Fragen zu Qumran

Theologe Dr. Jürgen Zangenberg im Interview

Der Theologe Dr. Jürgen Zangenberg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Evangelische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Neue Testament.


ZDFonline: Welche Schriften wurden in den Höhlen bei Qumran gefunden?


Dr. Jürgen Zangenberg: In den Jahren zwischen 1946 und 1956 wurden in elf Höhlen in der Umgebung von Qumran (1Q bis 11Q) Zehntausende von Handschriften-Fragmente gefunden, die in der Zeit von circa 200 v. Chr. bis circa 60 n.Chr. auf Pergament oder Papyrus geschrieben worden sind (ein Text, die "Kupferrolle" 3Q 15, wurde in Kupferblech eingeritzt). Nur ganz wenige Rollen sind fast vollständig erhalten. Die Mehrheit der Texte ist in hebräischer, ein kleinerer Teil in aramäischer Sprache verfasst, nur in Höhle 7 wurden allein griechische Textfragmente entdeckt.

Etwa ein Drittel der Texte besteht aus Abschriften von Büchern des Alten Testaments, ein weiterer Teil enthält Nacherzählungen und Erweiterungen biblischer Erzählstoffe, weitere Rollen bieten schließlich ein sehr breites Spektrum unterschiedlichster theologischer Werke (Bibelkommentare, poetische Texte, Regeln für ein religiöses Leben, Endzeitdarstellungen, liturgische Werke). Nur wenige Werke waren zuvor bekannt, die allermeisten davon höchstens in späteren Übersetzungen. Lediglich ein geringer Teil der Texte ist als "sektiererisch" anzusprechen, trägt also Merkmale, die nur einer Gruppe des antiken palästinischen Judentums zugeschrieben werden können. Alle Texte sind jüdisch, frühchristliche Texte wurden nach der übergroßen Mehrheit der Forschung in Qumran nicht gefunden.


ZDFonline: Wurden auch an anderen Orten der Region antike Texte gefunden?


Zangenberg: Ja, auch außerhalb der unmittelbaren Umgebung von Qumran entdeckte man seit 1946 antike Texte, so zum Beispiel.. auf Masada (1. Jh.v./n.Chr.), in verschiedenen Höhlen bei En Gedi (1. und 2. Jh.n.Chr.) und in Verstecken westlich von Qumran (Khirbet Mird aus dem 8. Jh.n.Chr.) und nördlich von Jericho (Wadi ed-Daliyeh, 4. Jh.v.Chr.).

Zudem haben wir zwei antike Berichte über Schriftrollenfunde "in der Gegend von Jericho", die ursprünglich durchaus zum "Qumrandepot" gehört haben könnten. Auch in Zukunft sind weitere Schriftfunde nicht auszuschließen. Die Höhlen am Westufer des Toten Meeres wurden immer wieder von Menschen als Versteck und Zufluchtsort aufgesucht, die Schriftrollenfunde von Qumran sind also keine Ausnahme.


ZDFonline: Was ist die Bedeutung der Textfunde von Qumran?


Zangenberg: Die Bedeutung dieser Funde lässt sich kaum hoch genug schätzen. Qumran gehört zu den ganz großen Sternstunden der Archäologie und der Bibelwissenschaft. Dank der Schriftfunde erhalten wir ein völlig neues Bild von der Vielfalt und Kreativität des antiken palästinischen Judentums vor der Katastrophe des Jahres 70 - und das durch originale Texte, die in dieser Zeit in Palästina geschrieben wurden.

Die Qumranschriften bieten unter anderem einen faszinierenden Einblick in die komplexe Entstehungsgeschichte des Alten Testaments; sie geben Auskunft darüber, wie Menschen das Alte Testament, die Grundlage jüdischen Glaubens und Lebens, interpretierten, um Gottes Willen in einer schwierigen Zeit zu erfüllen; und sie bringen uns die Hoffnungen ihrer Autoren auf das rettende Eingreifen Gottes gegen Unterdrückung und Abfall vom Glauben nahe. So können wir auch die politische, soziale und geistige Welt viel besser verstehen, in der das Christentum entstand.

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