Forschern in die Schublade geblickt

Regisseurin und Autorin Meike Hemschemeier im Interview

Meike Hemschemeier spricht über das Konzept der Doku-Reihe und gibt einen ersten Eindruck davon, was uns in den nächsten 50 Jahren erwartet.

Autorin und Regisseurin Meike Hemschemeier beim Dreh mit Roboter Asimo


Frage: Für "2057 - Die Welt der Zukunft" mussten Sie 50 Jahre in die Zukunft schauen. Das kann man mit einer Kristallkugel machen oder man befragt die Zukunftsforscher. Wie sind Sie vorgegangen?


Meike Hemschemeier: Wie haben uns ganz weit von der Kristallkugel und auch von den Zukunftsforschern entfernt. Stattdessen haben wir haben uns darauf beschränkt, Wissenschaftler zu fragen. Wir haben uns mit Leuten unterhalten, die auf den ersten Blick gar nichts mit Zukunft zu tun haben. Aber beim zweiten Blick stellt man fest, dass sie schon große Ideen für die Zukunft in der Schublade haben oder daran arbeiten. Für Wissenschaftler ist es heute nämlich ganz normal, dass sie mindestens 20 Jahre in die Zukunft denken - meistens sogar noch weiter.


Frage: Was für Wissenschaftler waren das denn in erster Linie?


Hemschemeier: Sie kamen querbeet aus allen möglichen Disziplinen. Wir haben ja die drei Teile: der Mensch, die Stadt und die Welt. Beim ersten Teil ging es vor allem um Medizin, also haben wir in diesem Zusammenhang in erster Linie Ärzte und Medizintechniker befragt, aber auch Leute, die mit der Kleidung der Zukunft zu tun haben. In der zweiten Folge haben wir es mit Mobilität und Kommunikation zu tun und in der dritten Folge mit Weltraum und Energie. Demzufolge ist vom Ingenieur bis zum Physiker, vom Textilingenieur bis zum Biotechniker eine sehr große Bandbreite an Wissenschaftlern vertreten.


Frage: Sie haben es schon angesprochen: Die erste Folge beschäftigt sich mit der Medizin der Zukunft und dem Körper des Menschen. Da kann man doch den Eindruck gewinnen, dass alle Krankheiten und Verletzungen in Zukunft heilbar sein werden. Ist das eigentlich eine Prognose mit hoher Wahrscheinlichkeit?



Hemschemeier: Es ist nicht so, dass wir behaupten würden: In 50 Jahren wird nicht mehr gestorben. Viele Leute fragen sich ja, ob wir angesichts der vielen neuen Methoden unsterblich werden. Das ist natürlich nicht der Fall. Denn nach wie vor haben wir keine Waffe gegen das Alter. Was es aber tatsächlich gibt, dass sind vereinzelte große Bereiche wie zum Beispiel die Querschnittslähmung oder auch das Versagen der Organe im Alter, die man in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit beheben kann - wenn man es denn bezahlen kann. Auch das ist ein wichtiger Bestandteil der ersten Folge: Es zeichnet sich ganz klar ab, dass es in Zukunft noch viel stärker als heute schon eine medizinische Klassengesellschaft geben wird, in der die einen basisversorgt sind und die anderen sich viel mehr kaufen können. Das heißt in dem Zusammenhang: Sie können sich Leben kaufen.


Frage: Also gibt es das Zweitherz dann sozusagen nur für die Gutversicherten, die dementsprechend diese Versicherungsprämien auch bezahlen können. Und die anderen gehen leer aus. Das ist eigentlich keine besonders schöne Zukunftsvision, oder?


Hemschemeier: Im Grunde setzt diese Vision das Heute nur fort. Es kann natürlich immer sein, dass bestimmte Dinge dazwischen kommen, die wir heute noch nicht voraussehen können. Das heißt, dass vielleicht die Politik noch umdenkt oder dass die Menschen beginnen, massiven Druck zu machen und sich für ein anderes System einzusetzen. Allerdings gehen heute alle noch so vorsichtigen und skeptischen Mediziner davon aus, dass sich die medizinische Klassengesellschaft innerhalb der nächsten 50 Jahren noch weiter fortentwickeln wird.


Frage: Oder aber die menschlichen Ersatzteile werden dann durch Massenproduktion auch günstiger und dadurch letztlich doch bezahlbar.


Hemschemeier: Ob die medizinische Entwicklung im Jahre 2057 so weit fortschreiten wird, dass menschliche Ersatzteile auf dem Massenmarkt zu haben sind, können wir jetzt noch nicht beurteilen.


Frage: Auch in Bezug auf die Mega-Städte und das Weltklima - also Probleme, die uns auch heute umtreiben - setzt diese Reihe sich von den derzeit eher pessimistischen Prognosen eigentlich ab. Ist die Zukunft denn so rosig, dass all diese Probleme technisch lösbar sein werden, wenn sich die Wissenschaft nur anstrengt?


Hemschemeier: In Bezug auf die Folge zwei überrascht mich Ihr Eindruck einer rosigen Zukunft. Viele Leute haben in diesem Zusammenhang gesagt: "Oh, das ist mir aber zu düster." Wenn man sich vorstellt, dass man in 50 Jahren vielleicht an einem Datentropf hängt, dass alles vorherbestimmt ist und man eigentlich auch kein privater Mensch mehr ist, dann empfinde ich das eigentlich als keine besonders positive Vision.


Frage: Das ist natürlich richtig. Aber das ist ja eine Frage der persönlichen Einstellung. Es wird vielleicht bis dahin auch Menschen geben, die sich daran überhaupt nicht mehr stören. So wie es auch heute Menschen gibt, die mit Datenschutz eigentlich keine Probleme haben, weil sie sagen, dass sie nichts zu verbergen haben.


Hemschemeier: Genau. Wir haben die Reihe eigentlich auch auf einer anderen Grundlage geplant. Es ging uns weniger darum zu sagen: "Leute schaut mal, ist das nicht alles toll?" Stattdessen wollten wir zeigen, was heute definitiv an Plänen in den Schubladen liegt. Dabei geht es dann gar nicht mehr so sehr um die Frage: Können wir diese Pläne technisch verwirklichen? Sondern es geht um die Frage: Wollen wir das? Technisch wird es möglich sein. Aber ob wir das wollen, ob es politisch durchgesetzt wird, das ist eine ganz andere Frage.


Frage: Sie haben auch Szenen mit Schauspielern nachgesellt. Basieren auch diese Szenen auf den Prognosen der Wissenschaftler?


Hemschemeier: Ja. Wir haben uns die Mühe und den Aufwand gemacht, in einen ganz engen Kontakt mit den Wissenschaftlern zu treten. Wir haben das Drehbuch immer wieder von den unterschiedlichen Forschern gegenlesen lassen und haben es immer wieder umgeschrieben. Bis in die Computeranimationen hinein ist das Konzept also bis ins Detail von vielen Wissenschaftlern redigiert worden bis sie gesagt haben: "So könnten wir uns die Zukunft vorstellen".

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