Gegen den Strom

Mit Abora III will Dominique Görlitz seinem Vorbild Thor Heyerdahl nacheifern

Nach dem Vorbild des berühmten Experimental-Archäologen Thor Heyerdahl konstruierte Dominique Görlitz ein Boot nach prähistorischen Vorlagen. Aus Schilf gebaut und mit einem doppelten Rumpf ausgerüstet sollte es in der Lage sein, den Atlantik zu überqueren. Doch die Expedition scheiterte. Welchen wissenschaftlichen Wert das Abenteuer hat, muss nun die Auswertung des Experiments zeigen.

Thor Heyerdahl war Mitte des 20. Jahrhunderts mit seinen gefährlichen Ozeanreisen in primitiven Fahrzeugen zu Weltruhm gelangt. Er ließ Schilfboote nach ägyptischem Vorbild anfertigen und segelte von Marokko aus Richtung Barbados. Im zweiten Anlauf - mit dem Boot Ra II - gelang ihm schließlich die Überfahrt. Für Heyerdahl ist damit bewiesen, dass die frühen Ägypter zumindest theoretisch bereits vor mehreren Tausend Jahren mit den Indianern Süd- und Mittelamerikas in Kontakt treten konnten.

Wie Heyerdahl setzt auch Görlitz beim Bootsbau auf alte Materialien und alte Überlieferungen. Vorlage für die Konstruktion der Abora III sind Felsenbilder aus der Jungsteinzeit, die laut Görlitz Schiffe darstellen. Auf diesen Bildern aus Oberägypten hat der Forscher "Striche" an Bug und Heck entdeckt und als Kielschwerter interpretiert. Dies wäre die technische Voraussetzung dafür gewesen, dass die Boote nicht nur in eine Richtung - also vor dem Wind und mit der Strömung - segeln konnten.

Gegen starke Ostwinde ankreuzen

Erst in alle Richtungen navigierbare Schiffe hätten einen regelmäßigen Schiffsverkehr und damit Handel möglich gemacht. Denn in die eine Richtung - von Afrika nach Amerika - zu gelangen, ist über die Südroute relativ einfach: Der Äquatorialstrom und die Passatwinde treiben ein Boot praktisch fast von selbst über den Atlantik. Für den Rückweg hingegen, also die Nordroute von Amerika nach Europa, müssen Schiffe jedoch gegen starke Ostwinde ankreuzen.

Abora Indios Bolivien Quelle: ZDF


Als Material für den Rumpf des Schiffes hat Görlitz - wie einst Heyerdahl - Schilf gewählt. Es wurde am Titicacasee von bolivianischen Indios geschnitten, getrocknet und schließlich nach alter Tradition zu einem Schiffsrumpf verarbeitet. Der zwölf Meter lange Rumpf wurde dann nach New York transportiert, von wo aus die Abora in See stach.

Schiff hält den Belastungen nicht stand

Professor Nikolai Grube, Direktor des Instituts für Altamerikanistik und Ethnologie der Uni Bonn kann diese Art der Experimental-Archäologie allerdings nicht nachvollziehen. "Es ist völlig auszuschließen, dass die Andenvölker, die damals diese Boote gebaut haben, jemals Überseereisen angetreten haben." Und an der afrikanischen Küste habe es keine solch hochentwickelten Kulturen gegeben, die in der Lage gewesen wären, diese Art von Booten zu bauen. Auch wachse das für den Bootsbau geeignete Schilf "weder in der Karibik noch sonstwo an der Atlantikküste".

Abora im Sturm Quelle: ZDF

Das Ziel ihrer Reise hat die Abora III nie erreicht. Am 56. Tag der Expedition hatte die Crew zum wiederholten Mal mit einem Sturm zu kämpfen. "Mit dem weiteren Ansteigen des Starkwindes stellte sich heraus, dass die nach alten ägyptischen Tempelvorlagen gebauten Steuervorrichtungen diesen Belastungen nicht standhalten", schrieb Dominique Görlitz in seinem Online-Tagebuch.

Wissenschaftlicher Wert umstritten

Dennoch wertet Görlitz das Experiment als Erfolg: "Wir durften erleben, wie sich bestimmte Konstruktionen unter Sturm in hoher See bewährten, andere wiederum den Belastungen des Nordatlantiks nicht Stand hielten. Die Erfahrungen aus unserer 2200 Meilen langen Expedition liefern uns neue bisher nicht da gewesene Erkenntnisse über die Ausbreitungsmöglichkeiten vorzeitlicher Kulturvölker. [...] Nach den von uns gemachten Beobachtungen und technischen Messungen mit der ABORA III kommen wir zu der Einschätzung, dass der Nordatlantik für frühgeschichtliche Kulturen mit Schilfbooten zu überqueren war."

Der Ethnologe Nikolai Grube stuft den wissenschaftlichen Wert der riskanten Expedition jedoch als "gering" ein. "Ich habe den Eindruck, es handelt sich um eine Gruppe von Leuten, die ihren persönlichen Abenteuerdrang wissenschaftlich kaschieren wollen - aber eine wissenschaftliche Bedeutung hat das eigentlich nicht."

Nicht mit Heyerdahl vergleichbar?

Grube verwehrt sich dagegen, das Experiment auf eine Stufe mit Heyerdahls Forschungen zu stellen: "Thor Heyerdahl hat versucht, das Ganze auch mit Ausgrabungen und wissenschaftlichen Methoden zu stützen, er hat mit Quellen gearbeitet, er hat selber auf verschiedenen Inseln archäologisch gearbeitet und hat seine Ergebnisse dann auch publiziert. Heyerdahls Forschung hat deshalb einen ganz anderen Stellenwert." Außerdem reproduziere Görlitz nur das, was ohnehin durch Heyerdahl bekannt sei - "dass man solche Boote hätte bauen können".

Eine gängige Theorie konnte Görlitz allerdings in Frage stellen: dass sich die Samen bestimmter Kulturpflanzen im Wasser treibend um die Welt verbreitet haben. Die Samen, die die Crew im Schlepptau hatten, haben sich nach Monaten im Wasser als unfruchtbar erwiesen. Daraus folgert Görlitz, dass Pflanzensamen in trockenem Zustand - also in vorzeitlichen Handelsschiffen - ihren Weg über das Meer fanden.

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