Goldmacher in Sachsen

Die Erfindung des europäischen Porzellans

Die Alchemisten früherer Jahrhunderte waren auf der Suche nach dem "Stein der Weisen" - dem Stoff, mit dem sich in einem chemischen Prozess unedle Substanzen zu Gold wandeln ließen. Fündig wurden sie nie. Aber ihren Experimenten verdankt sich die Kunst, ein anderes hochbegehrtes Material herzustellen: Porzellan.

Mit Gold und Edelsteinen, den sichtbaren Zeichen von Reichtum und Macht, übertrumpften sich die europäischen Königshäuser im ausgehenden 17. Jahrhundert gegenseitig. Der Sachsenkönig August der Starke, eine der schillerndsten Figuren jener Zeit, verhalf mit seiner Sammelleidenschaft der damaligen Residenzstadt Dresden zu einer der größten und reichsten Kunstsammlungen Europas.

Die Stunde der Alchemisten

Alchemist mit Glaskolben (Spielszene)
Geheimnisvolle Experimente der Alchemisten (Spielszene) Quelle: ZDF

Die Nachfrage der Monarchen nach Gold war kaum zu stillen, und das Handwerk der Alchemisten blühte. Diese frühen Chemiker jagten dem Traum nach, das edle Metall im Labor zu erzeugen. Nach dem Konzept aus der Antike geht alle Materie aus den vier Urelementen - Feuer, Wasser, Erde, Luft - hervor. Deshalb, so die Vorstellung der Alchemisten, musste sich auch Gold aus anderen Substanzen herstellen lassen. Was die Natur in Jahrmillionen schaffte, nämlich scheinbar unedle Stoffe in edle umzuwandeln, sollte sich mit der richtigen Rezeptur und dem geeigneten Verfahren im Labor nachahmen lassen.

In trickreichen Experimenten vor Publikum schufen die Alchemisten Materie scheinbar aus dem Nichts. Die Kunde von ihren geheimnisvollen Fähigkeiten verbreitete sich rasch. Viele Monarchen faszinierte die Vorstellung, dass aus wertlosem Gestein Gold entstehen könnte. Sie warben um die Alchemisten mit ihrem Geheimwissen. Auch August erfuhr von einem Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, der Gold machen könne: dem Apothekerlehrling Johann Friedrich Böttger.

Im Dienst des Sachsenkönigs

Gemälde August der Starke
August der Starke (1670-1733) Quelle: ZDF

Ihm soll die Sensation gelungen sein, aus Silbermünzen einen Goldbarren zu schmelzen. Nachdem der Goldmacher seine Künste öffentlich demonstriert hatte, wurde er rasch bekannt, und verschiedene Monarchen begannen sich für ihn zu interessieren. Der sächsische König August holte Böttger schließlich nach Dresden und ließ ihn seine Experimente wiederholen. In dem eigens für ihn eingerichteten Kellerlabor sollte Böttger viele Jahre zubringen. Fieberhaft arbeitete er an immer neuen Rezepturen und variierte die Zutaten. Doch den Stein der Weisen fand er nicht. 1704 wurden ihm zwei andere erfahrene Männer zur Seite gestellt: Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Gottfried Pabst von Ohain.

Tschirnhaus hatte sich bereits in der Porzellanherstellung versucht. Das weiße Gold stand bei den europäischen Herrschern ähnlich hoch im Kurs wie das echte. Denn bisher musste sämtliches Porzellan aus China importiert werden. Im Reich der Mitte wurde das seit Jahrhunderten bekannte Geheimnis seiner Rezeptur aufs Strengste gehütet. Nichts drang aus dem Land heraus, und Besucher durften nicht nach China einreisen.

Das Geheimnis der Chinesen

August bewundert ein Porzellangefäß (Spielszene)
August bewundert ein Porzellangefäß (Spielszene) Quelle: ZDF

Böttger witterte eine Chance, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Er musste die Rezeptur für Porzellan finden. Denn August der Starke, der endlich Gold sehen wollte, drohte ihm mit dem Galgen. Schließlich konnte Böttger dem Sachsenkönig einen ersten Erfolg präsentieren: Er kreierte ein ziegelrotes Steinzeug, das Jaspisporzellan, später auch Böttger-Steinzeug genannt wurde. Dieses Material hatte ähnliche Eigenschaften wie Porzellan, besaß aber nicht die gewünschte schneeweiße Farbe. Noch wusste niemand, dass das Geheimnis in der seltenen weißen Tonerde lag, die die Chinesen seit vielen Jahrhunderten rund um den Berg Gao Ling abbauten.

In der Dresdner Jungfernbastei forschten Böttger und Tschirnhaus ab 1707 in einem neu errichteten Labor intensiv an der Porzellanherstellung. Sie experimentierten mit unterschiedlichen Zutaten und Brenntechniken. Dann endlich gelang Böttger der Durchbruch. Er verwendete erstmals weiße Tonerde aus Sachsen für die Mischung - das gleiche Gestein, das auch die Chinesen für die Porzellanherstellung nutzten und das seine Herkunft im Namen trägt: Kaolin.

Älteste Manufaktur Europas

Meissner Zwiebelmuster-Porzellan
Meißner Zwiebelmuster-Porzellan Quelle: dpa

Nach Jahren der Verzweiflung konnte er August dem Starken 1708 das erste europäische Porzellan präsentieren. Das Gehemnis der Porzellanherstellung war endlich gelüftet. 1710, vor genau 300 Jahren, wurde die erste europäische Porzellan-Manufaktur im sächsischen Meißen eröffnet. Doch der Erfolg brachte Böttger kein Glück. Sein Geheimwissen wurde so wertvoll, dass er viele Jahre in Schutzhaft verbringen musste. Der Keller des Sachsenkönigs wurde zu seinem Kerker.

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