Gewalt gegen Kaspar

Das zweite Attentat endet tödlich

Kaspar Hausers Niederschrift seiner wenigen, aber sehr klaren Erinnerungen an die Kerkerzeit werden bereits zu Lebzeiten veröffentlicht und heftig diskutiert. Die Situation zwischen Verfechtern und Gegnern der Prinzentheorie spitzt sich zu. Die Aggression richtet sich mit Gewalt auch gegen Kaspar selbst.

An einem Samstag im Oktober 1829, knapp 17 Monate nach seinem Auftauchen in Nürnberg, verschafft sich ein Unbekannter Zugang in das Wohnhaus des Lehrers Daumer, der Hauser unterrichtet, und begeht ein Attentat auf Kaspar Hauser.

Niemand bemerkt etwas. Es gibt keine Zeugen. Kaspar kann nur eine Zeichnung der Tatwaffe anfertigen. Die Nachricht von dem missglückten Mord verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Welche Kreise haben ein so großes Interesse an Kaspars Tod? Auffällig ist, welch große Anteilnahme der bayerische König Ludwig I. am Schicksal des Findlings hat. Er lässt Hauser eine "polizeiliche Schutzwache" zuteilen und setzt 500 Gulden als Belohnung für die Ergreifung des Täters aus.

Agent aus dem Hause Baden?

Am Tag des Attentats taucht erstmals eine neue, rätselhafte Figur in Nürnberg auf. Ein hoher Gast aus England: Philip Henry der Vierte Lord Stanhope. Ein Diplomat in besonderer, geheimer Mission. Stanhope, Spross einer verarmten Adelsfamilie, finanziert sich - wie man heute weiß - durch Wechsel, die auf Badische Bankhäuser ausgestellt werden. Er gilt als Agent Badens, sein Auftrag: die Spur Kaspars Herkunft zu zerstreuen, die Fährte weg von Karlsruhe zu lenken. Die beiden treffen aber erst am 28. Mai 1831 aufeinander.

Kaspar, von seinem Lehrer Daumer streng und bescheiden erzogen, erfährt durch Lord Stanhope erstmals eine für ihn unbekannte, völlig neue Welt. Der englische Lord gibt Unsummen für Kaspar aus schenkt ihm Ringe, Uhren, teuere Kleider. Dem ahnungslosen Kaspar gefällt seine Verwandlung vom Wolfskind zum Adligen und schnell passt er sich seiner neuen Rolle an. Zwischen Kaspar und Lord Stanhope entwickelt sich ein inniges Verhältnis. Man tuschelt, der Ältere empfinde mehr als nur väterliche Gefühle für den schönen Jüngling und er bemüht sich, Kaspar mit nach England auf sein Familienschloss zu nehmen. Kaspar schreibt schwärmerische Liebesbriefe an seinen neuen Pflegevater, unterzeichnet mit: "Dein dich herzlich liebender Pflegesohn". Im Januar 1832 reist der Lord plötzlich ab. Er verspricht Kaspar bald nach England zuholen, wird das Versprechen aber nie halten. Später wird er "seinen innig geliebten Adoptivsohn" als Betrüger beschimpfen.

Spielball im Machtkampf

Am Appellationsgericht in Ansbach tritt Kaspar eine Stelle als Aktenkopist an, auf Vermittlung seines einstigen Gönners, des Gerichtspräsidenten Anselm von Feuerbach. Feuerbach hat die Untersuchung des Falls Hauser nie ruhen lassen. Im Februar 1832 verfasst er ein vertrauliches Papier - "Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein?" - mit dem Ergebnis: "Kaspar ist der rechtmäßige Prinz von Baden." Der brisante Inhalt wird bekannt. Eine politisch gefährliche Schlussfolgerung, die sich schließlich gegen den Urheber richtet: Völlig überraschend stirbt Anselm von Feuerbach am 29. Mai 1833 unter bis heute ungeklärten Umständen. Kaspar Hauser ist ein Spielball im Machtkampf der Fürstenhäuser und des Adels. Als "Armer Kaspar" ist er auf der anderen Seite zur Symbolfigur des radikalen Bürgertums gegen Fürstenarroganz und Willkürherrschaft geworden.


Am 14. Dezember 1833 wird Kaspar unter einem Vorwand in den Hofgarten von Ansbach gelockt. Ein Unbekannter Mann lauert ihm auf, spricht ihn an und versetzt ihm eine tödliche Stichwunde. Ein Bekennerbrief in Spiegelschrift wird gefunden, der mehr verschleiert als erhellt. Zwei Stunden nach dem Attentat beginnt die erste von insgesamt drei Vernehmungen am Sterbelager von Kaspar Hauser. Am 17. Dezember 1833 um 22.00 Uhr stirbt der "badische Prinz" an den Folgen des Attentats.

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