Hautnaher Kontakt mit der Geschichte

Drehimpressionen des Autors im Land der Lambayeque-Kultur

Lebhafter Autoverkehr auf der Panamericana im Norden Perus. Mir rutscht das Herz in die Hose. Hier soll unsere primitive Flugmaschine starten und landen. Das "Flugzeug" besteht aus einem Aluminium-Doppelsitz, einem Flügel und einem riesigen Propeller mit angeflanschtem Motor. Zusammenklappbar. Mehr nicht!

Flugdrache mit Propellerantrieb Quelle: ZDF

Wir wollen Luftaufnahmen machen von gewaltigen Lehmpyramiden, enigmatischen Zeugen einer versunkenen Kultur. Dante ist unser peruanischer Pilot und Erbauer des Fliegers. Ein Draufgängertyp. Dante versucht meine Bedenken zu zerstreuen. "Ich starte und lande in den Lücken im Verkehr", erklärt er mutig. "Wir brauchen nur 150 Meter." Ich lasse mir die Angst nicht anmerken. Ich bin verantwortlich. Denn schließlich sollen hintereinander drei von uns fliegen: der Hamburger Forscher Professor Bernd Schmelz, der Kameramann Steffen Böttrich und unser iranischer Fotograf Resa Asarschahab.

Alltägliche Anarchie

Sicherheitshalber informiere ich die Polizei. Die Pamamericana wird gesperrt. Einige Autofahrer wollen dem Befehl der Polizisten nicht Folge leisten. Alltägliche Anarchie in Peru. Also muss ich zu meiner letzten Waffe greifen: mein peruanischer Assistent Alex. Er sieht aus wie ein Angehöriger der gefürchteten peruanischen Geheimpolizei. Ein paar kurze Zeichen und Worte von ihm, und der Verkehr steht endlich still.

Inzwischen versuchen sich meine Kollegen mit ihrem Schicksal abzufinden. "Das wird Dir meine Frau nie verzeihen, wenn ich hier nicht heil rauskomme", zischt Steffen aus zusammengebissenen Zähnen; Prof. Schmelz bekreuzigt sich; nur Resa steigt ungerührt ins Fluggerät, schließlich hat er ja schon den iranisch-irakischen Krieg als Soldat lebendig überstanden. Das Flugzeug hebt sich schwankend in die Luft. Wir filmen mit drei Kameras gleichzeitig. Die Aufnahmen werden spektakulär. Ein vorher nie gesehener Blick auf die Pyramiden.

Bernd Schmelz vor der Huaca Chotuna Quelle: ZDF,Resa Asarschahab

Zeugen einer Hochkultur

Wir drehen in einer einmaligen Landschaft im Norden Perus. 26 Pyramiden sind auf 220 Hektar Land verstreut, weltweit einmalig. Die Bauwerke sind Zeugen einer Hochkultur. Und sie sind wahre Schatzkammern. In ihrem Inneren befanden sich die größten Goldschätze Amerikas. Viele sind ausgeplündert worden. Tonnenweise, lastwagenvoll wurden die Goldschätze geraubt und mit Hilfe von Hehlern ins Ausland gebracht. Heute haben die Archäologen mit modernem Bodenradar neue, reiche Gräber entdeckt. Viele Schätze werden also noch gehoben werden. Ich kann es nicht fassen. Hier sind die spanischen Eroberer vorbeimarschiert, ohne zu ahnen, was sich unter ihren Füßen befand.

Wir drehen mit einem Zeitzeugen, Donato Suclupe. Er war jahrzehntelang Grabräuber, nicht für sich selbst, sondern für seine Patrones, seine Herren. Er hinterlässt in mir einen tiefen Eindruck. Sein wettergegerbtes Gesicht, seine Bescheidenheit, seine Selbstaufopferung für seine skrupellosen Auftraggeber, die sich an seinen Vorfahren bereichert haben. Säckeweise hat er für sie das Gold aus den Gräbern geholt. Nun ist er Experte im Tunnelbau, kennt Farbe und Beschaffenheit der verschiedenen Bodenschichten besser als mancher Geologe, weiß, wo sich die Gräber befinden. Er hat einen sechsten Sinn entwickelt, um die Grabstellen zu orten. Heute arbeitet er nicht mehr für die Räuber, sondern gibt sein Wissen an die Archäologen weiter. Und räumt erneut die Stollen frei, die er vor Jahren selbst angelegt hatte. Unterm Strich ist es für ihn eigentlich genauso wie damals: er war arm und arm wird er bleiben. Den Reichtum und Ruhm holen sich andere.

