Fragen zu Delphi

Geologe Prof. Jelle de Boer im Interview

Prof. de Boer ist Geologe an der amerikanischen Weslyean University und hat die berauschenden Erddämpfe in Delphi entdeckt.


ZDFonline: Ihr Lebensweg ist ungewöhnlich. Wie kamen Sie zur Geologie?


Prof. Jelle de Boer: Ich wuchs als Kind holländischer Eltern an der Flanke eines Vulkans auf Java auf. Dort erlebte ich schon in jungen Jahren kleinere Erdbeben und sah die Auswirkungen von Ausbrüchen - zum Beispiel Staubwolken - auf den Nachbarinseln. Zur Schule musste ich immer auf einem Pony reiten und oft stieg ich ab, um interessante Insekten und hübsche Steine zu sammeln. Nach dem Krieg kehrte meine Familie in die Niederlande zurück und ich musste mich für ein Studiengebiet entscheiden. Die Eindrücke in Indonesien haben mich so geprägt, dass ich mich für die Geologie entschieden habe.


ZDFonline: Aus welchem Grunde sind Sie nach Griechenland gekommen, wie hat es Sie dann nach Delphi verschlagen?


de Boer: Ich war in den 80er Jahren zusammen mit mehreren anderen Geologen in Griechenland beschäftigt, weil wir prüfen sollten, ob es im Umkreis von etwa 50 Kilometer rund um Athen möglich ist, ein Atomkraftwerk zu bauen. Diese Großstadt wollte endlich ihre Probleme mit der Stromversorgung lösen. Wir konzentrierten uns auf die vulkanisch aktive Zone Aegina/Methana und auf die Erdfalten rund um den Korinthischen Graben. Die Ideen, die ich damals entwickelte, wurden aber erst wieder aktuell, als ich mehr als ein Jahrzehnt später den Archäologen John Hale auf einer Tagung traf und mich mit ihm über meine Entdeckungen austauschen konnte. Zusammen fuhren wir dann mehrmals nach Delphi und begannen, die geologischen Daten mit den Überlieferungen aus der Antike zu vergleichen. (Anmerkung der Redaktion: Wegen der starken Erdbebenneigung in der Region wurde natürlich nie ein Atomkraftwerk gebaut.)


ZDFonline: Welche Rolle spielen die vielen Erdbeben in dieser Region?


de Boer: Die Beben entstehen, weil die Erdfalten im korinthischen Graben noch aktiv sind und sich gegeneinander verschieben. Mit einem solchen Rutsch kann man alle paar Jahrzehnte sicher rechnen. Bei der großen Erdfalte von Delphi sackt der südliche Gesteinsblock periodisch um 30 bis sogar 100 Zentimeter ab. Die Beben dieser Region sind besonders heimtückisch, weil das Gelände steil ist und außerdem große Felsbrocken und Steinlawinen losbrechen können.


ZDFonline: Wie sicher können Sie über Ihre Analyseergebnisse in Delphi sein?


de Boer: Sehr sicher. Wir haben mehrfach Proben aus Quellen und von der Sinterkruste, die sich an früheren Quellen gebildet hatte, genommen. Das Material wurde von einem der führenden Labors in den Staaten analysiert.


ZDFonline: Wieso finden wir heute keine betäubenden Gase mehr in Delphi?


de Boer: Das Ethylen kommt ja, wie wir in den Proben nachweisen konnten, durchaus noch mit dem Wasser an die Oberfläche, allerdings in kleinen Mengen. Erst ein größeres Erdbeben würde die Spalten, aus denen mehr Gase entweichen könnten, wieder öffnen. Denn im Lauf der Zeit haben sich die Austrittswege durch Erdverschiebung und Versinterung verengt oder geschlossen. Ein solches Beben würde Delphi - das alte und das neue - allerdings komplett zerstören. Lassen Sie uns hoffen, das so etwas in absehbarer Zeit nicht geschieht!


ZDFonline: Meinen Sie, dass Delphi eine Ausnahmeerscheinung war? Oder gibt es Untersuchungen, dass die Wirkung von Erdgasen in der Antike allgemein bekannt war und genutzt wurde?


de Boer: Es gibt viele Plätze auf der Welt, an denen aufsteigenden Gase von "Sehern" benutzt werden, um in die Zukunft zu schauen. Die meisten liegen in der Nähe von Vulkanen. Außerdem wissen wir inzwischen, dass es auch in der Türkei eine Reihe von Apolloheiligtümern gab, die über Spalten erbaut sind, aus denen Gase aufstiegen und sogar immer noch steigen! Das ist unser nächstes Projekt: im kommenden Sommer wollen wir dorthin und Proben nehmen.

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