Gefahr oder Chance?

Methanhydrat als Energiequelle der Zukunft

Die Apokalypse dauerte hunderttausend Jahre. Noch weiß niemand genau, was sich vor zweihundertfünfzig Millionen Jahren ereignete, nur eins ist sicher: Es war das furchtbarste Massensterben der Erdgeschichte.

Brennendes Methanhydrat
Brennendes Methanhydrat

Vermutlich begann es mit dem Auseinanderbrechen des Superkontinents Pangea. Heftige tektonische Aktivitäten verursachten eine Serie gewaltiger Vulkanausbrüche im heutigen Sibirien, die eine Fläche von fast vier Millionen Quadratkilometern mit einem eineinhalb Kilometer tiefen Lavasee bedeckten. Die Hitze und die giftigen Gase töteten Milliarden von Tieren, und die Überlebenden dieses vulkanischen Infernos hatten es noch längst nicht überstanden. Denn nun begann das Meer scheinbar zu kochen, riesige Mengen stinkender Faulgase stiegen aus den Tiefen auf. Milliarden Tonnen Methan verwandelten die Erdatmosphäre in ein gewaltiges heißes Treibhaus, in dem fast alles Leben ausgelöscht wurde.

Gigantische Reserven

Karte mit Methanhydrat-Vorkommen
Karte mit Methanhydrat-Vorkommen


Ausgerechnet auf dieses Teufelszeug setzen heute manche Energieexperten ihre größten Hoffnungen. Das Methanhydrat, von dem hier die Rede ist, wurde bereits 1971 entdeckt, aber erst jetzt beginnt man zu ahnen, wie wichtig es für die Zukunft unserer Zivilisation sein könnte. Methan entsteht durch biogenen Zerfall, also immer dann, wenn organische Stoffe verfaulen. Am Meeresgrund, bei circa zwanzig Atmosphären Druck, werden die Methanmoleküle von Wassermolekülen umschlossen und quasi in einen Käfig gesperrt. Das Methanhydrat lagert sich in großen Mengen an Kontinentalhängen ab, und es ist das häufigste Gashydrat der Welt. Wie groß das Vorkommen ist, sprengt alle Vorstellungskraft.

Nehmen Sie die kompletten Kohlevorkommen, die die Erde jemals hervorgebracht hat, und werfen Sie diese auf einen Haufen. Schütten Sie das gesamte Erdöl darüber, viele Billionen Barrel, und stellen Sie sich vor, Sie könnten auf diesen gewaltigen Berg noch die gesammelten Erdgasvorkommen stapeln. Schauen Sie sich diese monströse Kohle-Öl-Erdgas-Halde an, sie reicht bis in die Wolken. Und nun verdoppeln Sie diesen Berg. Dann haben Sie annähernd die Menge Methanhydrat, die auf dem Meeresboden und in den arktischen Permafrostböden lagert. Kein Wunder also, dass über den Abbau des Hydrats zur Energiegewinnung nachgedacht wird.

Meeresboden
Meeresboden

Alles andere als umweltfreundlich


Professor Gerhard Bohrmann von der Universität Bremen ist ein Pionier der Methanhydratforschung. Er wurde mehr oder weniger durch einen Zufallsfund dazu, als es bei einer Expedition vor der Küste Oregons zufällig gelang, große Mengen Methanhydrat zu bergen. Seitdem hat er in vielen Ecken der Welt nach diesem Stoff gesucht und interessiert sich besonders für die Auswirkungen des Materials auf Meeresboden und Klima. Er hält von Methan als Energielieferant nicht sonderlich viel, obwohl das Gas wunderbar brennt. "Wenn wir Methanhydrat als Energiequelle nutzen", gibt Bohrmann zu bedenken, "dann haben wir natürlich das Problem, dass wir das Treibhausgas Kohlendioxid produzieren. Und wir müssen ja eigentlich alternative Energien suchen."

Selbst wenn neue Technologien das Kohlendioxidproblem eindämmten, wäre Methanhydrat alles andere als ein umweltfreundlicher Brennstoff. Beim industriellen Abbau des Materials würden große Mengen Methan in die Atmosphäre entweichen. Als atmosphärischer Wärmespeicher ist es bis zu dreißigmal so wirksam wie das berüchtigte Kohlendioxid und könnte den Treibhauseffekt enorm beschleunigen.

Keine andere Wahl?

Zudem wirkt das Gas als Kitt am Meeresboden; es hält die Sedimente zusammen. Würde es in großem Stil abgebaut, können die Kontinentalhänge ins Rutschen kommen und gefährliche Tsunamis auslösen. Vieles spricht also dafür, das Methanhydrat einfach dort zu lassen, wo es ist. "Aber vielleicht", sagt Bohrmann, "haben wir in fünfzig Jahren überhaupt keine andere Chance und müssen das Methanhydrat nutzen." Dieser Fall tritt dann ein, wenn es nicht gelingt, die Weltwirtschaft vom immer teureren Öl abzunabeln.

Schweden macht vor, wie das gehen könnte. Bis 2020 will das Land unabhängig vom Öl sein, und das, ohne neue Atomkraftwerke zu bauen. Ein detailliertes Konzept wird zurzeit von Politikern, Wissenschaftlern, Landwirten, Autoherstellern und Industriellen erarbeitet, aber die grobe Richtung steht fest: Statt auf Öl setzen die Skandinavier auf erneuerbare Energiequellen wie Wasser-, Wind- und Gezeitenkraft, Biomasse und Geothermie.

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