Schmelz präsentiert Fundstücke Quelle: ZDF

Teil der Landschaft

Für vier Tage drehen wir in den benachbarten Anden. Hier wird der Mensch ganz klein, duckt sich vor der Gewalt der Berge. Reißende Flüsse, donnernde Wasserfälle, tiefe Schluchten, unbezähmbare Natur. Am Straßenrand eine kleine Lehmhütte. Am Ufer des Flusses leben Salomon und seine Frau María inmitten ihrer Tiere und einem kleinen Maisfeld. Sie leben schon immer hier, sind Teil der Landschaft. Wie alt sie sind, wissen sie nicht, für was auch? Ich schätze sie auf neunzig. Auf die Frage, ob es hier Ruinen alter Zivilisationen gäbe, zeigen beide in die Berge, jeder in verschiedene Richtungen. Die Stätten der Vorfahren flößen ihnen Respekt ein, ihre Orte sind für sie heilig.

Später entdecken wir mit Hilfe unseres Führers Felizandro einige vom Hochland-Urwald verschluckte Mauern. Auf jedem Berggipfel gab es ein Bauwerk. Ein erhabenes Gefühl, mit Hand und Machete Mauern freizulegen, die hunderte Jahre keiner mehr berührt hatte. Ein hautnaher Kontakt mit der Geschichte. Felizandro sieht uns mit zwiespältiger Miene zu. Es sind die Wohnungen und Ritualstätten seiner Vorfahren, die wir entdecken. Er wäre von sich aus freiwillig nie an diese Orte gegangen. Für ihn sind sie mit negativen Energien behaftet, Geister schwirren um diese Mauern, sie können den Eindringling krank machen, seinen Kopf verwirren. Antonio klammert sich an seinen Coca-Beutel. Ständig schiebt er sich neue Blätter in die geschwollene Backe, und Muschelkalk gleich hinterher. Das ist das einzige, was mich hier schützen kann, murmelt er.

Schamane Quelle: ZDF

Das Abbild dieser Welt

Auf dem Rückweg filmen wir in einem Haus am Rand der Pyramiden den Schamanen Victor Bravo. Er ist berühmt und empfängt Besucher aus aller Welt. Sein Mesa, der "Arbeitstisch", ist übersät mit Ikonen der alten und neuen Welt: halluzinogene Kaktusstücke, Steine und alte Tonfiguren, Coca-Cola-Flaschen mit einer undefinierbaren fermentierten Flüssigkeit, Babypuderdosen aus Plastik, geschnitzte Holzfiguren, christliche Kreuze und Bilder von Heiligen, Musikinstrumente und Heilpflanzen, Kraftstöcke mit Tierdarstellungen und billige Parfümflaschen. Die Dinge auf dem Tisch seien das Abbild dieser Welt, meint Victor. Sie seien seine Verbündeten. Sie helfen ihm zu sehen und zu heilen.

Der Ethnologe Bernd Schmelz ist beeindruckt, er lässt sich mit diversen Flüssigkeiten und Pulvern besprühen und bewegt sich im Rhythmus des Singsangs des Schamanen. Ich warte darauf, dass er in Trance fällt. Wie sollen wir die Energien, die hier offensichtlich hervorbrechen, filmisch festhalten? Oder spinne ich auch schon: plötzlich hat jeder Laut, jedes Hundebellen und der leichte Windhauch eine Bedeutung. Nach einer Stunde ist die Zeremonie zu Ende. Der Schamane greift zum Handy. Ein neuer Kunde meldet sich an.

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