Gesamtschau der Meere, wie es sie noch nie gab

Fragen an ZDF-Redakteurin Ruth Omphalius

Das Phänomen "Ozeane" in all seinen Facetten zu fassen und zu einem adäquaten Gesamtbild zusammenzuführen - das war die herausfordernde Aufgabe, der sich Ruth Omphalius gestellt hat. Die ZDF-Redakteurin spricht über die Dreharbeiten zum Dreiteiler und über die Zusammenarbeit mit Frank Schätzing.


ZDF: "Universum der Ozeane" - das klingt nach einem Film über die unbegreifliche Weite der Meere?


Ruth Omphalius: Das könnte man durchaus so formulieren. Wobei Weite hier natürlich nicht nur die reine Flächenausdehnung meint. Zwar sind 361 Millionen Quadratkilometer - also die Oberfläche aller Meere zusammen - tatsächlich eine Weite, die dem Menschen immer unbegreiflich bleiben muss, aber natürlich geht es vor allem darum, was sich unter einer so gewaltigen Oberfläche verbirgt. Welche Lebewesen gibt es dort? Welche Rolle spielen sie für uns? Sind sie Nahrung oder Bedrohung? Bringen sie uns neue Erkenntnisse? Können sie uns gar helfen, zum Beispiel wenn es darum geht, Krankheiten zu heilen oder Energiekrisen zu bewältigen? Nehmen wir eine weitere Dimension dazu: die Zeit. Auch hier spielen die Ozeane eine kaum fassbare Rolle.

Unendliche Welten

Seit wann gibt es diese enormen Wassermassen auf unserem Planeten und woher kamen sie? Die Meere sehen so beständig aus: Sind sie für die Ewigkeit gemacht oder verändern sie sich? Wie entstehen neue Meere und können sie auch wieder verschwinden? Und natürlich hoffen wir in den Meeren Antworten auf die Fragen zu bekommen, die unsere eigene Herkunft betreffen: Ist das Leben in der Tiefsee entstanden? Wie konnten sich aus einfachen Einzellern all die komplexen Lebewesen inklusive des Menschen entwickeln, die heute die Erde bevölkern? Für unsere Gegenwart und die Zukunft sind schließlich vor allem solche Fragen relevant, die sich mit der Beziehung des Menschen zu den Ozeanen beschäftigt. Wie werden wir weiter mit den Weltmeeren und ihren Bewohnern umgehen? Welche Veränderungen lösen wir aus und wie wird sich das auf uns selbst auswirken? Sie sehen, das Thema führt in unendliche Weiten.


ZDF: Welche dieser vielen Aspekte sind Gegenstand des Dreiteilers?


Omphalius: Wie Sie sich vorstellen können, liegt die Kunst bei einem so gigantischen Sujet vor allem in der richtigen Auswahl. Wir wollten das Phänomen "Ozeane" als solches fassen. Dazu gehören selbstverständlich ganz grundsätzliche Dinge, wie zum Beispiel die Frage, wie ein Meer entsteht, wie es auf den Planeten wirkt - zum Beispiel als globales Heizungssystem - und schließlich die Überlegung, ob Ozeane auch wieder verschwinden können. Darüber hinaus war es uns wichtig, aktuelle Forschung und neue wissenschaftliche Theorien einzubeziehen. Beispielsweise spielt in unserem ersten Teil das "Census of Marine Life"-Projekt eine wichtige Rolle. Hier sind wir wirklich brandaktuell, da die Wissenschaftler jetzt parallel im Oktober die Ergebnisse ihrer zehnjährigen Arbeit der Öffentlichkeit präsentieren.

Verhältnis Mensch und Meer

Natürlich ist diese "Volkszählung" in den Weltmeeren noch nicht abgeschlossen, aber die bisherigen Entdeckungen haben die Meeresforschung einen wichtigen Schritt weitergebracht. Auch die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko mussten wir selbstverständlich berücksichtigen, aber nicht im Sinne einer reinen Bestandsaufnahme, sondern analytisch eingebettet in den Themenkreis Tiefseebergbau und die Risiken. Grundsätzlich ging es uns aber auch darum, das Verhältnis Mensch-Meer näher zu beleuchten. Deshalb thematisieren wir immer wieder unseren Umgang mit den Ozeanen - sowohl die Ausbeutung durch den Menschen in aktuellen und historischen Aufnahmen als auch den Enthusiasmus, mit dem früher wie heute Wissenschaftler sich auf die Ozeane hinausbegeben und selbst die letzten Winkel erforschen.


ZDF: Wie unterscheidet sich diese Dokumentation von anderen über die Meere?


