Glanzvoller Wilhelminismus

Rascher Wandel vom Agrarstaat zur Industrienation

Wilhelms englische Großmutter Queen Victoria ist von ihrem deutschen Enkel begeistert und scheut auch beim Geburtstagspräsent keine Kosten - ein Pokal aus Gold, Silber und Edelsteinen soll die Freundschaft zwischen dem deutschen und englischen Herrscherhaus auf ewig besiegeln.

Wilhelm liebt England - im Sommerschloss der Queen verbringt er unbeschwerte Ferien. Er gilt als Victorias Lieblingsenkel - trotz oder gerade wegen seiner Behinderung.

England als Vorbild

England wird sein Vorbild - und besonders die englischen Könige: Die regieren den halben Globus und beuten seine Reichtümer aus - Britannien gilt als "Nabel der Welt". So liebt es auch Wilhelm - und als "Lord Nelson" imitiert er britischen Lebensstil.


Als Kaiser fordert er aggressiv mehr Weltgeltung für sein Reich: Deutschland stehe ein angemessenes Stück vom globalen Kuchen zu verkündet er nun überall. Der imperiale Optimismus wirkt: Die Reichshauptstadt Berlin wird zur Metropole. Das Land erlebt seine Gründerjahre; die Wirtschaft wächst in einem beispiellosen Boom. Die Stahlproduktion schlägt alle Rekorde - "Made in Germany" erobert den Weltmarkt.

Besitzer des kaiserlichen Siegels

Wie in seiner Kindheit verbringt der Kaiser die Sommer im Neuen Palais in Potsdam. Seit 1881 ist er mit Auguste Viktoria, der Prinzessin von Schleswig-Holstein, verheiratet. Seine Korrespondenz erledigt Wilhelm mit Vorliebe an dem Schreibtisch, an dem bereits der große König Friedrich saß. Aber Wilhelm ist mehr: Er ist Besitzer des kaiserlichen Siegels, er darf sich deutscher Kaiser Nennen.


Und auch was die Gestaltung des Palastes angeht, will er seinen großen Ahnen übertreffen. Schon König Friedrich hatte unzählige Muscheln, Schnecken und Korallen zu phantastischen Meeresungeheuern, Fabelwesen und antiken Göttergestalten formen lassen. Wilhelm aber steigert die kuriose Inszenierung: Über 20.000 Mineralien lässt er aus aller Herren Länder herbeischaffen. Seltene Gesteine, Fossilien und Edelsteine - Exzentrisches Dekor für einen exzentrischen Herrscher?

Selbstdisziplin und Willenskraft



Das Vorbild ist Friedrich der Große. Unermüdlich muss Wilhelm sich mit ihm messen - und überwindet dabei mit Selbstdisziplin und Willenskraft sein Handicap: den gelähmten linken Arm. Der Öffentlichkeit soll das Gebrechen soweit wie möglich verborgen bleiben. Ganz Deutschland wird zur Bühne eines Herrschers, der den Schein mehr liebt als die Realität.

Wilhelm glaubt unerschütterlich an seine Mission: Er will Zeichen setzen! Der Berliner Dom soll es mit allen Kathedralen der Christenheit aufnehmen - ein protestantisches Gegenstück zum Petersdom in Rom. Die gewaltige Orgel lässt die Hymnen machtvoll ertönen - zum Lobe des Herrn und zum Lobe der großen Tradition Preußens. Wilhelm sieht sich und die Deutschen von Gott berufen, eine beherrschende Rolle zu spielen. Ein monumentales Mosaik verklärt den Kaiser und seine Frau Auguste Victoria im Stil antiker Heiliger.

Nationales Hochgefühl



"Wilhelminismus" nennt man diese glanzvolle Epoche. Wilhelminismus - das bedeutet vor allem wirtschaftlicher Erfolg und der Aufstieg zur drittgrößten Handelsmacht. Aus einem Agrarstaat wird über Nacht eine boomende Industrienation. Deutsche Ingenieure erfinden das Auto. Deutsche Wissenschaftler gewinnen einen Nobelpreis nach dem anderen. Die Bevölkerung verdoppelt sich nahezu in ein paar Jahrzehnten, dazu fünf Prozent Wachstum und keine Arbeitslosigkeit. Alles getragen von dem neuen, nationalen Hochgefühl: "Hurra-Patriotismus"

Wie Wilhelminismus aussieht, davon kann man sich ein gutes Bild machen. Beziehungsweise: Davon wurden Bilder gemacht! Filmbilder! In Farbe! Schon 1913 - vor dem ersten Weltkrieg - wurde ein Farbfilm gemacht mit einer sensationellen neuen Technik. Ein Originalfilm zeigt, wie farbenfroh die Welt des Wilheminismus war. Bei der Hochzeit der Kaisertochter fahren federgeschmückte Herrschaften in Kutschen - die gekrönten Häupter Europas: Regimenter in bunten Phantasieuniformen paradieren wie Zinnsoldaten - Husaren, Ulanen, Grenadiere. Und das Volk steht am Rande Spalier und applaudiert.

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