Friedfertige Gesellschaft?

Marshalls findet weder Tempelanlagen noch Kriegsspuren

Im Sommer 1924 verändert eine Zusammenkunft des britischen "Antikendienstes" in Indien das Weltbild der Archäologie: Der Archäologe Marshall versammelt seine Männer und das Material aus Harappa und Mohenjo-Daro in seinem Hauptquartier im nordindischen Simla. Gemeinsam mit seinen Direktoren machte er sich an die Auswertung. Die Ergebnisse dieser Nacht werden Ungeahntes zu Tage bringen.

Ruine in Harappa Quelle: ZDF

Gefunden wurden nur Objekte aus Bronze und Feuerstein, keine aus Eisen. Es ist zwar nicht bekannt, wie alt die Artefakte sind. Aber sie könnten mehr als viertausend Jahre alt sein. Die Fundorte - Harappa und Mohenjo-Daro - liegen sechshundert Kilometer voneinander entfernt. Dennoch ähneln sich die Gegenstände, die Marshalls Assistenten ausgegraben haben, verblüffend. Während sie die Funde vergleichen, ist Marshall mit seinen Gedanken bereits einen Schritt weiter: Stammen auch die Mauern der Städte aus der selben Epoche? Wurden sie etwa gebaut, bevor das Eisen erfunden wurde.

Zeitungsausschnitt Illustrated London News Quelle: ZDF

Entdeckung per Ferndiagnose

Nach einer langen Nacht ist Marshall klar: Es muss am Indus eine große zusammenhängende Zivilisation gegeben haben - im dritten Jahrtausend vor Christus? Eine Sensations-Entdeckung per Ferndiagnose. Denn John Marshall hat weder Harappa noch Mohenjo-Daro mit eigenen Augen gesehen. In der renommierten "Illustrated London News" vergleicht er sich dennoch mit einem der berühmtesten Feldforscher der Geschichte.

Der Vergleich ist ein riskantes Manöver, das auf den ersten Blick so gar nicht zu dem umsichtigen Forscher passen will. Ist er der Versuchung erlegen, seine Entdeckung aufzubauschen, weil er etwas von Schliemanns Ruhm erhaschen will? John Marshall weiß: Sollte er sich irren, wird er zum Gespött der Gelehrtenwelt. Er muss nun selbst den Beweis erbringen. Zu seiner Grabung sind sogar Vertreter der internationalen Presse angereist. Leitende Beamte der britischen Behörden wollen sich von den Fähigkeiten des ehrgeizigen Wissenschaftlers überzeugen. Marshall öffnet Einheimischen den Weg in die Archäologie. Ein kluger Schachzug - sie kennen die alten Schriften und Sprachen Indiens und können dabei helfen, eine 4000 Jahre alte Kultur zu entdecken.

Wasserreservoir Mohenjo-Daro Quelle: ZDF

Wasserreservoir statt Tempel

Der spektakulärste Fund ist ein 1800 Quadratmeter großes Areal. Zunächst rätseln die Archäologen, ob es sich um einen Palast, einen Tempel oder ein Warenlager handelt. Doch Marshall ist sich sicher, dass sie ein Wasserreservoir entdeckt haben. Das Becken misst 7x12 Meter - bei einer Tiefe von 2,40 Meter, möglicherweise ein öffentliches Schwimmbad. Im rückwärtig gelegenen Teil der Anlage entdecken die Forscher einen Bau mit eigenem Zugang. Eine Art VIP-Bereich für die vornehmen Leute?

Bauforscher Michael Jansen, aktuell an der Indus-Forschung beteiligt, ist nicht nur von der raffinierten Konstruktion verblüfft, sondern auch vom Material. An der Südmauer lässt sich eine besondere Substanz nachweisen: Bitumen. Natürlicher Teer, mit dem das Becken abgedichtet wurde. Schon Marshalls Mitarbeiter spekulierten über die Funktion des Bades. Diente es den Priestern von Mohenjo-Daro für Reinigungsrituale oder war das Baden erfrischender Luxus einer hoch entwickelten Gesellschaft, die gelernt hatte, das Wasser zu bändigen? In einigen Häusern finden die Forscher kleine Bäder. Private Pools in der Bronzezeit?

Kanalsystem Quelle: ZDF

Toiletten mit Wasserspülung

Die Bewohner von Mohenjo-Daro profitierten von einem ausgefeilten Frischwasser- und Kanalsystem. Die Toiletten funktionieren sogar mit Wasserspülung und sind an Abwasserkanäle angebunden, die man mit Steinplatten abdeckte. Ein System, wie es in Europa erst ab dem 20. Jahrhundert Standard wurde. Wussten die Erbauer von Mohenjo-Daro, dass Exkremente Krankheitskeime enthalten und das Grundwasser verseuchen? Systematisch leiteten sie ihre Abwässer aus der Stadt zum Fluss.

Ein weiteres faszinierendes Merkmal von Mohenjo-Daro sind die zahlreichen, runden Brunnen. Stabil gemauert, haben sie den langsamen Verfall der Stadt überlebt. Wie Türme ragen sie nach ihrer Freilegung in die Höhe. In Mohenjo-Daro muss es rund sechshundert Brunnen gegeben haben. Zu dieser Zeit war in Ägypten und Mesopotamien der rundgemauerte Brunnenbau noch unbekannt.

Ehemaliger Brunnenschacht Quelle: ZDF

Herrschaftliche Zeugnisse fehlen

Dafür finden sich am Indus weder Tempel noch Paläste, herrschaftliche Zeugnisse fehlen völlig. John Marshall stellt deshalb die These auf, dass es sich bei der Indus-Zivilisation um eine friedfertige Gesellschaft gehandelt haben muss. Brettspiele, die an antikes Schach erinnern, belegen amüsanten Zeitvertreib. Es macht den Eindruck, als seien die Menschen vom Indus spielerischen Vergnügungen nicht abgeneigt gewesen.

Neue Identität für den Subkontinent

Bronzestatue Quelle: ZDF

Eine kleine Statue aus Bronze ist schätzungsweise viertausend Jahre alt und der wohl anmutigste Fund der Indus-Kultur. Selbst einen gestandenen Forscher wie John Marshall versetzt sie regelrecht in Erstaunen. War sie eine Tänzerin, die den Bewohnern von Mohenjo-Daro den Feierabend versüßte? Eine Diva, der ein Verehrer ein Denkmal für die Ewigkeit setzen wollte oder eine Tempelprostituierte, wie sie aus anderen Kulturen überliefert ist? John Marshall kann über die Identität der Figur, nur spekulieren. Sie ist bis heute ein Rätsel geblieben.



Die Entdeckung einer versunkenen, unbekannten Hochkultur ist der größte Triumph im Leben von John Marshall. Ende der zwanziger Jahre räumt er seinen Posten als Direktor des Antikendienstes. Die Ironie der Geschichte: Ausgerechnet ein Archäologe, der im Auftrag der Kolonialmacht England nach Indien kam, gibt dem Subkontinent eine neue und zugleich uralte Identität. Für seine Erfolge hat er inzwischen den königlichen Ritterschlag bekommen. Als Sir John verlässt er Britisch-Indien.

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