Omphalius: Es ist ganz klar, dass sich die Produktion mit Frank Schätzing als Moderator natürlich schon deutlich von anderen abhebt. Seine Art, komplexe Sachverhalte zu hinterfragen, mit Alltagserfahrungen zu vergleichen und damit begreifbar zu machen, ist einzigartig. Darüber hinaus agiert er stets außerhalb von Zeit und Raum in Umgebungen, die im Computer erschaffen wurden. Das ermöglicht es ihm, sowohl die Geburt des Mondes zu beobachten als auch an der Jungfernfahrt einer zukünftigen Meeresforschungsstation teilzunehmen. Aber der Dreiteiler ist auch in anderer Hinsicht etwas Besonderes. Es gibt natürlich eine Menge Wildlife-Programme, die sich mit den verschiedenen Lebewesen in den Ozeanen beschäftigen, darunter ganz hervorragende Gesamtschauen der Meeresmenagerie.

Das Phänomen "Ozeane" als Ganzes

Auch Programme, die geologische Phänomene erklären oder Forschung und Umweltschutz zum Thema haben, existieren in großer Zahl. Das Außergewöhnliche an diesem Programm ist jedoch, dass es den Autoren Stefan Schneider und Claudia Ruby gelungen ist, Aspekte dieser unterschiedlichen Betrachtungsweisen zusammenzuführen und sich dem Phänomen "Ozeane" als Ganzes zu nähern. Ergänzt um Wissenschaftsgeschichte und aktuelle Exkurse, vernetzen sie die Themen so, dass die unterschiedlichen Perspektiven schließlich ein Gesamtbild ergeben, wie wir es vielleicht noch nie gesehen haben. Mir ist ein Programm, das sich dem Thema so umfassend nähert, weder vom deutschen noch vom internationalen Markt bekannt. Stefan Schneider, der auch Regie führte, spiegelt dies in seinen außergewöhnlichen Bilderwelten.


ZDF: Wurden während der Dreharbeiten neue Erkenntnisse über die Meere gewonnen? Vielleicht eine neue Tierart entdeckt?


Omphalius: Natürlich gab es jede Menge neue Entdeckungen. Sie sehen ja im ersten Film zum Beispiel die rekordverdächtigen Messergebnisse an einem Schwarzen Raucher. 407 Grad! So heißes Wasser wurde noch nirgendwo sonst auf der Welt nachgewiesen. Dieser gemessene Wert als solcher ist ja schon unglaublich, aber ich bin vor allem gespannt, was die Wissenschaftler noch über dieses superheiße Wasser herausfinden werden.

Unerschöpfliches Thema

Hat es zum Beispiel eine Rolle bei der Entstehung des Lebens gespielt? Als Energiequelle? Oder waren die superheißen Raucher eher Todeszonen für die ersten Einzeller, die sich in gemäßigten Hydrothermalquellen entwickelt hatten und im Umfeld eines Smokers ein plötzliches Ende nahmen. Neue Arten wurden natürlich im Rahmen des "Census-Projektes" entdeckt. Bei den meisten unbekannten Spezies handelte es sich allerdings um Einzeller, die teilweise erst nach den Dreharbeiten identifiziert und benannt wurden. Überhaupt konnten wir lange nicht alles zeigen, was recherchiert wurde. Auch 3 mal 45 Minuten sind wenig Zeit für ein so unerschöpfliches Thema.


ZDF: Zurzeit ist die Gefährdung der Meere durch die Ölpest im Golf von Mexiko wieder in aller Munde. Spielt der Naturschutz im Film eine Rolle?


Omphalius: Natürlich. Man kann nicht ernsthaft über die Ozeane berichten, ohne auf die Bedrohung einzugehen, die der Mensch für sie bedeutet. Klimaerwärmung, Verschmutzung, Überfischung und natürlich auch die Ölpest - das alles sind Themen unseres Dreiteilers. Insgesamt versuchen wir aber, in den Filmen über die reine Berichterstattung hinauszugehen und etwas grundsätzlicher über die Dinge nachzudenken - ohne den erhobenen Zeigefinger oder allgemeine Schuldzuweisungen. Es geht vielmehr darum, einen Sachverhalt zu zeigen und wenn nötig zu erläutern, den Zuschauer dann aber selber denken zu lassen. Am eindrucksvollsten finde ich in diesem Zusammenhang die Frage nach der Gewöhnung an bestimmte Prozesse, also im Grunde die Frage: Was ist normal?

