Friedliche Eroberer

Wertvolle Werke als Hinterlassenschaften

Nach inzwischen vier Jahren Sibirien dachten Johann Georg Gmelin und Gerhard Friedrich Müller ernsthaft an eine Rückreise. Sie verließen Jakutsk in Richtung Süden, woher sie gekommen waren. Beiden hatten die Strapazen sehr zugesetzt, sie waren gesundheitlich angeschlagen.

Erst über ein Jahr später erreichten sie wieder freundlichere Regionen. In der Gegend um Irkutsk, wo sie schon früher länger verweilt hatten, fühlten sie sich beinahe wie zu Hause.

Unberührtes Territorium

Von dort ging es langsam in Etappen westwärts, auf Wegen, die sie kannten. Sie hatten die Herausforderungen des "schlafenden Landes" freiwillig angenommen und überstanden. Gmelin und Müller hatten ein noch relativ unberührtes Territorium vorgefunden, obwohl bereits die ersten Kosaken nicht gerade zimperlich mit der Natur und ihren reichen Schätzen umgegangen waren. Auch die Zeiten des Pelzreichtums waren fast vorbei.



Die Heimreise erfolgte über wichtige sibirische Zentren, wie Tjumen, eine alte Tatarenfestung, die bereits Jermak erobert hatte. Über Tobolsk, seit 1708 Hauptstadt von Sibirien und Verbannungsort des letzten russischen Zaren. Aber auch über Tomsk, eine durch den Sibirienhandel reich gewordenen Stadt und ein christliches Bollwerk gegen heidnische Kirgisen.

Rückkehr nach St. Petersburg

Erst 1743 kehrten Gmelin und Müller nach Sankt Petersburg zurück. Hier herrschte jetzt Zarin Elisabeth I. In der Akademie der Wissenschaften hatte man inzwischen längst das Interesse an der Großen Nordischen Expedition verloren. Sie hatte das Staatssäckel schwer belastet und es gab viele Stimmen, die am Nutzen dieses Unternehmens zweifelten. Gmelin und Müller, die zahlreichen Unternehmungen Berings, hatten aber den "achten Kontinent" erst einmal begreifbar gemacht - seine riesigen Dimensionen. Aber den Russen auch den Blick geöffnet - nach Amerika und Japan.

"Sammlung russischer Geschichte"

Gmelin verfasste das vierbändige Werk "Florica Sibirca", das in St. Petersburg gedruckt wurde. Darin beschrieb er über tausend Pflanzenarten, sodass der große schwedische Naturforscher Linné voller Bewunderung meinte, Gmelin habe mehr Pflanzen entdeckt als alle anderen Botaniker zusammen. Im November 1747 trat Gmelin die Heimreise nach Deutschland an, wo er zwei Jahre später eine Professur in Tübingen annahm und 1755 verstarb.


Anders als Gmeliin versuchte Müller wieder in St. Petersburg Fuß zu fassen. Doch es gab Schwierigkeiten mit der Akademie der Wissenschaften, deren Interesse an der Großen Nordischen Expedition schnell erloschen schien. Erst nach lebhaften Diskussionen konnte Müller an seiner "Sammlung Russischer Geschichte" weiterarbeiten, einem bis heute äußerst wertvollen Werk zur Geschichte und Geografie des Russischen Reiches, vor allem Sibirien. Müller starb im Oktober 1783 in Moskau.

Nach Abschluss der Großen Nordischen Expedition fürchtete die russische Regierung, dass wertvolle Informationen über das Land hinter dem Ural, vor allem auch über die Seepassagen, an die Öffentlichkeit dringen könnten, obwohl sich alle Expeditionsteilnehmer zum Stillschweigen verpflichtet hatten. Alle Unterlagen der Bering-Expediiton mussten abgeliefert werden, und auch Gmelin und Müller stellten ihre Materialien dem Staat zur Verfügung, der dann über die Veröffentlichungen entschied.

Fast vergessene Forscher



Während Gmelin und Müller, die über 33.000 Kilometer zurückgelegt hatten, bei uns heute fast vergessen sind, erinnert sich in Sibirien jeder an diese friedlichen Eroberer. Ihre Namen und die anderer, meist deutscher, Sibirienforscher zieren das Naturhistorische Museum in Irkutsk.

Dem Museum genau gegenüber errichtete man ein Denkmal für Zar Alexander III., dem Erbauer der Transsibirischen Eisenbahn. Er läutete Ende des 19. Jahrhunderts die dritte große Eroberung Sibiriens ein. Durch eiserne Wege sollte Sibirien endgültig an Europa angeschlossen werden. Dieser Traum, die Dimensionen schrumpfen und den "achten Kontinent" besser versorgen zu lassen, begann und endete in Wladiwostok. "Beherrsche den Osten" - der Name der Stadt wurde Programm. Von der Stadt auf den Hügeln geht der Blick über den Pazifik, scheinbar grenzenlos - so wie Sibirien.

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