Wenn sie nicht Hungers sterben wollen, dann müssen sie den angestammten Platz ihrer Gehöfte verlassen und in die Fremde ziehen. Ohne festes Ziel, denn sie kennen das Ausmaß der Zerstörung nicht. Vorbei die Epoche des Wohlstands und der Gewissheit, dass die Natur den täglichen Speiseplan garantiert. Forscher mutmaßen: Das Terrain zwischen München und Salzburg war über Jahrzehnte unbewohnbar. Wohin der Exodus der Geretteten führte, bleibt Spekulation.

Fest steht: Reich ausgestattete Fürstengräber und das legendäre Gold der Kelten holten Archäologen nur außerhalb der betroffenen Region ans Licht. Der weltberühmte Fund von Hochdorf in Baden-Württemberg zeugt von der hohen Kunstfertigkeit der einzelnen Stämme, wie sie vielleicht auch in Süddeutschland vorherrschte. Der Kometeneinschlag liefert die erste Erklärung für das plötzliche Fehlen von Hinterlassenschaften aus jener Zeit im Chiemgau.

Imagewandel



Die Kelten, die dem Desaster im Chiemgau entrinnen können, müssen sich aufmachen und eine neue Bleibe finden. In der Fremde suchen sie Kontakt zu Landsleuten. So sehr sich die Stämme auch voneinander unterscheiden, so verbindet sie doch eine gemeinsame Sprache und Religion. Neue Forschungen lassen vermuten, dass die Zuwanderer nicht überall willkommen sind, es kommt sogar zu schweren, bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Sippen. Zum ersten Mal in der Geschichte kämpfen die Clans um Territorien.

Nach und nach verändert sich ihr Image von friedlichen Bauern zu brutalen Mördern und Eroberern. Erbarmungslos verfolgen sie ihre Gegner und bestrafen jeden mit dem Tod. Zunächst führen "die Tapferen", wie die Kelten übersetzt heißen, einen Kleinkrieg untereinander. Doch es dauert nicht lange, bis sie Raubzüge durch ganz Europa unternehmen. Brandschatzend und plündernd dringen sie nach Norditalien vor, ziehen dann weiter nach Rom und besetzen die Stadt für fast sieben Monate.

Neue Religion

Von dort aus strömen die Eindringlinge in den Süden der Halbinsel, belagern Ungarn, Bulgarien und Griechenland. In der Orakelstätte zu Delphi stehlen sie sogar das Tempelgold. Schließlich fallen die keltischen Horden in die heutige Türkei ein - ohne Rücksicht auf Verluste. Über 200 Jahre dauert die blinde Raserei und keiner kann sie stoppen.

Sie geht einher mit neuen, blutigen Ritualen und einem schonungslosen Umgang mit dem Feind. Der Grund dafür ist eine Veränderung der religiösen Vorstellung. Als höhere Macht verehren sie nicht länger allein die Natur, sondern Götter, die Namen tragen und Schutzfunktionen erfüllen. Der Glaubenswandel ist auch in der Kunst verewigt. Statt geometrischer Figuren beherrschen auf einmal Fratzen das Repertoire: Menschen verschlingende Unwesen, die Furcht einflößen.

Dreifache Ritual-Morde

Um die Herrscher des Himmels sanftmütig zu stimmen, müssen Blutopfer her. Mit dem Segen des Druiden werden Gefangene, Verbrecher, aber auch viele Unschuldige hingerichtet. Die Götter sind überall präsent. Selbst Gewandspangen tragen ihr Konterfei. Mit den Bildnissen bezeugen die Menschen den überirdischen Mächten ihre Ehrfurcht und tiefe Verbundenheit.


Dazu gehört auch die grausame Zeremonie des dreifachen Ritual-Mords. Dabei wird das Opfer zuerst erwürgt, dann sein Schädel zertrümmert und ihm anschließend die Kehle durchgeschnitten. Obwohl immerhin 400 Akteure der keltischen Mythologie überliefert sind, bleibt die Religion bis heute ein Mysterium, denn die Druiden haben ihr Wissen nur mündlich an Eingeweihte weitergegeben.

Das Feuerrad des Taranis

Bekannt ist, dass es für jeden Lebensbereich einen eigenen Gott gab. Allen voran thront Taranis, der Gebieter über Donner und Blitz. Als Gabe an den düsteren Gesellen müssen Menschen den Feuertod sterben. Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Alte und Junge werden in eine gigantische Figur aus Stroh und Reisig gesteckt und angezündet. Die menschliche Fackel sollte den mächtigen Taranis gnädig stimmen.


Sein Attribut, das Feuerrad, haben Archäologen als Symbol der Leben spendenden Sonne gedeutet, die den ewigen Kreislauf der Natur garantiert. Doch der Nachweis vom Kometeneinschlag ruft eine andere Theorie auf den Plan. Das Feuerrad sei ein Mahnzeichen in Erinnerung an die kosmische Splitterbombe, die im Chiemgau niederging. Unabhängig von seiner einstigen Bedeutung - das Feuerrad spielt noch heute bei Festen zur Sommer-Sonnenwende eine entscheidende Rolle.

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