Gefährliche Annäherung

Ein Grizzly verteidigt seine frisch gerissene Beute

50 Seemeilen westlich der Vogelinsel habe ich eine Bucht entdeckt, in der sich etwas ganz besonderes andeutet. Das Watt ist übersät mit zerbissenen Muschelschalen. Überall sind frische Bärenspuren. Am Ankerplatz meines Bootes sollte ich Zeuge einer nächtlichen Auseinandersetzung zweier rivialisierender Grizzlys mit tödlichem Ausgang werden.

Toter Bär Quelle: ZDF

Wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein riesiger Küstenbraunbär auf, der alle bisher gesehen Bären in den Schatten stellt. Ein massiges Männchen, bestimmt über 20 Jahre alt und weit über 15 Zentner schwer. Er frisst kleine hartschalige Jakobsmuscheln. Wie viele muss er wohl am Tag davon öffnen, um satt zu werden? Er tut es mit Bedacht und sehr viel Geschick. Immer näher komme ich an ihn heran, um ihn noch besser filmen zu können.

Bär gräbt Muscheln aus Quelle: ZDF

Fett- und eiweißreiche Muscheln

Grizzlybären sind wie die meisten anderen Bärenarten totale Nahrungsopportunisten. Auf den Aleuten bleibt ihnen eigentlich nichts anderes übrig, als diese Muscheln auszugraben, wenn sie an fette und eiweißreiche Nahrung gelangen wollen. Und das können sie natürlich nur zweimal am Tag, nämlich dann, wenn Ebbe ist. Und dementsprechend sind jetzt alle Bären hier versammelt und versuchen so viele Muscheln wie möglich zu knacken, um sich in relativ kurzer Zeit damit voll zu fressen.

Futterneid gibt es bei so reichlich verteilter Beute kaum. Ein Streit um ein paar Muscheln lohnt nicht den Aufwand. Die jungen Bären stellen sich beim Öffnen der Schalen noch recht ungeschickt an und zerbeißen sie einfach. Wochenlang ernähren sich die Braunbären von den Muscheln. Der Schlickboden birgt Unmengen von ihnen. Dann werden auf einmal einige Bären unruhig, während andere noch unschlüssig zu sein scheinen. Immer mehr verlassen die Bucht.

Bären verlassen die Bucht Quelle: ZDF

Berauschende Naturschauspiele

Sie brechen auf, um über die Bergkämme ins Hinterland zu wandern. Auf mich kommen harte Tage zu, denn ich muss meine schwere Ausrüstung über weite, zum Teil steile Strecken schleppen. Aber immer wieder werde ich durch berauschende Ausblicke und Naturschauspiele belohnt, die alle meine Mühen vergessen machen. Und ich bin mir sicher: Jenseits des Bergzuges warten überraschende Erlebnisse auf mich, denn bald müsste die Paarungszeit der Bären beginnen.

In einem weiten Tal treffe ich wieder auf eine größere Bärenansammlung. Die Ebene bietet saftige Weiden und die sonst eher einzelgängerisch lebenden Tiere konzentrieren sich hier. An anderen Futterplätzen konnte ich Ähnliches auch schon beobachten. Zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich etwas, das bisher nur von der Kodiak-Insel bekannt ist: eine Bärin, die vier Junge hat. Aber hier sind die Lebensbedingungen ähnlich wie auf Kodiak und den Bären scheint es sehr gut zu gehen. Die etwa fünf Monate alten Jungen sehen prächtig aus. Nur ihrer strapazierten Mutter sieht man die viele Arbeit wirklich an.

Bärenmutter mit vier Jungen Quelle: ZDF

Gute Überlebenschancen im El Dorado

Auch in dieser Gegend hoffen Füchse ständig, dass etwas für sie abfällt. Dauernd ist die Bärenmutter auf der Hut. Selbst die Füchse werden argwöhnisch im Auge behalten. Eine alte erfahrene Bärin wie sie, hat in diesem El Dorado gute Chancen, alle vier Kinder groß zu kriegen. Schon bald werden die Kleinen versuchen, in der Obhut ihrer Mutter selbst auf Nahrungssuche zu gehen. Trotzdem werden sie noch zwei Jahre mehrmals am Tag gesäugt. Erst mit vier Jahren sind die Bärchen soweit, dass sie ihrer eigenen Wege gehen können. Ich mache mir viele Notizen über diesen fantastischen Ort. An diese Stelle möchte ich unbedingt noch einmal wiederkommen.

