"Grüne Welt" voller Rätsel

Umwelt und Kultur der Chagga in Gefahr

Die grüne Welt der Chagga gibt den Forschern immer wieder Rätsel auf. Nur vereint und im Gespräch mit den Einheimischen können sie gelöst werden.

"Chagga-Professor" Christoph Winter besucht ein Stauwerk, das die Japaner am Fluss Kikuletwaseit 1990 gebaut haben. Entwicklungshilfe aus Stahl und Beton. Die Wissenschaftler zweifeln, ob das Stauwerk der richtige Weg ist. Das ganze Wasser geht für das Reisprojekt drauf. Unterhalb des Staudamms herrscht Trockenheit. Kahe war einst eine blühende Flussoase. Nun schlägt dem Ethnologen der Ärger der vom Wasser Abgeschnittenen entgegen. Sie klagen: "Ein Drittel der Bevölkerung hat mit dem Projekt der Japaner sein Einkommen verdoppelt. Der Rest geht leer aus. Ist das Gerechtigkeit?" Ohne Wasser sind die besten Kanäle und Dämme nutzlos. Ein jahrhunderte altes Gleichgewicht ist zerstört. Wem gehört das Wasser? Nicht nur in Kahe wird dies das Thema des nächsten Jahrzehnts sein.

Viele offene Fragen

Am Südhang des Kilimandscharo fließt das Wasser noch. Und wie es scheint, manchmal sogar bergauf. Doch wie lange wird dieses Wunderwerk der Bewässerung, dieser einmalige Lebensspender noch funktionieren? Offene Fragen gibt es in vielen Bereichen. Beispiel Ethnobotanik: Wie nutzen die Chagga ihre Pflanzen? Aus einigen machen sie Wühlmausfallen, anderen sprechen die Alten "zauberische" Wirkung zu. Medizinpflanzen sind für die Biologen hochinteressant.

Die Sprache ist eines von Winters Forschungsgebieten. Seit Jahren arbeitet er an einem Chagga-Wörterbuch. Trotz aller Fortschrittlichkeit haben sie nämlich nie eine eigene Schrift entwickelt. Manche Tiere verkörpern böse Geister. Doch dieses Wissen geben die Chagga auch ihren Freunden nur zögernd preis. Besonders fürchten sie sich vor dem Chamäleon: In der Sage der Chagga hat das Chamäleon den Tod in die Welt gebracht.

Glaube, Rechte, Technologie

Im Reich der Chagga am Kilimandscharo beobachtet Ethnologe Winter, wie ein Opfer vorbereitet wird. Die Zeremonie findet zur Öffnung eines Kanals statt. Ein uraltes Ritual, das sich bis in das alte Arabien und Mesopotamien zurückverfolgen lässt. Früher musste eine Jungfrau geopfert werden, meist eine Tochter des Kanaleigentümers. Heute genügt ein Schaf, um den Wasserdrachen zu besänftigen. Der Glaube gehört zum Bewässerungswesen der Chagga ebenso wie die Wasserrechte und die Technologie. Nur wenn alle Drei im Einklang sind, kann das komplizierte System funktionieren.

Doch wie funktioniert eigentlich der Kanalbau ohne Ingenieure, Theodoliten und Computerberechnung?. Mit Bananenblättern wird solange probiert, bis das Gefälle stimmt. Seit 800 Jahren beherrschen die Chagga mit ihren einfachen, aber sehr effektiven Methoden die Natur. Und nicht umgekehrt. Christoph Winter ist nach über 20 Jahren Studium immer noch fasziniert vom Wunder der Chagga Technologie: Das Bewässerungssystem der Chagga ist ein sehr ausgeklügeltes System. Das Gefälle ist so leicht, dass es tatsächlich so aussieht, als ob das Wasser nach oben fließe. Die Chagga waren auf dem Weg zur Hochkultur. Die Forscher sind mit ihrer Arbeit an den Kanälen dabei, eine verschollene, eine selbst den Chagga nicht mehr bekannte Hochkultur aufzudecken.

Menetekel für die gesamte Menschheit

Das "Reich der Chagga" blieb lange unerkannt. Heute ist es in Gefahr. Ihre Kultur und ihre Umwelt. Die Probleme: Bevölkerungsexplosion, Raubbau an der Natur, Wasserverschwendung. Wenn der Schnee weiter schmilzt und der Wald weiter zurückgedrängt wird, ist bald auch das Wasser knapp. Wir könnten von den Chagga lernen. Doch wir sind anscheinend taub und blind geworden. Umweltverschmutzung, ungehemmte Ausbeutung der Resourcen, globale Erwärmung. Wenn es uns nicht gelingt umzukehren, wird bald das todbringende Chamäleon die Welt regieren. Der schmelzende Schnee am Gipfel des Kilimandscharo ist ein Menetekel für die gesamte Menschheit.

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