Haarige Blitzmerker

Oft ist der Mensch nur zweiter Sieger

Lange Zeit hielten sich die Menschen für die intelligentesten Lebewesen. Sie glaubten, der Verstand sei quasi vom Himmel her gekommen - und viele Menschen glauben das auch heute noch. Nach den Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung ist dieses Merkmal jedoch das Ergebnis einer Millionen Jahre währenden Entwicklung. Inwieweit Sprache und Kultur die menschliche Intelligenz von der tierischen Intelligenz abhebt, ist hingegen in der Wissenschaft umstritten.

Schimpanse
Schimpanse Quelle: ZDF

Bereits Charles Darwin sah in dem Phänomen, das wir gemeinhin als menschliche Intelligenz bezeichnen, nur den vorläufigen Endpunkt einer langen Entwicklungsreihe, die ihren Anfang in den ursprünglichsten Lebewesen hat. Darwin prägte den Begriff des "kognitiven Kontinuums" und meinte damit, dass jede Art - den Menschen nicht ausgenommen - über ganz spezifische "geistige" Fähigkeiten verfügt, die sich entsprechend den natürlichen Erfordernissen herausgebildet haben.

Enge Verwandtschaft

Vor etwa sechs Millionen Jahren gingen aus einem gemeinsamen Vorfahren allmählich Schimpanse und Mensch hervor - für die natürliche Evolution ein sehr kurzer Zeitraum. Daher ist es nicht verwunderlich, dass diese beiden Primaten-Arten genetisch dicht beieinander liegen. Die genetische Information ist zu etwa 99 Prozent deckungsgleich. Die anatomischen Ähnlichkeiten sind augenfällig. Aber auch hinsichtlich Herstellung und Gebrauch von Werkzeugen oder das Sozialverhalten betreffend gibt es große Ähnlichkeiten, die im gemeinsamen Ursprung begründet sind. Zwar überragt jede heute bekannte menschliche Kultur die aller anderen Primaten bei Weitem, doch unsere haarigen Vettern verfügen auch über Fähigkeiten, mit denen sie uns auf die Plätze verweisen.

Affe vor Tafel mit Zahlen
Affe vor Tafel mit Zahlen Quelle: ZDF

Legendär ist die Merkfähigkeit von Ayumu. Der Schimpanse hat gelernt, Ziffern von eins bis neun, die auf einem Monitor abgebildet werden, in korrekter Reihenfolge anzutippen. Er brauchte nur eine Viertel-Sekunde, um sich das abgebildete Muster einzuprägen, das sofort wieder abgeblendet wurde. Danach konnte das Tier "blind" die Zahlen in korrekter Reihenfolge nachvollziehen. Menschliche Probanden schnitten bei den Tests wesentlich schlechter ab. Forscher vermuten, dass sich bei Schimpansen diese Fähigkeit herausgebildet hat, weil sie sich ihre Umwelt im unübersichtlichen Wald schnell einprägen müssen, um Wasserstellen und Futterplätze wiederzufinden. Da ist ein fotografisches Gedächtnis von Vorteil.

Ergebene Hilfsbereitschaft

Wolf
Wolf Quelle: ZDF

Kein genetisches, sondern ein kulturhistorisches Band verbindet den Menschen mit seinem intimsten Partner im Tierreich - dem Hund. Diese Beziehung begann bereits in grauer Vorzeit, vor schätzungsweise 14.000 Jahren. Damals machten Menschen und Wölfe die Erfahrung gegenseitigen Gewinns. An den Lagerstellen der frühen Menschen gab es für die Raubtiere vermutlich hin und wieder steinzeitliche Essensreste abzustauben. Umgekehrt führten die Wölfe die Menschen zu verborgenem Wild - der Beginn einer einzigartigen "überartlichen" Beziehung, die bis heute in ungeahnter Weise gewachsen ist. Kein anderes Tier ist dem Menschen derart dienlich wie Canis lupus familiaris, der Haushund. Seine Fähigkeit und Bereitschaft zu lernen, sind seine wichtigsten "geistigen" Merkmale.

Vor etwa 5000 Jahren aus dem Wolf gezüchtet, ist der Hund heute in mehr als 1000 Rassen dem Menschen als Schoßhund Lebenspartner, als Schutzhund Lebensretter, als Jagd- oder Hütehund Arbeitshelfer. Minensuchhunde, Leichenhunde, Rauschgifthunde, Blindenhunde - die Liste der vierbeinigen Spezialisten ist ellenlang. Seit einigen Jahren sind Hunde auch im Dienst der Medizin tätig. Sie haben gelernt, für Krankheiten wie Krebs und Epilepsie typische Gerüche zu identifizieren. Mit ihren extrem leistungsfähigen Nasen, in denen um die 200 Millionen Riechzellen feinste Duftspuren registrieren - Menschen verfügen nur über etwa fünf Millionen Riechzellen - können sie fünf Salzkörner in 10.000 Tonnen Chips aufspüren.

Instinktive Ingenieure

Biber
Biber Quelle: ZDF

Nicht jedes scheinbar kluge Handeln ist Ausdruck hoher Intelligenz. Da es keine objektiven Kriterien zur Feststellung von Intelligenz bei Tieren gibt, werden viele Phänomene auf diesem Gebiet ausgiebig diskutiert. Die erstaunlichen Konstruktionsleistungen der Biber sind nach allgemeiner Auffassung jedoch weniger Ausfluss intellektueller Begabung, sondern im wesentlichen Ergebnis angeborener Fähigkeiten. Sicherlich lernen die jungen Biber auch etwas von ihren Eltern, und individuelle Erfahrungen beeinflussen auch das Verhalten erwachsener Tiere. Die Handlungsanweisungen für den Bau einer Biberburg samt dazugehörigem Staudamm ist den plattschwänzigen Nagern jedoch in die Gene geschrieben.

Biber nagt an Holzstamm.
Biber nagt an Holzstamm Quelle: ZDF

Um ihre Burg mit Unterwassereingang und Vorräte sichern zu können, stauen Biber kleine Fließgewässer an. Dazu fällen sie Bäume, deren Äste und Stämme sie im Wasser zu Barrikaden verkeilen. Viele Zwischenräume werden mit Schlamm und Pflanzenteilen abgedichtet. So können Dämme von mehreren hundert Meter Länge entstehen. In der Mitte des angestauten Sees werden Äste deponiert - Nahrungsreserve für den Winter. Dank besonderer Enzyme können Biber Holz verdauen. In der Burg selbst befindet sich eine Drei-Raum-Wohnung, in der das Weibchen drei bis vier Junge zur Welt bringt. Gegen Kälte geschützt, verbringt die Familie hier den Winter. Alles in allem eine eindrucksvolle Leistung, die jedoch nur wenig mit individuellem Grips, sondern viel mehr mit Gen-gesteuertem Handeln zu tun hat.

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