"Geniale Vorwegnahme der Popkultur"

Interview mit dem Psychoanalytiker Hinderk Emrich

Karl May. Ein großartiger Schriftsteller und doch ein undurchsichtiges Rätsel. War er verrückt oder basierten seine Eigenarten einzig und allein auf einer selbstverliebten Künstlerpersönlichkeit? Der deutsche Psychoanalytiker Prof. Hinderk Emrich hat sich intensiv mit dem Verhalten und der Psyche Karl Mays beschäftigt, um der Lösung des Rätsels ein Stück näher zu kommen.

Psychoanalytiker Prof. Hinderk Emrich
Psychoanalytiker Prof. Hinderk Emrich

ZDF: Wie können Sie ein Psychogramm eines Menschen entwickeln, den Sie nie gesehen haben und der schon vor fast 100 Jahren gestorben ist?

Hinderk Emrich: Bei Karl May steht eine Vielzahl von Selbstzeugnissen zur Verfügung: handgeschriebene Briefe, seine Autobiographie und auch seine Romane, die tiefe Einblicke in seine Seele erlauben. Zudem ist viel über sein Leben und sein Verhalten bekannt. Wenn wie bei May der Verdacht einer psychischen Störung besteht, vergleiche ich, ob die geschilderten Symptome zu einem Krankheitsbild passen. Ich denke mich in den Menschen hinein und vergleiche ihn mit anderen Fällen, nicht nur mit Kranken, sondern auch mit großen Künstlerpersönlichkeiten. Das ist wie ein "Puzzle", ein Erkennen von seelischen Mustern.

ZDF: May inszenierte sich vor großem Publikum als seine Romanfiguren. Glaubte er wirklich Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand zu sein?
Emrich: Karl May glaubte nicht nur, Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand zu sein. Er war es in Wirklichkeit. Es waren von ihm erschaffene Figuren, mit denen er sich so stark identifizieren konnte, dass sie für ihn sein Leben wurden. Diese "Rollen", in die er schlüpfte, hatten für ihn den Status von Doppelgängern. Sie waren seinem realen Ich mindestens gleichrangig, wenn nicht überwertig. Es gibt Schauspieler, die sich nur in ihren Rollen als "real" erleben. Die Doppelgänger-Figuren sind für sie realer als das "wirkliche" Leben.

ZDF: Aus heutiger Sicht scheint es erstaunlich, dass auch seine Fans seine Geschichten für bare Münze nahmen.

Emrich: Dass Karl May in der Öffentlichkeit als Kara Ben Nemsi und als Old Shatterhand auftrat, war im Grunde eine geniale Vorwegnahme der Gegenwartskultur, der Popkultur, wo jemand wie Michael Jackson eben nicht nur sein Leben lebt, sondern als Ikone lebt: Leben und Ikone werden eins. Faszinierend, ja geradezu genial war Mays Fähigkeit, Wirklichkeit zu verzaubern, neue Wirklichkeiten zu schaffen, was wir heute, 100 Jahre später, eigentlich erst durch die Medien erreichen können.

ZDF: May schreibt in seiner Autobiographie, dass er eine "gespaltene Persönlichkeit" hatte. Entspricht er tatsächlich dem Krankheitsbild der multiplen Persönlichkeit?

Emrich: May litt ganz sicher nicht an einer multiplen Persönlichkeitsstörung. Er war nicht psychisch krank, sonst wäre er zu seiner gewaltigen Lebensleistung nicht imstande gewesen. Das ist zum Beispiel an seiner Handschrift abzulesen, die sich über Jahrzehnte kaum veränderte. Wäre seine Persönlichkeit gespalten gewesen, hätte er als Karl May, als Old Shatterhand, als Kara Ben Nemsi unterschiedlich geschrieben. Jede Rolle hätte eine eigene Schrift gehabt.

Handschrift Karl May
Handschrift Karl May

ZDF: Was können Sie noch aus Mays Handschrift und seinen Manuskripten heraus lesen?

Emrich: May hat sehr gleichmäßig und ruhig geschrieben und mit der Feder tagtäglich viele Seiten nahezu ohne Korrekturen zu Papier gebracht. Er hat sich auch keine Strukturen für seine Romane gemacht und oft an mehreren Romanen gleichzeitig gearbeitet. Er war ein Protokollant seiner geistigen Welt und schrieb dabei korrekt, buchhalterisch präzise. Er hatte innere Bilder von einem Text, den er quasi schon kannte, und den er in einer klaren, kontinuierlichen Geschwindigkeit förmlich abgeschrieben hat.

Karl May im Gefängnis (Spielszene)
Karl May im Gefängnis (Spielszene)

ZDF: Woher kannte May denn diese Texte, die lange bevor er sie aufschrieb, in seiner Phantasie entstanden?