In meinem Boot Tardis werde ich in der Nacht von lautem Gebrüll aufgeschreckt. Nicht weit vom Boot entfernt kämpfen zwei Grizzlys. Fast eine halbe Stunde dauert der Kampflärm. Am Morgen ist bei den Bären eine große Unruhe zu spüren, die Tiere wirken nervös. Das Raben- und Elstergezeter weist mir den Weg. Mir bietet sich ein Bild der Verwüstung. Mit zwei kleinen Videokameras filme ich mich selbst. Die Situation ist extrem gefährlich. Auf dem Boden liegt ein Riesenbär mit Biss-Spuren am Hals. Die Totenstarre ist noch nicht eingetreten. Aus dem Giganten sickert immer noch Blut. Wie bei allen Raubtieren, geht es auch bei Bären immer um dasselbe: Dominanz und Rangordnung.

Geschenk der Götter

Es war ein Geschenk der Götter, dass ich diese Stelle überhaupt gefunden habe. Wenn über mir die Kolkraben nicht gekrächzt hätten und die Elstern hier nicht überall rumzeterten, wäre ich nie auf die Idee gekommen, in die Büsche reinzugucken und hätte auch diesen Kadaver nicht gefunden. Die Bären sind ja relativ still und verhalten sich ganz ruhig. Das ist nicht, wie wenn ein Löwenrudel an einem Riss dran ist und alle sind am Knurren und Brummen. Bei den Bären geht das ganz still ab, weil der Bär nicht auf sich aufmerksam machen möchte. Er will diesen Riss für sich alleine haben und nicht mit anderen Bären teilen müssen.

Andreas Kieling wird von einem Bären überrascht Quelle: ZDF

Ein starker Bär taucht im Busch auf und geht zielstrebig zum Riss. Er ist sehr nervös. Vom Kadavergeruch angelockt, taucht ein weiterer großer Bär auf und kommt mir gefährlich nah. Er sieht ziemlich mitgenommen aus und ist von Kampfspuren gezeichnet. Mit starken Zurufen versuche ich ihn von mir fernzuhalten. Eigentlich müsste er die Angst im meiner Stimme hören, aber offensichtlich beeindruckt ihn das doch, wenn ich brülle.

Der "Chef" verteidigt seinen Riss

Der zweite Bär ist aufs höchste erregt und beobachtet mich. Es sieht ganz so aus, als ob er derjenige ist, der den großen Bär getötet hat. Die anderen beiden Männchen, die hier noch rumlaufen, hat er einfach weg gejagt. Einem toten Artgenossen kann kein anderer Bär widerstehen. Er beginnt sofort, in den toten Rivalen hinein zu beißen. Fett und Muskelfleisch sind hochwertige Energielieferanten. Das Fleisch eines Bären liefert zehnmal mehr an Proteinen und Fett wie die gleiche Menge Lachsfleisch.

Alte Bären beanspruchen große Territorien für sich alleine. Obwohl diese Heimatgebiete bis zu 200 Quadratkilometer groß sind, kommt es immer wieder zu Konflikten. Und es kann nur Einen geben, der das Sagen hat. Für die nächsten Jahre wird er der Chef an diesem Küstenabschnitt sein - bis ihn vielleicht irgendwann einmal das gleiche Schicksal ereilt.

Bär vergräbt seinen toten Konkurrenten Quelle: ZDF

In höchster Lebensgefahr

Was ich nun filme, sehe ich nie wieder. Der Riese fängt an, seinen toten Konkurrenten zu vergraben. Und er kommt mir wieder gefährlich nahe. Mir wird endgültig klar, ich befinde mich in höchster Lebensgefahr. Die Bären werden mir gegenüber immer respektloser.

Ich verdrücke mich lieber. Man muss das Schicksal auch nicht zu sehr herausfordern. Die Vernunft siegt über die Filmleidenschaft. Das was ich hier gemacht habe, war das Leichtsinnigste in meinem Leben. Aber diese Bilder sind noch nie zuvor gefilmt worden. Und dafür war ich bereit, ein hohes Risiko einzugehen.

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