Gefeierter Vetter

Vor 150 Jahren wurde der Neandertaler entdeckt

2006 ist nicht nur das Jahr Mozarts oder der Fußball-WM. Es ist auch das Jahr eines unserer berühmtesten Verwandten: des Neandertalers. In einer kleinen Grotte am südlichen Düsselufer fanden im August 1856 zwei Steinbrucharbeiter - ohne zu wissen, welch bedeutenden Fund sie gemacht hatten - 42.000 Jahre alte Knochen, die die Forschung und das Selbstverständnis der Menschheit revolutionierten.

Der Lehrer Johann Carl Fuhlrott erkannte die Überreste als das, was sie waren: Knochen eines fossilen Menschen, der sich allerdings vom Homo sapiens stark unterscheidet. Zusammen mit dem Anatomieprofessor Hermann Schaaffhausen untersuchte Fuhlrott die Skelettteile genauer. Mit der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse lösten die beiden Männer einen Wissenschaftsstreit um das Alter der Knochen aus. Einer ihrer Gegner, der renommierte Pathologe Rudolf Virchow, stellte sogar die These eines rachitisch verformten Skeletts auf und behinderte damit für Jahrzehnte die weitere Forschung.

Die ursprüngliche Fundstelle wurde nicht wie heute üblich sorgfältig abgesichert - im Gegenteil: Große Teile der Grotte waren durch Kalkabbau vernichtet worden, die Sedimente mit den restlichen Neandertaler-Knochen verschwanden unter mehreren Metern Kalksteinschutt. Schon um 1900 wusste niemand mehr, wo die Fundstelle gewesen war. Alle Versuche sie wiederzufinden scheiterten viele Jahrzehnte lang.

Fundsedimente wiederentdeckt

Erst 1983 machte Gerhard Bossinski, Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Köln, einen erneuten Versuch, den Fundort zu lokalisieren. 1985 gab er die Suche auf, obwohl er fest davon überzeugt war, es müssten im Düsseltal noch weitere Knochen zu finden sein. Seine Studenten Ralf W. Schmitz und Jürgen Thissen traten in seine Fußstapfen.

1997 wurden die beiden Archäologen des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege für ihre Akribie und Beharrlichkeit belohnt. Am letzten Tag einer Probegrabung stießen sie auf ein Knochenfragment aus dem Oberschenkel des namengebenden Exemplars. Im Jahr 2000 dann konnten die Grabungen in großem Stil fortgeführt werden. Das sensationelle Ergebnis: Schmitz und Thissen fanden das Jochbein und einen Teil des Hinterhauptes des Neandertalers von 1856 sowie Überreste eines grazileren Exemplars und den Milchbackenzahn eines Kindes. Der Neandertaler lebte also offenbar nicht allein.

Aufwändige Rekonstruktion

Den Aufsehen erregenden Funden folgte die Frage nach dem Aussehen des namengebenden Neandertalers. Diese sollte im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts des Rheinischen Landesmuseums Bonn und des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich geklärt werden.


Ziel war im ersten Schritt die virtuelle Rekonstruktion der Schädelform, die möglichst genau der des Original-Neandertalers entsprechen sollte. Dieses virtuelle Knochenpuzzle wurde von den Paläoanthropologen Marcia Ponce de León und Christoph Zollikofer mithilfe einer selbst entwickelten Software an der Universität Zürich durchgeführt. In weiteren Schritten wurde dann eine Büste mit den möglichen Gesichtszügen gefertigt. Der Eiszeitmensch hatte individuelle Züge bekommen.

Nur scheinbar tumb und wild

Der Neandertaler ist heute der am besten erforschte urzeitliche Mensch. Seit 1856 wurden hunderte von Skeletten und Knochen von Spanien bis Georgien gefunden. Längst ist das Bild vom tumben Wilden, der seine Keule schwingend durch die Landschaft zieht, überholt.


Heute weiß man, dass die Neandertaler erfolgreiche Jäger waren und es verstanden, filigrane Werkzeuge herzustellen. Sie beherrschten das Feuer und bestatteten ihre Toten. Die Eiszeitmenschen waren sogar - anatomisch gesehen - in der Lage zu sprechen und hatten Sinn für Ästhetik. Warum sie dennoch trotz ihrer hervorragenden Anpassung ausstarben und wie ihre Begegnungen mit dem Zeitgenossen Homo sapiens waren, ist noch nicht abschließend geklärt.

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