Emrich: May schreibt, dass der "Gedanke Winnetou" geboren wurde, als er im Zuchthaus saß. Das trifft es sehr gut. Er hat mit der Kraft seiner Phantasie gewissermaßen die Gitter seiner Zelle durchbrochen. Die Phantasie war für ihn ein Weg, legal aus dem Gefängnis auszusteigen. Er lebte dann in seiner Phantasiewelt, und das war die Geburtsstunde seiner Kunst.

ZDF: War das Schreiben für May auch eine Art Therapie?

Emrich: Ganz sicher. Er deutete in seinen Romanen viele Ereignisse aus seiner kriminellen Vergangenheit um und spielte auf seinen imaginären Reisen im Orient und im Wilden Westen selbst den Helden und Richter. Insofern entsprach es der Wahrheit, wenn May behauptete, dass seine Geschichten "aus seiner Heimat und seinem eigenen Leben" stammen.

"Die Phantasie hat ihn gerettet"

Wie bei jedem künstlerisch sehr begabten Menschen gab es bei May intensive Dialoge zwischen seinem Wachbewusstsein und seinem Unbewussten, seinen Träumen, Imaginationen und Tagträumen, die für ihn oft realer als die wirkliche Umgebung waren. Die Phantasien entführten ihn in eine höhere, schönere Welt. Das war seine Lebensform. Die "Salutogenese", die Stärkung heilender, gesundender Kräfte in der Psyche, besteht für Karl May darin: die Phantasie hat ihn gerettet, er wäre sonst an seinem Schicksal zerbrochen!

ZDF: War Karl May ein Hochstapler?

Emrich: Karl May war mit einer gewissen kriminellen Energie ausgestattet. Vor seiner Zeit als Schriftsteller hat er vorgespielt, ein Arzt zu sein, ein hoher Polizeibeamter zu sein. Es gibt ja dieses Phänomen der Pseudologia Phantastica, ein schöner Ausdruck, das bedeutet krankhafter Lügner. May war ein solcher Rollenspieler. Als Schriftsteller gelang es ihm dann, seine Rollen in der Phantasie auszuleben. Er fing als Hochstapler an, wurde aber ein großer Künstler, dessen "Hochstapelei" einen künstlerischen Sinn beinhaltete, nämlich das Konzept, die "Hyperrealität des Imaginierten" wirklich werden zu lassen: die Phantasie ist schöner als die Wirklichkeit.

ZDF: Worin sehen Sie die Triebfeder, die May zu seinem umfangreichen Werk befähigte?

Emrich: Seine Triebfeder war der Ausweg aus Demütigung und Armut: Kompensation! Hinzu kommen narzisstische Züge nach dem Motto: Ich will vor mir selbst bestehen können - ich will mich nicht verachten müssen!

"Gefühl des Auserwähltseins"

May wollte sein Leben lang etwas Größeres, Höheres werden. Die Wurzeln liegen in seiner Kindheit. Er wurde in das Elend der sächsischen Weber geboren. Er hatte 14 Geschwister, die Eltern hatten keine Zeit, es war eine armselige Umgebung voller Demütigungen und Entbehrungen. Ein Bild, das er dafür gefunden hat, war eine Blindheit. Aber er hatte auch das Gefühl des Auserwähltseins. Fast alle Geschwister sind gestorben. Er war der einzige überlebende Sohn und dachte, da wird was ganz Großes werden. Und dann kam die schöpferische Kraft, die ihn tatsächlich dann soweit brachte.

Karl May im Orient
Karl May im Orient (Zug)

ZDF: Als ans Licht kam, dass May die Schauplätze seiner Romane nie gesehen hatte, das alles erfunden war, erlitt er auf seiner ersten Reise in den Orient zwei Nervenzusammenbrüche. Was spielte sich dabei in seiner Psyche ab?

Emrich: Als May in den Medien seiner Zeit als Scharlatan, als Phantast, als Lügner dargestellt wurde, brach für ihn eine Welt zusammen, nämlich die Identität seiner Person mit den von ihm erschaffenen Ikonen. So etwas führt zu einem Nervenzusammenbruch enormen Ausmaßes. Im Trauma der "Entlarvung" wurden ihm seine Doppelgänger weggenommen, und er wurde auf sein bedrohtes, brüchiges Ich reduziert. May drohte an dieser Zerstörung zu scheitern.

ZDF: Welche Rolle hat die Autobiographie von Karl May, seine "Lebensbeichte"?

Emrich: Die Autobiographie ist eine Fiktion, die sich als "Wahrheit" tarnt. In diesem Sinne ist sie auf andere Weise als die Romane wiederum ein Geniestreich - künstlerisch phänomenal! Es ist gewissermaßen der letzte große geniale Schachzug, der Wirklichkeit noch einmal ein Schnippchen zu schlagen, die eigentlich über ihn hergefallen war und gesagt hat, du bist ein Lügner. Im rettenden Moment kommt er mit einer genialen, erfundenen, fiktionalen Buße mit der Aufforderung: Ihr müsst mir verzeihen, ich war doch krank.

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