Gewalt - Haben wir Menschen nichts dazugelernt?

Interview mit dem Produzent und Autor Gerwin Dahm

Der Produzent und Autor Gerwin Dahm hat den Fall Eulau verfilmt. Er berichtet, was es heißt, an einem aktuellen Stück zu arbeiten, und dass Realität noch aufregender sein kann als Fiktion.

Prof. Meller hält Axt an Schädel.
Prof. Meller hält Axt an Schädel. Quelle: ZDF,Juraj Liptak

ZDF: Wie sind Sie auf das Thema "Tatort Eulau" aufmerksam geworden? Was hat Sie daran als Produzent gereizt?

Dahm: Zwischen der ndF (neue deutsche Filmgesellschaft, Anm. d. Red.) und Professor Meller vom Landesamt für Archäologie in Halle besteht ein ständiger Kontakt. Als wir über den Fund von 13 Menschenskeletten informiert wurden, die im Landesmuseum ausgestellt werden sollten, war ich erst zurückhaltend: Skelette assoziierte ich bis dahin mit medizinischen Hörsälen, Arztpraxen, mit Halloween oder Horrorfilmen. Als ich dann aber erfuhr, dass es sich bei den Skeletten um 13 Menschen handelte, die alle Opfer einer Gewalttat geworden waren, acht davon Kinder unter zehn Jahren alt, war ich entsetzt und betroffen.

Skelette von Vater und Sohn der Kernfamilie aus Eulau
Vater und Sohn (Eulau) Quelle: ,ZDF

Ich stellte mir sofort die Hilflosigkeit der Opfer, der Mütter und Kinder vor. Das beklemmende Gefühl wurde durch die Information nicht gemildert, dass die Tat 4500 Jahre her ist. Plötzlich las ich Zeitungsartikel anders. Berichte über brutale, heimtückische Gewalttaten fielen mir ins Auge. Fazit: Wir Menschen haben nichts dazu gelernt. Auf diesem Gebiet gibt es keinen Fortschritt. Eine solche Nähe zu den Menschen der Steinzeit ist natürlich ein griffiges Thema für einen Dokumentarfilm.

ZDF: Wie ist die Idee zur Umsetzung dieses Film-Projekts in Richtung Krimi entstanden?

Dahm: Die Untersuchungen der Forscher aus Halle an den Skeletten aus Eulau sind denen einer SOKO nicht unähnlich: DNA-Analyse, Zahn-Isotopie, Bestimmung der Verletzungen der Opfer, der Tatwaffen, der Spuren am Tatort usw. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass die Idee entstand, einen Profiler des BKA hinzuzuziehen, um zu versuchen, auch mit seiner Hilfe den Tathergang aufzuklären. So war der gestalterisch-thematische Rahmen für den Dokumentarfilm bestimmt, die Idee, den Fall Eulau von vor 4500 Jahren zu erzählen wie einen Krimi: Was ist damals passiert? Warum? Wer könnten die Täter gewesen sein, mit welchen Motiven? Krimis sind ein beliebtes Genre im Fernsehen. In Eulau haben wir es noch nicht einmal mit einem erfundenen, sondern mit einem echten Tatort zu tun. Und: Die Realität kann noch aufregender sein als die Fiktion.

Hiebspuren an einem menschlichen Schädel
Hiebspuren am Schädel einer Frau Quelle: ZDF

ZDF: Unabhängig von Unterhaltung und Krimispannung, was lehrt einen der Film?

Dahm: Ganz erstaunlich finde ich die Vielfalt der wissenschaftlichen Methoden und das Interdisziplinäre der heutigen Archäologie, genauso bemerkenswert ist der Fallanalytiker des BKA, wie er versucht, den steinzeitlichen Tätern mit aktuellen Theorien der Kriminologie auf die Spur zu kommen. Über diese Kerngeschichte hinaus gibt der Film noch wesentliche Informationen über die Zeit des 3. Jahrtausends vor Christus, die letzte Phase der Steinzeit, rund 300 bis 500 Jahre vor dem Beginn der Bronzezeit.

ZDF: Mussten Sie Ihre Anfangskonzeption für den Dokumentarfilm durch neue wissenschaftliche Entdeckungen revidieren?

Dahm: Als die Dreharbeiten begannen, glaubten die Archäologen den Fall so gut wie abgeschlossen zu haben. Danach hat sich unsere Planung gerichtet. Nachdem der Film eigentlich schon abgedreht war, gab es dann doch neue Erkenntnisse über die Volksgruppe, der die Täter zuzuordnen sind. Nachdreh und Neuschnitt waren erforderlich. Solche Dokumentarfilme sind nur dann wirklich gut, wenn sie auf dem aktuellsten Stand der Forschung sind.

Spielszene: Frau und Kind aus Eulau
Spielszene: Frau und Kind aus Eulau Quelle: ZDF

ZDF: Was wusste man vor Drehbeginn und welche konkreten Erkenntnisse erforderten den Nachdreh?

Dahm: Es war durch DNA-Untersuchungen bekannt, dass die Skelette in einem der Gräber eine Kleinfamilie bilden - Vater, Mutter und zwei Kinder - die älteste Familie, die bisher weltweit gefunden wurde. Durch Zahn-Isotopie hatte man herausgefunden, dass von den Opfern alle Männer und Kinder aus Eulau stammen, die drei Frauen hingegen nicht. Es gibt Anzeichen dafür, dass sie aus dem Harz stammen. Exogamie nennt man dieses Phänomen: Männer suchen sich ihre Frauen außerhalb, beziehungsweise Frauen heiraten außerhalb in andere Orte hinein. Anfänglich schien es wenig plausibel, dass Exogamie etwas mit der Tat zu tun haben könnte. Wahrscheinlicher schien zu sein, dass Eroberer Eulau überfallen und die Menschen getötet haben, denn in der Mitte des dritten Jahrtausends drangen Leute vom Volksstamm der Glockenbecher vom Westen her bis ins heutige Sachsen-Anhalt vor. Doch ein Fund in Sachsen-Anhalt widerspricht dieser Hypothese. In der Nähe von Magdeburg wurde das "deutsche Stonehenge" gefunden, erbaut von den Glockenbechern.

Vor Ort gibt es keine auffälligen Indizien dafür, dass der Kontakt mit der bislang ansässigen Volksgruppe der Schnurkeramiker kriegerisch war. Neue Erkenntnisse gab es, als Prof. Meller sich entschloss, die Pfeilspitze aus dem Wirbelknochen einer der Frauenskelette herausholen und untersuchen zu lassen. Die Tätergruppe konnte so identifiziert werden, denn die Machart der Pfeilspitze lässt sich eindeutig einer Volksgruppe aus dem Harz zuordnen. Aus dieser Gegend stammen die Frauen. Für uns hieß das Nachdreh und Neuschnitt.

ZDF: Wie authentisch sind die Szenarien für die Spielszenen?

Dahm: Grundsätzlich werden alle Spielszenen als Szenarien der Steinzeit von Wissenschaftlern beraten. In Sion in der Schweiz wurden Steinreliefs gefunden, viereinhalb Tausend Jahre alt. Sie bilden Glockenbecherkrieger ab. Man erkennt darauf ihre Kleidung, ein Oberteil mit Rauten, nach analysierten Farbresten in Rot-Weiß, sowie die Bewaffnung mit Pfeil und Bogen. Entsprechend dieser Vorlage haben unsere Kostümbildner und Ausstatter gefertigt. Authentischer geht es nicht!

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