Frontmann zwischen Fiktion und Fakten

Moses - das historische Phantom

Seinem Diener Moses gewährt Jahwe vom Berg Nebo nahe Jericho wenigstens noch einen Blick in das Gelobte Land jenseits des Jordan. Vierzig Jahre lang hat der geduldige Anführer die Israeliten durch die Wüste geleitet und dabei eine Last und Verantwortung getragen, die kaum ein Sterblicher zu bewältigen vermag.

Moses und Blitze
Moses und Blitze Quelle: ZDF

Im Angesicht der Verheißung Gottes endet das Leben des Mannes, den allein die ersten sechs Bücher des Alten Testaments über 700 Mal erwähnen. In seiner einzigartigen biblischen Vita folgt ein dramatisches Ereignis dem anderen - von der Geburt bis zum Tod. Die drei großen monotheistischen Weltreligionen - Judentum, Christentum und Islam - würdigen ihn als bedeutenden Propheten. Bis in die Gegenwart interpretieren Theologen, Philosophen, Archäologen, Historiker, Psychologen, Naturwissenschaftler, Schriftsteller, Maler, Bildhauer und Regisseure die charismatische Gestalt immer wieder aufs Neue und versuchen, einen Beleg für seine irdische Existenz zu finden. Die Veröffentlichungen über ihn gehen in die Zigtausende, und dennoch gibt es kein verbindliches Ergebnis.

"Manager Jahwes"

Moses hütet das Geheimnis um seine Person nach wie vor. Dabei lassen ihn die Bibelautoren in vielen Rollen auftreten: als Mörder, Rebell und Politiker, als Zauberer, Wundertäter und Wüstenexperte, als Held und Feldherr seines Volkes, als Gesetzgeber, Richter und Religionsstifter. Modern ausgedrückt, trifft der Begriff "Manager Jahwes" am besten das Wirken des Multitalents. Denn unermüdlich verkündet und vollstreckt der Auserwählte den göttlichen Willen, seien es gute oder schlechte Botschaften, Wohltaten oder Strafen. Zudem muss er ständig zwischen dem Herrn und dem ungehorsamen Volk vermitteln. Oft ist die Situation so brenzlig und Jahwes Zorn so gewaltig, dass sein Frontmann die ganze Kunst der Fürbitte in die Waagschale werfen muss, um das Schlimmste abzuwenden.

Nur ab und an schimmern in den Erzählungen menschliche Schwächen des fast unfehlbaren Charakters durch: So können die Israeliten die Amalekiter nur bezwingen, wenn Moses den ganzen Tag über mit erhobenen Händen den Sieg beschwört. Doch seine Arme werden müde, und die Gefährten müssen ihn stützten. Im späteren Verlauf der Wanderung ist er vom Schlichten der unzähligen Streitfälle überfordert und ernennt einen Kreis von Getreuen, die ihm fortan bei der Regelung weltlicher Anliegen helfen. Und als er das Goldene Kalb erblickt, überkommt ihn unbändige Wut, so dass er die Gesetzestafeln zerbricht.

Entzauberte Magie

Das Bild, das die Forschung von Moses zeichnet, veränderte sich im Lauf der Zeit. Frühe Deutungen reichten vom Mondgott über eine mythische Herrscher-Persönlichkeit bis zum alleinigen Autor des Pentateuch. Im 19. und 20. Jahrhundert entzauberten bibelkritische Gelehrte die Magie um den Gefolgsmann Jahwes jedoch mehr und mehr. Taten, die ihm das Alte Testament zuschreibt, entlarvten sie als Produkte späterer Überlieferung, die Plagen und Wunder führten sie auf Naturphänomene zurück. Die Identifikationsfigur des Judentums wurde als reine Legende verbucht.

Moses und die Plage der Dunkelheit
Moses und die Plage der Dunkelheit Quelle: ZDF

Dem Theologen Rudolf Smend geht das zu weit. Er glaubt, dass die Verfasser der ältesten Quellen Moses nicht einfach erfunden haben. Er trug einen ägyptischen Namen, wurde am Pharaonenhof erzogen, bei den Midianitern weiter unterrichtet und nahm sich dort eine Fremde zur Frau. Dass ausgerechnet ein solcher, von ausländischen Einflüssen geprägter Mann ihrem Gott Jahwe unmittelbar gegenüber treten durfte, hätten sich die stolzen Israeliten in der Phantasie nicht ausdenken können. Ein gesichertes Indiz für Smends Überlegung gibt es nicht.

Historisches Phantom

Historisch gesehen, bleibt Moses weiterhin ein Phantom. Wenigstens sein Name weist auf die reale Welt hin. Nicht nur in Zusammensetzungen wie Thutmose, Ptahmose oder Ahmose war er im Nilland von alters her gebräuchlich, sondern besonders in der Ramessidenzeit auch in der Kurzform beliebt. Wie eine Stele aus Piramesse dokumentiert, lebte in der Stadt ein Offizier namens Mose, der als Krönung seiner militärischen Laufbahn aus der Hand des Pharao die höchste Auszeichnung, das "Ehrengold", empfing.


Obwohl kein einziger Hieroglyphentext Moses erwähnt, haben Inschriftenfunde Ägyptologen inspiriert, den Mann der Bibel mit ausländischen Persönlichkeiten zu vergleichen, die um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert vor Christus im Pharaonenreich prominente Ämter bekleideten. Im Deltagebiet wirkte ein gewisser "By" oder "Beja", vermutlich war er Kanzler unter Sethos II. (1200 bis 1194 vor Christus) und spielte nach dem Tod des Herrschers eine aktive politische Rolle als Königsmacher für den Nachfolger Siptah (1194 bis 1188 vor Christus).

Fremdlinge in Ägypten

Theologe Manfred Görg
Theologe Manfred Görg Quelle: ZDF


Wahrscheinlich ist es der gleiche Mann, den der Papyrus Harris "Syrer" und "Großer" nennt und ihm den Beinamen Irsu gibt, "der sich selbst (zum Amtsträger) gemacht hat". So der Übersetzungsvorschlag des Alttestamentlers Manfred Görg. Ähnlich gewürdigt erscheint Moses als "sehr angesehener Mann in Ägyptenland vor den Großen des Pharaos und vor dem Volk" (Ex. 11, 3). Andere Forscher identifizieren Irsu mit dem auf der Stele von Elephantine erwähnten Anführer der Asiaten, die unter Ramses III. (1183 bis 1152 vor Christus) einen Aufstand anzettelten und des Landes verwiesen wurden. Einige Fremdlinge, die in Ägypten eine bedeutende Rolle spielten oder der Regierung als Rebellen Probleme bereiteten, hinterließen also durchaus Spuren.

Seit Jahrzehnten kennen Fachkreise eine weitere Vergleichsfigur, den "Royal Butler". 1972 entdeckte das Grabungsteam des israelischen Bergbauexperten Professor Beno Rothenberg in Timna, dem historischen Kupferzentrum Ezjon Geber, ein in die Felswand gemeißeltes Relief. Die einzeilige Inschrift unter der Opferszene mit Ramses III. und der Göttin Hathor meldet: "Vollzug einer Inspektion durch den königlichen Hofbeamten Ramesses-em-per-Re (Ramses im Haus des Re)". Sein Zweitname Bn-'zn, der in einem anderen Text belegt ist, weist den hohen Funktionär als Semiten aus. In der Szene vor Ort kannte er sich demnach bestens aus.

Gesandter des Pharao

Sicher kontrollierte der Gesandte des Pharao nicht nur den Fortgang des Kupferabbaus, sondern schlichtete in diplomatischer Mission zwischen den ägyptischen Aufsehern und den semitischen Arbeitern. Die Männer, vermutlich Schasu, mussten Frondienst leisten. Denn ihr Stamm versuchte mehr als einmal, sich der Zentralgewalt zu entziehen. Das Dauerproblem veranlasste mehrere Herrscher zu Strafexpeditionen. Aufständische, die nicht in die Minen abgeordnet wurden, ließen sie gefangen nehmen und als Sklaven an den Nil verschleppen. Die erfolgreiche Aktion unter Sethos I. (1292 bis 1279 vor Christus) illustrieren Reliefs im Tempel von Karnak.

Israelitischer Frondienst in Ägypten
Israelitischer Frondienst in Ägypten Quelle: ZDF

Der Vergleich der Moses-Figur mit Beja oder Rames-ses-em-per-Re heißt für die meisten Forscher aber noch lange nicht, den Helden des Alten Testaments mit einem der beiden Männer zu identifizieren. Die Inschriften und Erkenntnisse tragen lediglich dazu bei, einen möglichen Hintergrund aufzuzeigen, aus dem die Verfasser der Bibel vielleicht geschöpft haben. Die Kategorie "erfolgreicher Aufsteiger in der Fremde" war den Autoren zumindest nicht unbekannt. Auch die Gestalt des Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkauften, ließen sie in eine ähnliche Rolle schlüpfen.

Zwischen den Welten

Selbst wenn Moses als Einzelperson nicht nachweisbar ist, vereinen sich in ihm doch Erinnerungen an Menschen mit ähnlichen Funktionen, die als Wanderer zwischen der syro-palästinisch und der ägyptischen Welt gelebt haben. Den Anführer einer frühisraelitischen Sippe, die nach Kanaan zog, um dort einen Staat zu etablieren, erhob die Bibel in eine unvergleichliche Position: Als Begründer des Jahwe-Glaubens und "Stifter von Israel" wurde Moses zum Mythos.

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