Gefahr aus dem Osten

Ganz Europa erstarrt

Von Konstantinopel aus war der Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk im Mai 1253 aufgebrochen. Erst zwei Jahre später sollte er nach Europa zurückkehren. Sein Reisebericht ist ein einzigartiges Zeugnis über das Volk aus der Steppe, das zwölf Jahre zuvor die Grundfesten Europas erschüttert hatte.

Rubruk will versuchen, was seinem Vorgänger nicht gelungen war: die Christianisierung des Steppenvolkes. 1251 war Rubruks Ordensbruder Carpini im Auftrag des Papstes ins Mongolenreich gereist und hatte die erste Beschreibung dieser unbekannten Welt geliefert.

Kiew in Schutt und Asche



Niemand ahnte etwas von der Gefahr, die sich rasend schnell von Osten her näherte. 1237 überquerte das mongolische Reiterheer die Wolga, legte Kiew, die mächtigste Stadt Russlands, in Schutt und Asche. Im März 1241 fällt Krakau, dann stellt sich bei Liegnitz Herzog Heinrich von Schlesien mit einem Ritterheer dem Mongolensturm entgegen. Doch die Schlacht endet in einer Katastrophe: Das christliche Heer wird vernichtet, der Kopf des Herzogs endet als Trophäe.

Schlacht mit exemplarischem Charakter

In Krakau gedenkt man noch heute des verheerenden Mongoleneinfalls vor mehr als 750 Jahren. Zu jeder vollen Stunde bläst ein Trompeter vom Turm der Marienkirche Alarm, doch dann bricht sein Signal plötzlich ab. Der Legende nach durchbohrte in diesem Moment ein Mongolenpfeil den Hals seines Vorgängers. Am 24. März 1241 brennt Krakau lichterloh. Zwei Tage später greifen die Reiterkrieger weiter südlich an - in Ungarn. Ganz Europa erstarrt vor Angst. Sie überrennen die Lehmwälle der Burgen in den Karpaten und stellen am Sajo-Fluss die ungarischen Truppen.


Die Schlacht von Mohi zwischen Batu, dem Enkel Dschingis Khans und König Bela von Ungarn hat exemplarischen Charakter für die mongolische Taktik. Die Mongolen schließen einen Belagerungsring um die Wagenburg, in die sich das ungarische Heer zurückgezogen hatte. Ein Pfeilhagel saust auf die Eingeschlossenen nieder. Panik bricht aus. Die verzweifelten Ausfälle der Ritter werden blutig zurückgeschlagen. Plötzlich jedoch öffnen die Mongolen den Kessel - und das ungarische Heer tappt in die Falle. Die Gesamtoperation gleicht einer gigantischen Treibjagd, bei der es kein Entrinnen gibt. Das ungarische Ritterheer wird vernichtet, nur dem König gelingt die Flucht. Sein Land aber steht den Invasoren offen.



In Mohi erinnert heute noch ein Denkmal an das Leid, das über die ungarische Bevölkerung hereinbrach. Das Land wird verwüstet und geplündert. Etwa ein Drittel der zwei Millionen Ungarn wird von den Mongolen getötet oder verschleppt. Zeitgenössische Chroniken berichten von Gräueltaten. Wer will es den Zeitgenossen verdenken, dass sie wahre Horrorszenarien entwerfen? Man glaubt, die Hölle, der "Tartaros", habe sich aufgetan, um das Abendland zu verschlingen. Doch ebenso plötzlich wie sie gekommen waren, ziehen sich die wilden Horden aus Europa zurück. Trotz des Abzugs bleibt der Schrecken.

Qualen an Hunger und Durst

Auch Rubruk traut seinen mongolischen Führern nicht, die ihn zur Residenz des Großkhans bringen sollen: "Sie stellten uns viele Fragen über Frankreich, ob es dort viele Schafe, Pferde und Ochsen gebe. Da hatte man fast den Eindruck, als wollten sie bald bei uns einmarschieren und uns alles wegnehmen." Dennoch gibt es im Augenblick drängendere Probleme: "Unbeschreiblich waren die Qualen an Hunger und Durst, Kälte und Anstrengung, die wir durchzustehen hatten. Denn Nahrungsmittel gaben sie uns nur abends. Am Anfang verachtete uns unser Führer gar sehr und es war ihm zuwider, uns führen zu müssen."

Als sie die mittlere Wolga überquert hatten, wähnt sich Rubruk schon fast am Ziel seiner Reise. Er ahnt weder, dass noch mehr als 4000 Kilometer vor ihm liegen, noch, dass er den Spuren der Truppen folgt, die sich vor zwölf Jahren aus Europa zurückzogen. Angeblich war es die Nachricht vom Tod des Großkhans Ögödei im Jahre 1242, welche die Rückkehr der Armeeführer notwendig machte. Ein Nachfolger musste gewählt werden. Ögödei muss seinen baldigen Tod vorausgesehen haben, denn zwei Jahre zuvor hatte er die Fürsten des Landes zu einem Reichstag zusammengerufen, um Rechenschaft abzulegen.

Aufrichtig bemüht

Ögödei gilt als großzügig, gütig und gerecht. Aufrichtig ist er bemüht, sich an die Weisungen seines Vaters Dschingis Khan zu halten. Seine Disziplin hat er allerdings nicht geerbt. Offen gesteht er vor den Mächtigen seines Reiches ein, "dass ich mich vom Traubenwein besiegen ließ."


Auf den Schlachtfelder behält er allerdings stets die Oberhand. Unter Ögödeis Oberbefehl überrollen die mongolischen Armeen Eurasien, preschen über Persien und Russland bis nach Europa vor. Ögödei erfüllt das Vermächtnis Dschingis Khans und errichtet "durch die Kraft des ewigen Himmels, des ozeangleichen Khans und des mächtigen Volkes" das größte Weltreich der Geschichte.

Vollendetes Werk

Seinem Vater zu Ehren lässt Ögödei schriftlich niederlegen, was bis dahin nur mündlich überliefert wurde. Auf dem Reichstag nimmt er das vollendete Werk entgegen: Die "Geheime Geschichte der Mongolen". Halb Epos, halb Chronik berichtet sie vom Ursprung des Steppenvolkes und den Taten des Großen Dschingis Khan.

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