Gnadenloser Tribut

Unternehmerischer Erfolg auf Kosten der Armen

Auswegslose Armut, zehrender Hunger, unbesiegbare Krankheiten - die Lebensumstände des 19. Jahrhunderts sind alles andere als ein Zuckerschlecken für die Menschen in den wirtschaftlich aufstrebenden USA.

Die Probleme beginnen, sofern man Einwanderer ist, schon auf den Schiffen. Nicht umsonst werden diese "Sargschiffe" getauft - die Zustände an Bord sind katastrophal. Mangelnde Hygiene und zu wenig Nahrung raffen schon auf der großen Fahrt viele Passagiere dahin. Grund für die verstärkte Einwanderung in das vermeintliche "Land des Überflusses" sind häufig extreme Armut und Hungersnöte in Europa, welche teilweise auf der Vernichtung kompletter Kartoffelernten basieren. So entscheiden sich viele Europäer für die Reise über den Atlantik. Es ist oft genug eine Reise vom Regen in die Traufe - doch das wird vielen erst bewusst, als der nordamerikanische Kontinent schon erreicht und eine Rückkehr undenkbar ist.

Mittelalterliche Torturen

Die USA expandieren nach Westen, es werden Arbeitskräfte gebraucht für den Bau von Eisenbahnstrecken, Brücken und Kanälen. Gleichzeitig wachsen die Städte - während 1750 noch lediglich 15 Prozent der Bevölkerung in urbaner Umgebung lebt, steigt die Zahl der Stadtbewohner in den folgenden 100 Jahren auf 80 Prozent an. Die Arbeitslosigkeit in den Metropolen ist immens, denn die maschinelle Fertigung benötigt weniger menschliche Arbeitskraft als zuvor das Handwerk. Dennoch sind viele ehemalige Bauern nun in den zahlreichen Fabriken zu finden, die wie Pilze aus dem Boden schießen.

Die Arbeitsbedingungen in der Schwerindustrie sind, vor allem zu Beginn der Industriellen Revolution, gleichsam eine Tortur für die Arbeiter. Es wird gewöhnlich 24 Stunden am Tag malocht, eine Schicht dauert zwölf Stunden. Die Arbeitswoche umfasst sechs bis sieben Tage, das ganze Jahr über. Giftige Dämpfe, schädliche Materialien und schwerste körperliche Arbeit verlangen ihren gnadenlosen Tribut. Unter diesen Umständen leiden keinesfalls nur Männer: die Arbeitskraft der Frauen ist in gleichem Maße gefragt. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Arbeiter und Arbeiterinnen beträgt zu dieser Zeit etwa 30 bis 40 Jahre - Verhältnisse schlimmer als im Mittelalter, als zumindest eine soziale Grundsicherung mittels Zunftwesen und Schollenbindung noch eher gegeben war.

Ausbruch von Epidemien

Gleichzeitig bewegt sich der Lohn am Minimum, was zur Folge hat, dass sich die Lebensumstände in der ohnehin spärlichen Freizeit alles andere als angenehm gestalten. So hat die Bevölkerung oftmals mit abbruchreifen Häusern und gefluteten Kellern zu kämpfen. Viele der schimmeligen Bruchbuden werden von mehreren Familien bewohnt.

Armut, Hunger, Überbevölkerung und die Versorgung mit verunreinigtem Wasser sorgen zudem für den Ausbruch von Infektionskrankheiten. Typhus, Diphtherie, Cholera und Tuberkulose sind an der Tagesordnung - und töten in katastrophalen Epidemien Tausende. Zwar wird 1819 das Stethoskop erfunden, mit dessen Hilfe einige Krankheiten relativ frühzeitig erkannt werden können. Die Sterbewahrscheinlichkeit nach einer Tuberkuloseinfektion beträgt dennoch 40 Prozent.

Bergwerk statt Schulbank

Insbesondere betroffen von diesen zehrenden Umständen sind natürlich die Kinder. Ein Viertel aller Neugeborenen stirbt, bevor sie das erste Lebensjahr vollendet haben. In gutsituierten Verhältnissen, das heißt saubere Umgebung und regelmäßige Ernährung, erreicht die Sterberate ungefähr 90 Todesfälle pro 1000 Geburten.

Zum Vergleich: Im Moloch der dreckigen und elenden Stadtgebiete sind es bis zu 300 Todesfälle, die bei der selben Geburtenzahl zu beklagen sind. Überlebt das Kind dieses erste kritische Jahr, so kann es sicher sein, sich anstatt in der Schule oder auf dem Spielplatz in irgendeiner Fabrik oder im Bergwerk wiederzufinden. Sobald es - nach damaligen Standards - alt genug ist, muss es auch Schwerarbeit verrichten, die oft eine lebenslange körperliche Versehrtheit zur Folge hat. So leiden wegen der Mangelernährung viele Halbwüchsige unter Knochenaufweichung, welche dann aufgrund der Schufterei gebogene Beine zur Folge hat.

Späte Besserung

Die Umstände bessern sich nur langsam. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die Arbeiterschicht zu Gewerkschaften zusammenschließen und so für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen sorgen können, werden die Rechte der Arbeiter erweitert. Es soll jedoch nicht vor 1948 geschehen, dass der Acht-Stunden-Tag, ein Recht auf Schulbildung und die Kinderarbeitsgesetze durchgefochten werden - für die Kinder des 19. Jahrhunderts kommt diese Neuerung deutlich zu spät.

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