Steigendes Interesse an Energiequellen

Normal ist das, was man kennt. Ist man fischreiche Gewässer gewohnt, wird man die Fische vermissen, sobald sie schwinden. Aber Fischreichtum ist heute etwas völlig anderes als vor 50, 100 oder gar vor mehreren hundert Jahren. Wir Menschen haben trotz aller Medien ein erstaunlich kurzes Gedächtnis. Wir vermissen vielleicht das Meer, wie es beim letzten Strandurlaub war und sind empört, wenn es plötzlich verschmutzt ist. Ist der Strand wieder sauber, tendieren wir dazu, die Katastrophe zu vergessen und nicht nachzufragen, wie es unter Wasser aussieht.

Ich kann nur hoffen, dass künftige Generationen das Kommen und Gehen von Ölkatastrophen nicht eines Tages auch als "normal" ansehen, nur weil es bei steigendem Interesse an den Energiequellen der Ozeane zwangsläufig auch häufiger zu Unfällen kommen kann. Dass es auch durchaus positive Entwicklungen geben kann, zeigt das Beispiel von St. Lucia: Hier konnten sich unterschiedliche Interessensgruppen auf einen Umgang mit dem Meer rund um die Insel einigen, von dem alle profitierten, inklusive der Meeresbewohner. Die Darstellung einer solchen Problemlösung halte ich für ebenso wichtig wie den Hinweis auf Gefährdungen.


ZDF: Frank Schätzings Roman "Der Schwarm" und das Sachbuch "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" inspirierten die Dokumentation. Wie setzt man einen Buch-Bestseller in einen Film um?


Omphalius: Bei "Universum der Ozeane" handelt es sich ja nicht um eine "Literaturverfilmung", in der es um so etwas wie Werktreue geht. Zwar gab vor allem das Sachbuch "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" den entscheidenden Impuls. Trotzdem war es nötig, für die Filme eine eigene Themenauswahl zu treffen, neue Forschung aufzugreifen und die Themen auch neu zu gewichten. Dramaturgisch stellt uns unser Medium zudem vor bestimmte Herausforderungen. Zum Beispiel kann man in einem Sachbuch alles - von der Erdentstehung bis zu Zukunftsvisionen - linear erzählen.

Kleine Zeitmaschine

Für uns hätte das bedeutet, dass wir einen Großteil der Computeranimationen im ersten Teil zeigen, wenn es um geologische Ereignisse und die Entstehung des Lebens geht. Die Gegenwart kommt ganz ohne CGIs (Computer-Generated-Icons) aus, und in der Zukunft gibt es dann wieder im Computer generierte Technik zu sehen. Das wäre sicher keine optimale Dramaturgie gewesen. Im Film muss sich unser Zeitreisender also deutlich häufiger vor und zurück durch die Jahrmillionen bewegen. Dazu haben wir ihm eine kleine Zeitmaschine in die Hand gedrückt - ein elegantes Objekt, kugelförmig wie die Erde und natürlich blau, mit dessen Hilfe er sich in ferne Zeiten und fremde Welten teleportieren kann.


ZDF: Die Moderationen Frank Schätzings entstanden in der Greenbox, viele ausgestorbene Lebewesen sind computeranimiert: Ist das die Zukunft des Dokumentarfilms?


Omphalius: Bei Terra X beschäftigen wir uns vorwiegend mit archäologischen und historischen Themen. Um vergangene Zeiten wieder aufleben zu lassen, sind Reenactments und Computeranimationen unumgänglich, wenn man nicht nur Knochen und Scherben abbilden will. Auch wenn wir über geologische Zeiträume oder zu kleine und zu große Phänomene sprechen, benötigen wir CGIs. Der Computer hat uns einfach ein weiteres Mittel an die Hand gegeben, die Wirklichkeit zu erfassen und von kleinsten Quantenbewegungen bis zum Urknall alles darzustellen.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Eigentlich ist es ganz gleich, ob man ein Tafelbild, eine herkömmliche Grafik oder eine Computeranimation verwendet: Ziel ist stets das Unsichtbare sichtbar zu machen. Bei den Moderationen war unser Gedanke, diese Teile mithilfe der Computertechnik aus der Gegenwart herauszulösen und als Verbindungsstück zwischen den Zeitebenen einzusetzen. Das kann durchaus eine Form sein, die auch in Zukunft für das eine oder andere Thema sinnvoll erscheint.


ZDF: Wenn Sie in einem Satz zusammenfassen sollten: Was erwartet den Zuschauer bei "Universum der Ozeane"?


Omphalius: Neue Forschung, interessante Informationen, gut recherchierte Stories, überwältigende Bilder und das Ganze unterhaltsam und intelligent präsentiert von Frank Schätzing.

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