Geschenk für den Kaiser

Menora im "Heiligtum der Christen"

Dem siebenarmigen Leuchter widerfährt ein ganz anderes Schicksal. In den spanischen Sagen über die Westgoten spielt er nicht die geringste Rolle. Und auch keine einzige arabische Quelle erwähnt das prominente Kultobjekt aus dem Jerusalemer Tempel. Was geschah also mit der Menora seit ihrer Verschleppung nach Rom?

Prokopios, der Chronist der Völkerwanderung, berichtet von einem zweiten Überfall auf Rom. Als große Katastrophe hat sich das Ereignis in die Erinnerung der Nachwelt eingeprägt. 45 Jahre nach den Westgoten stürmten die Wandalen die Ewige Stadt. Die Eroberung von 455 hinterlässt nicht nur bei den Zeitgenossen einen bleibenden Eindruck. Bis heute steht der Begriff "Wandalismus" für sinnlose Verwüstung.

Gewaltige Beute

Die berüchtigten Krieger machen gewaltige Beute. Auch ihnen fiel, so Prokopios, das Jerusalemer Gold in die Hände. Nicht anders als zuvor den Westgoten. Wie erklärt sich der offenkundige Widerspruch? Klaus Mai sammelt seit Jahren alle Quellen zum verschollenen Schatz der Juden. Der Privatgelehrte aus Freiburg hat eine einfache Erklärung für die Ungereimtheiten in den Schriften des griechischen Autors.

Schon die Römer - so ist überliefert - hatten nach einem Brand im Friedenstempel die ausgestellten Beutestücke auf verschiedene Gebäude verteilt. Deshalb fielen nicht beide Objekte den Westgoten in die Hände. Später plünderten die Wandalen die Metropole offenbar gründlicher - und entdeckten dabei die Menora. Nach dem Raubzug bestiegen die gefürchteten Krieger die Boote und fuhren in ihre Wahlheimat zurück. Einige Jahrzehnte zuvor hatten sie sich auf afrikanischem Boden angesiedelt und das blühende Karthago zur Hauptstadt des Reiches gemacht.

Neue Weltmacht

Schon bald tritt eine neue Weltmacht auf den Plan. Im Jahr 531 liegt der byzantinische Feldherr Belisar mit seiner Armee vor Karthago. Sekretär des erfolgreichen Generals ist kein anderer als Prokopios. Der Schriftsteller musste seinen Dienstherrn auf dem Feldzug nach Afrika begleiten. So erlebt er die welthistorischen Ereignisse aus nächster Nähe mit. Belisar besiegt das gefürchtete Wandalenheer in einer großen Schlacht vor den Toren der Stadt. Seine Männer erbeuteten dabei "die Tempelgeräte aus Jerusalem". So schreibt Prokopios wörtlich. Ein jüdisches Märchen erzählt die Geschichte in poetischen Worten weiter: "Hell strahlte der heilige Leuchter Jahwes über das Meer, als er auf einem Schiff von den Gestaden Nordafrikas an den fernen Bosporus reiste."

Das heutige Istanbul steht auf den Ruinen von Konstantinopel. Im 6. Jahrhundert Hauptstadt des byzantinischen Reiches. Über das Imperium regierte Kaiser Justinian. In seinem Palast spielte sich eine denkwürdige Szene ab. Den Leuchter, den ihm sein General präsentiert, betrachtet der Herrscher nachdenklich, wie Prokopios berichtet. Juden, Römer und Wandalen hatten einst das Gold Jahwes besessen, doch Glück hatte es ihnen nicht gebracht. Ihre Reiche gingen unter. So zögert er nicht und lehnt das einzigartige Geschenk ab. Auf Anraten eines Juden verfügt Justinian, das Gerät nach Jerusalem zurückzuschicken. Dort möge man es im "Heiligtum der Christen" aufstellen. Damit kann der Monarch nur die Grabeskirche gemeint haben. Dort verehren Gläubige bis heute das Grab Jesu.

Als Wahrzeichen unvergessen

Über der Stätte hatten die Kaiser vom Bosporus schon im 4. Jahrhundert eine Kirche errichten lassen. Ob ihre Mauern aber jemals die Menora beherbergten, darüber gibt Prokopios keine Auskunft mehr. Irgendwo zwischen Byzanz und Jerusalem verliert sich jedenfalls ihre Spur. Das Original aus dem Tempel des Herodes bleibt für immer verschwunden. Doch als Wahrzeichen ist der siebenarmige Leuchter unvergessen. Nahe dem israelischen Parlament, der Knesset, erinnert eine Replik aus Bronze an das Schicksal der Juden. Mahnendes Monument für die Vertreibung des Volkes.

1948 nahmen die Staatsgründer das Relief vom Titusbogen ins Wappen Israels auf. Auch beim Chanukka-Fest steht die Menora im Mittelpunkt. 160 vor Christus hatten die Juden eine lange Epoche der Fremdherrschaft über Jerusalem beendet und den Tempelritus wieder eingeführt. Als die Priester die Menora entzündeten, war nur geweihtes Öl für ein paar Stunden vorhanden. Doch die Flammen sollen acht Tage lang nicht erloschen sein. Die jüdische Gemeinschaft feiert noch immer alljährlich das Lichterfest - zum Gedenken an das Wunder. Jene acht Tage symbolisieren acht Kerzen, die mit der mittleren entzündet werden müssen.

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