Fragen zu Qumran, Teil II

Theologe Dr. Jürgen Zangenberg im Interview

Der Theologe Dr. Jürgen Zangenberg ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Evangelische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sein Forschungsschwerpunkt ist das Neue Testament.


ZDFonline: Welche Rolle spielte der Vatikan bei der Erforschung der Texte aus Qumran?


Dr. Jürgen Zangenberg: Als Protestant sage ich: Der Vatikan hat nie direkt oder indirekt auf die Erforschung der Schriftrollen Einfluss genommen. Der Verdacht, Texte oder Forschungsergebnisse seien vom Vatikan unterdrückt worden, weil sie das Christentum gefährdeten, ist absurd und entbehrt jeder Grundlage. Im Gegenteil: katholische Forscher haben in Zusammenarbeit mit Angehörigen anderer christlicher Konfessionen sowie jüdischen und religiös ungebundenen Kollegen wesentliche Beiträge zur Erforschung der Texte geleistet. Keiner der Texte -und seien sie noch so spektakulär- stellt eine "Gefahr" für das Christentum dar, sondern die Texte aus Qumran liefern umgekehrt wichtige Daten zur Erforschung des frühen Christentums.


ZDFonline: Welche Verbindung besteht zwischen den Schriftrollen und der Siedlung?


Zangenberg: Die Mehrheit der Forscher glaubt, dass die Bewohner der Siedlung mit den Personen identisch sind, die die Schriftrollen benutzt und in den benachbarten Höhlen verborgen haben. Aufgrund der inhaltlichen Nähe einiger Aussagen der Rollen mit Angaben antiker Schriftsteller (v.a. Josephus, Plinius) über die jüdische Gruppe der "Essener" nimmt die Mehrheit ferner an, dass die Bewohner von Qumran solche Essener waren ("Qumran-Essener-Hypothese").

Dem ist in letzter Zeit mit guten Gründen von anderen Forschern vor allem aufgrund archäologischer Daten widersprochen worden. Sie verweisen auf die Verbindung der Siedlung zur Region am Toten Meer und betonen, dass sich die Lebensweise der Bewohner Qumrans nicht mit den Verhaltensweisen vereinbaren lässt, die man landläufig mit den Essenern verbindet: Weltabgeschiedenheit, Askese und eine zumindest temporäre Ehelosigkeit. Ein abschließendes Urteil ist derzeit noch nicht möglich, nötig ist aber die kritische Prüfung traditioneller Ansichten.


ZDFonline: War Jesus in Qumran?


Zangenberg: Die überwiegende Mehrheit der Forschung ist sich zu Recht einig: aller Wahrscheinlichkeit nach war Jesus nicht in Qumran. Keine der im Neuen Testament erwähnten Personen wird in den Qumranschriften genannt. Die bestehenden Analogien zwischen Jesus und Qumran sind nicht im Sinne einer Abhängigkeit zu verstehen, sondern beruhen auf einer gemeinsamen Wurzel.

Die frühe Jesusbewegung gehört in das weite Feld jüdischer Gruppen, denen die Erneuerung Israels am Herzen lag. Wie auch die Autoren der Qumranschriften beziehen sich Jesus und die neutestamentlichen Schriften auf das Alte Testament. Diese gemeinsame Wurzel bedingt auch, dass im Neuen Testament viele sprachliche Formen (Seligpreisungen, Weisheitssprüche, Endzeitprophetien etc.) und inhaltliche Vorstellungen (messianische Figuren, Frage nach dem höchsten Gebot und rechten Leben etc.) vorkommen, die auch in den Qumrantexten zu finden sind.

Die Unterschiede zwischen der Verkündigung Jesu und zahlreichen Aussagen der Qumranschriften sind jedoch ebenso ernst zu nehmen und sprechen gegen eine direkte Verbindung (Ehescheidung, Umgang mit Fremden, Reich-Gottes-Botschaft). Ferner fehlen zentrale Elemente frühchristlichen Gemeindelebens in Qumran: Weder lassen sich die christliche Taufe noch das Abendmahl Jesu direkt aus Qumran ableiten. Andererseits gibt es Themen, die in Qumran weit stärker vertreten sind als im Neuen Testament (Fragen der rituellen Reinheit, des Kalenders und Priestertums).

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