Geheimnisse der Kathedrale

Notre Dame de Chartres gibt Rätsel auf

Sie gilt als Wendepunkt zwischen Früh- und Hochgotik - und doch ist die Kathedrale von Chartres kein typischer Bau. Einige seltsame Details wecken die Fantasie.

Am Morgen des 10. Juni 1194 standen von der Fulbertuskirche zu Chartres nur mehr rauchende Trümmer. Ein verheerender Brand hatte die Nacht über getobt, das hölzerne Dachgebälk der Kathedrale verschlungen und die Steinmauern bersten lassen. Die Einwohner von Chartres waren erschüttert - und doch: Die etwas abseits stehenden Türme samt Westportal waren vom Feuer unangetastet, und auch die heilige Reliquie, das Gewand der Gottesmutter Maria, fand sich unbeschädigt.

Bau in Rekordzeit

Die Chartreser spuckten in die Hände und zogen in der Rekordzeit von 26 Jahren eine neue Kirche hoch, die nicht nur die alte weit überragte, sondern auch alles in den Schatten stellte, was der gotische Stil bislang hervorgebracht hatte. 26 Jahre? Das klingt nach einer langen Bauzeit, und doch ist Notre Dame von Chartres die einzige Marien-Kathedrale, die ohne Unterbrechung emporwuchs. Allen anderen Baustellen ging phasenweise das Geld aus: In Amiens arbeitete man 60 Jahre, in Paris und Reims 90, anderswo noch länger. Das ist bemerkenswert, aber bei weitem nicht das einzig Erstaunliche an dieser Kirche.

So ist sie nicht wie allgemein üblich auf der Ost-West-Achse errichtet, sondern weicht um 46 Grad 54 Minuten davon ab - der Chor weist nach Nordosten. Und die zwei Türme, die bereits 1134 (Nordturm) und 1145 (Südturm) gebaut wurden, standen nun nicht wie beim Vorgänger einige Schritt vom Hauptschiff entfernt, sondern fügten sich harmonisch in das Gesamtbild ein.

Spuren aus vorchristlicher Zeit

Die seltsame Ausrichtung, so wird vermutet, hat heidnische Wurzeln. Solcherlei Linien finden sich oft in vorgeschichtlichen Monumenten, sie sind astronomisch begründet. Tatsächlich okkupierte die christliche Kirche für ihre Weihestätten gern ältere Kultorte. Davon soll es auch in Chartres noch Spuren geben: Die Krypta, eigentlich keine Gruft, sondern eine voll ausgebaute Unterkirche, soll die Kuppe eines ehemals heidnischen Heiligen Hügels umfassen.

In dessen Zentrum senkt sich ein Brunnen in die Tiefe, dessen Wasserspiegel von den Bodenplatten der Oberkirche gemessen genauso weit unten entfernt ist wie das Deckengewölbe oben. In der Oberkirche stand genau über diesem Punkt einst der Altar. Der ist im Lauf der Jahrhunderte mehrfach verlegt worden, sein vorgesehener Platz ist aber klar gekennzeichnet: im zweiten Chorjoch, zentral zwischen den vier einzigen Säulen, die ohne Dienste auskommen. Diese Position hat Notre Dame vom Vorgänger Fulbertus übernommen, und der wiederum hat sie vom alten Heiligtum.

Eine eigene Sprache

Wer das Bauwerk und seine Ursprünge genauer studiert, der stößt auf weitere Eigenartigkeiten: Was zum Beispiel bedeutet die verquer liegende Fliese im Boden des südlichen Querschiffs, auf die nur zu Mittsommer ein Sonnenstrahl fällt? Was ist die Bedeutung des Labyrinths mitten im Hauptschiff? Was verbirgt die Krypta noch? Warum wurde der Altar verschoben?

Solche Fragen riefen natürlich allerlei Spurensucher auf den Plan, deren Entdeckungen die etablierte Wissenschaft nur mit einem Kopfschütteln bedenkt. Gleichwohl, so argumentieren die Fans, spricht die Kathedrale eine eigene Sprache, und da sie ein Monument starken Glaubens ist, darf ihre Sprache auch da und dort über die Grenzen der Wissenschaftlichkeit hinausgehen.

Harmonie und Rhythmik

Überprüfbar ist auf jeden Fall die harmonische Gestaltung der Kirche. Antiken geometrischen Grundsätzen folgend, unter anderem dem Prinzip des Goldenen Schnitts, ist nicht nur ihr Grundriss aufgebaut - auch die Gliederung der Wände folgt einer geometrischen Rhythmik, die fast musikalisch erscheint.

Zwei wesentliche Fixpunkte fügen sich in diese Aufteilung ein: die ursprüngliche Position des Altars und die Türme samt Westportal. Letztere waren zu Fulbertus' Zeiten eher Fremdkörper, fügen sich aber jetzt ein, als hätten sie den Neubau erwartet. War Notre Dame schon 1134 so geplant? Damit wäre sie - oder ihr Plan - drei Jahre älter als der erste ausgewiesene gotische Bau, die Abteikirche von St. Denis.

Inspiriert von den Templern?

Wer sich weiter in die mysteriösen Bereiche der Geschichte vertieft, findet bald eine Verbindung zur Rückkehr der geheimnisvollen Tempelritter aus Jerusalem im Jahr 1128. Diese hatten, so wird vermutet, etwas sehr Wertvolles im Gepäck. Was auch immer es war, kurz darauf folgt der offizielle Beginn der Gotik, der einen ebenso ansatzlosen wie erstaunlichen Siegeszug zunächst durch ganz Frankreich und später Mitteleuropa begann.

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