Geheimakte Sakrileg

Wundersame Wandlung des Abbé Saunière

Nicht einmal 40 Einwohner zählt die kleine Gemeinde Rennes-le-Château. Und doch brachte es das verschlafene Nest mit seinen drei Dutzend Häusern zu Weltruhm. Bis heute sind mehr als 500 Bücher über den abgelegenen Ort erschienen. Der Grund dafür ist ein rätselhafter Mann im Priestergewand: Abbé Bérenger Saunière.

Im Sommer 1885 macht sich der 35-jährige Gottesmann auf den Weg zu seiner neuen Pfarrstelle in Rennes-le-Château. Er weiß, was auf ihn zukommt: Messen, Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse - die üblichen Pflichten eines katholischen Geistlichen.

Keine rosigen Aussichten

Der neue Dienstort auf der Spitze eines Hügels verheißt dem Abbé keine große Karriere und schon gar keinen Reichtum. Das Pfarrhaus direkt neben der Kirche gleicht mehr einer armseligen Hütte als einem standesgemäßen Domizil. Keine rosigen Aussichten, denn mit hundert Francs pro Monat blieben einfache Pastoren damals arm wie eine Kirchenmaus.

Die bescheidene Unterkunft muss der neue Amtsinhaber mit seiner zukünftigen Haushälterin teilen. Doch sie kommt nicht allein. Auch ihre sechzehnjährige Tochter Marie zieht unter das gemeinsame Dach. Nach dem frühen Tod der Mutter führt das hübsche Mädchen den Haushalt. Das Schicksal nimmt seinen Lauf: Der Priester verliebt sich hoffnungslos. Das Dorf zerreißt sich das Maul.

Stattliches Anwesen

Wenige Jahre später hat sich das Blatt gewendet: Der arme Landpfarrer ist stolzer Besitzer eines stattlichen Anwesens. Er bewohnt eine pompöse Villa, umgeben von einem gepflegten Park. Entlang der Wege erinnern kleine Stationen an den Leidensweg Christi. Eine großzügige Terrasse samt neugotischem Anbau begrenzt das weitläufige Terrain und gewährt einen atemberaubenden Blick über die Landschaft.

Dokumente aus dem Nachlass des Priesters zeugen von seiner erstaunlichen Geschäftstüchtigkeit. Er verfügt über Eisenbahnfonds, Erdölaktien und sogar über ausländische Konten. Ein Mann zwischen Bibel und Börsenkursen. Mehr als ungewöhnlich für einen Diener der Kirche, der zumindest offiziell keine lukrativen Einkünfte aufweisen kann.

Stoff für einen Provinzskandal

Nicht nur sein aufwändiger Lebensstil erregt Aufsehen. Auch die häusliche Idylle des Abbé fällt aus dem sittlichen Rahmen. Mit Marie Dernanaud führt er eine Ehe ohne Trauschein - das weiß längst das ganze Dorf. Und als sei das nicht Provokation genug, wird er sie 1917 als Alleinerbin seines immensen Vermögens einsetzen. Stoff für einen Provinzskandal - aber eigentlich auch nicht mehr. Es hätte nicht viel gefehlt und der Priester auf Abwegen wäre in Vergessenheit geraten - mitsamt dem unscheinbaren Bergnest.

Doch Anfang der 1960er Jahre interessieren sich plötzlich Lokaljournalisten für den Würdenträger. Aus dem Gerede, Saunières Reichtum stamme von einem Schatz, formulieren die Schreiber eine griffige Schlagzeile. Kurze Zeit später schürt der französische Autor Gerard de Sède die Gerüchteküche. Er veröffentlicht ein Buch mit Abbildungen eines Pergaments, das Saunière zum großen Geld geführt haben soll. Das Dokument führt zu Hunderten von Abhandlungen - alle mit demselben Inhalt: Da sich die Kirche von Rennes-le-Château in erbärmlichem Zustand befand, wollte der Abbé sie renovieren. Das notwendige Kapital lieh er sich von der Gemeindekasse.

Ominöses Schriftstück

Während der Umbauarbeiten machten die Maurer eine überraschende Entdeckung. Beim Abriss des Altars stießen sie auf alte Pergamente, die jemand dort offenbar versteckt hatte. So soll der Seelenhirte 1897 in den Besitz des ominösen Schriftstücks gekommen sein. Vordergründig handelt es sich um einen handgeschriebenen Ausschnitt aus der lateinischen Fassung des Neuen Testaments. Darin kritisieren die Pharisäer Jesus, weil er jüdische Gebote missachtet. Aber das Schriftbild zeigt merkwürdige Auffälligkeiten. Eine Reihe von Buchstaben ist höher gesetzt. Aus den Zeilen heraus gelöst und in Reihenfolge gebracht, entsteht ein französischer Satz. Er bedeutet: "Dieser Schatz gehört König Dagobert dem Zweiten und Sion und er ist der Tod.".


Dagobert II. war ein Herrscher aus dem Geschlecht der Merowinger. "Sion" heißt Zion, der biblische Name für Jerusalem. Ein Schatz, der einem König und Jerusalem gehört und der "der Tod ist". Eine Botschaft voller Rätsel. Sofort nach Erscheinen des Buches von de Sède löste die verschlüsselte Nachricht eine Hysterie aus. Zahllose Schatzsucher pilgerten nach Rennes-le-Château - in der Hoffnung auf das große Geld. Der Bürgermeister musste streng durchgreifen, um zu verhindern, dass die gesamte Gegend umgewühlt wurde. Gefunden haben die Glücksritter jedoch nichts.

Raffinerter Fälscher?

Dass der Pastor tatsächlich mit dem Pergament als Wegweiser etwas Wertvolles ausgegraben hat, kann niemand belegen. Vielmehr ist zu befürchten, dass ein raffinierter Fälscher in den 1960er Jahren die vermeintlich uralte Botschaft verfasst hat. Und dafür gibt es einen Beweis. Der französische Journalist Jean-Luc Chaumeil hütet den umfangreichen Nachlass seines verstorbenen Kollegen de Sède. Zum ersten Mal präsentiert er im Fernsehen das umstrittene Pergament.

Abbé Saunière und der Mythos von Rennes-le-Château - nur der raffinierte Coup eines geschäftstüchtigen Schreiberlings aus der Pariser Boheme?

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