Fortsetzung: Waren die Assyrer grausam?

Der König von Assur betrachtete sich als einzigartig

Der König betrachtete sich unter den Herrschern der Welt als besonderes Wesen: Während der assyrische König hoch über den zahlreichen sonstigen Königen und Herrschern der Welt stand, thronten über ihm die Götter, die gleichfalls zahlreich waren. Jeder Krieg, den er führte, war gerechtfertigt.

Relief zeigt Assyrer mit Köpfen ihrer Gegner
Relief zeigt Assyrer mit Köpfen ihrer Gegner Quelle: ZDF

Allein zwischen Menschen und Göttern stehend war der assyrische König ganz und gar einzigartig. Und er nahm überdies für sich in Anspruch, als Diener und Liebling der Götter vollkommen in ihrem Sinne und gemäß ihrem Willen zu handeln. Ein Widerstandsrecht konnte es unter diesen Umständen nicht geben, vielmehr musste jeder Akt des Ungehorsams gegen den König zugleich ein Vergehen gegen den Willen der Götter sein.

Gerechtigkeit als Kriegslegitimation

Der assyrische Herrscher Sanherib (Spielszene)
Der assyrische Herrscher Sanherib (Spielszene) Quelle: ZDF

Damit aber war jeder Krieg, den der König führte - sei es, um Rebellen im Innern des Reiches niederzuwerfen oder um auswärtige Feinde zu besiegen - ein gerechter Krieg, in dem der assyrische König alles Recht auf seiner Seite wusste, während alle Schuldder Gegenseite anzulasten war. Feinde, ganz gleich ob innerhalb oder außerhalb des Reiches, galten infolgedessen nicht als gleichwertige Gegner, sondern als Verbrecher und Sünder, die es in aller Härte und mitleidlos zu bekämpfen galt, um sie am Ende ihrer verdienten Strafe zuführen zu können.

Die assyrische Sichtweise, soweit sie sich in den Quellen offenbart, betrachtete die Geschehnisse aus einer ganz und gar selbstgerechten Perspektive und ließ allein die eigenen Forderungen, Ziele und Wünsche gelten. Wer sich diesen fügte, war ein gehorsamer Untertan. Wer sich gegen sie auflehnte, ein Bösewicht und Feind der Götter. Somit war es unmöglich, neutral zu bleiben, jeder Mensch musste sich vielmehr für eine dieser beiden Positionen entscheiden.

Standpunkt des Gegners zählte nicht

Die assyrische Seite machte sich bei alledem nicht die Mühe, sich in den Standpunkt ihrer Gegner hineinzuversetzen: Deren tatsächliche Beweggründe interessierten nicht, stattdessen wurde ihnen in pauschaler Weise grundsätzliche Bosheit und Niedertracht unterstellt. Daher konnte kein Feind auf die Berücksichtigung etwaiger mildernder Umstände hoffen und hatte mit unbarmherziger, durch nichts gemilderter Bestrafung zu rechnen.

Bei alledem ist festzuhalten, dass die Bestrafungsmethoden der Assyrer in ihrer Zeit nicht außergewöhnlich waren. Die assyrischen Könige hatten jedoch aufgrund ihrer ungeheuren Macht weit häufiger als ihre schwächeren Feinde und Rivalen die Gelegenheit, über Feinde zu triumphieren.

Nicht rassistisch oder nationalistisch

Doch auch wenn die Assyrer im Krieg und bei der Bestrafung ihrer Feinde außerordentlich brutal zu Werke gingen, so stand dabei keine jener extremen oder fanatischen Ideen im Hintergrund, die in späteren Epochen so viel Unheil angerichtet haben: Religiöse Verfolgung, Nationalismus oder Rassismus waren ihnen fremd; das assyrische Reich war ganz im Gegenteil sogar sehr erfolgreich darin, Menschen jeglicher Herkunft in das eigene System zu integrieren - auch wenn dies oft genug unter Zwang geschah.

Die assyrischen Herrscher verfolgten eine rücksichtslose Realpolitik, die zwar ohne Zögern über Leichen ging, insgesamt aber am Gewinn orientiert war. Sie wollten die Welt beherrschen, nicht sie vernichten. Insbesondere waren arbeitende und Abgaben zahlende Untertanen ein außerordentlich wertvoller Besitz. Anstatt die Bevölkerung eines feindlichen oder rebellischen Gebietes als Sklaven zu verkaufen oder gar umzubringen, deportierte man sie stattdessen in andere Teile des Reiches, wo sie sich als nützliche Untertanen bewähren sollten.

Hinrichtung als Siegeszeremoniell

Ein fürchterliches Schicksal erwartete dagegen all jene feindlichen Anführer, die das Pech hatten, den Assyrern lebend in die Hände zu fallen. Die Sieger schleppte sie eigens in die Hauptstadt, zur Zeit Sanheribs war dies Ninive. Das geschah, um vor den Augen der assyrischen Untertanen mit der qualvollen Hinrichtung der Verbrecher und Sünder den abschließenden Sieg des Königs und die Wiederherstellung der Ordnung zu unterstreichen.

Derlei zelebrierte man umso ausgiebiger, als sich die Gelegenheit dazu weit seltener ergab, als die Herrscher am Tigris sich dies sehr wahrscheinlich gewünscht haben. In seltenen Fällen wurde die konsequente Bestrafung überdies durch die Erfordernisse der politischen Realität verhindert - so etwa, wenn sich der König zur Begnadigung eines rebellischen Vasallenkönigs gezwungen war, weil er über keinen anderen Thronkandidaten verfügte, der anstelle des Übeltäters hätte regieren können. Strafe drohte also vor allem jenen, die man nicht mehr brauchte, die ersetzbar waren.

Hiskia entkam der üblichen Strafe

Vor allem aber musste der assyrische König, um das gewünschte feierliche Exempel statuieren zu können, seinen Feind erst einmal lebend in die Finger bekommen - was sich jedoch oft genug als unmöglich erwies. Wäre Jerusalem im Jahre 701 gefallen, so wäre Hiskia wohl in Ketten nach Ninive gebracht worden, wo man ihm, hätte er sich als ersetzbar erwiesen, sehr wahrscheinlich bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hätte. Das war die übliche Strafe für den Anführer einer Rebellion. Stattdessen aber misslang die Eroberung Jerusalems, und der Anführer Hiskia blieb dem assyrischen Zugriff entzogen.

Für Sanherib war das alles andere als erfreulich. Doch er hatte inzwischen eine klarere Vorstellung von dem Aufwand gewonnen, der zur Eroberung Jerusalems notwendig war - wobei das Königreich Juda für ihn ohnehin nur den Stellenwert eines Nebenschauplatzes besaß. Da ihn überdies beunruhigende Nachrichten aus Babylonien erreichten, das ihm sehr viel wichtiger war, entschied er, dass ein neuerlicher Feldzug nach Juda die Mühe nicht lohne und nahm dessen abtrünnigen König gegen Zahlung einer beträchtlichen Summe wieder als Vasallen an. Und so war es am Ende eine Vielzahl glücklicher Umstände, die es Hiskia ersparten, als Fallbeispiel für die Grausamkeit der Assyrer in die Geschichte einzugehen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet