Ganz nach oben

Dirk Steffens' Drehabenteuer in der Baumkrone

Moderator bei Faszination Erde - ein Traumjob für Schwindelfreie: Für den Beitrag über die Baumkronenforschung im Regenwald Panamas klettert Dirk Steffens auf einen Urwaldriesen. Hier berichtet er von seinem Abenteuer in 30 Meter Höhe.

Dirk Steffens wird beim Seilklettern gefilmt
Dirk Steffens wird beim Seilklettern gefilmt Quelle: ZDF

19. Januar 2010, Barro Colorado, Panama: Die Kapuzineräffchen sind schlau. Sie wissen, wir können sie nicht erreichen. Deshalb pinkeln sie uns ungeniert auf die Köpfe, aus 40 Meter Höhe. Zwischendurch lassen sie sich die reifen Früchte des riesigen Feigenbaums schmecken. Er überragt das Blätterdach des panamesischen Dschungels so weit, dass man von ganz oben bis zum Kanal blicken kann, der den Namen des Landes trägt und dessen Lebensader ist.

Dschungelinsel im Panamakanal

Von der seehändlerischen Geschäftigkeit auf der Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik, wo der globalisierte Handel Ozeanriesen Schlange stehen lässt, ist hier im Wald nichts zu spüren. Nicht tief dröhnende Schiffshupen, sondern markerschütterndes Brüllaffengeschrei zerreißt die Luft; Blätterrauschen statt Dieselgebrumm; nicht Containerschiffe, sondern endlose Blattschneideameisenkolonnen tragen schwere Fracht. Sie schultern Pflanzenteile von der vielfachen Größe ihres eigenen Körpers und schleppen sie mit unbeirrbarer Tüchtigkeit unter die Erde, in ihre Wohn- und Bruthöhlen.

Dirk Steffens beim Anseilen
Dirk Steffens beim Anseilen Quelle: ZDF

Ich schaue hoch zu den Pinkelaffen und sehe gerade noch, wie Bryson kopfüber vom Wipfel Richtung Boden saust, zwei Meter vorm Aufschlag die Füße nach unten schwingt, die Seilbremse surrend zufassen lässt und so elegant und federnd neben mir landet wie Batman nach einem weiteren erfolgreichen Kampf gegen den finsteren Joker. "Jetzt du," grient er und klickt mich ins Seil. Na gut. Leider bin ich nicht so geschickt wie Bryson - der als Baumkletterprofi und Biologe für das Max-Planck-Institut arbeitet.

Der Weg nach oben

Auf zwei Metern klemme ich mir den Daumen im Steiggriff. Auf vierfünfzig gelangt eine mir unbekannte Ameisenspezies, klein und rötlichbraun, unter mein Hemd und testet, ob mein Bauchspeck essbar ist. Auf sechs Metern glaube ich abzustürzen, weil das Seil plötzlich ein Stück nachgibt. Auf sieben rauscht Kollege Muffi an mir vorbei nach unten, der heute als Gegengewicht arbeitet und John samt Kamera anstrengungslos hochsausen lässt. Bei zwölf stoppt er, baumelt noch ein bisschen und guckt mich erwartungsvoll an. "Sag mal was!"

Ich schwitze, stöhne und schnaufe eine kleine Zwischenmoderation in die Kamera, dann geht's weiter. Auf 16 sticht mir ein spitz geborstener Ast in den Rücken, auf 20 beginnen die Arme zu zittern, auf 23 die Beine und fünf Meter später der ganze Baum. Wind kommt auf. Muss das jetzt sein? Irgendwann jenseits der 30 erreiche ich die dicke Astgabel, von der aus sich ein grandioser Blick über das Dschungeldach bietet.

Kollegen in Ameisengröße

Ideal für unsere Zwecke, denn darum geht es schließlich bei diesem Dreh: Die faszinierenden Geheimnise und die unzähligen neuen Tier- und Pflanzenarten, die es hier oben zu entdecken gibt - so lange man nicht runterschaut. Dann denke ich nämlich weniger an Biologie und mehr an Ballistik. Wie war das noch mit der Erdbeschleunigung? Kopfrechnend versuche ich meine mögliche Aufschlagsgeschwindigkeit zu ermitteln, verwerfe die Berechnungen aber schnell wieder, weil ich feststelle, wie ungünstig sie sich auf meine Konzentrationsfähigkeit bei der folgenden Moderation auswirken. Es geht um die Überlebenstricks baumbewohnender Ameisen im Falle eines Absturzes. Kein schönes Thema, wenn man die Kollegen nur noch als ameisenkleine Punkte in Schwindel erregender Tiefe sieht.

Team schaut Dirk Steffens zu
Team schaut Dirk Steffens zu Quelle: ZDF

Die Umlenkrolle des zweiten Seils surrt, Muffi lässt die Schwerkraft wirken und Sekunden später baumelt Kamera-John neben mir, der eigentlich ein Ton-John ist. Aber Kamera-Oliver hat heute lieber seinen Kollegen ins Geschirr gehängt. Sonst schreckt er ja vor fast nichts zurück, aber bei Höhen wird ihm mulmig. Also dirigiert er John per Funk und kontrolliert die Einstellungen am Monitor - ohne abzuheben. Zwei Stunden kauere ich auf der Astgabel und muss im Laufe der Zeit immer häufiger an die Pinkelaffen denken. Ich hätte vorhin einfach nicht so viel Kaffee trinken sollen

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