Havarie auf der Sandbank

Frage nach technischem oder menschlichem Versagen

An Bord ging alles seinen gewohnten Gang. Kurz nach fünf Uhr morgens ahnten weder Mannschaft noch Passagiere, welche Gefahr ihnen drohte. Um 5.30 Uhr traf eine Nachricht ein, die das Schicksal der "Deutschland" besiegelte.

"Deutschland" auf der Sandbank Quelle: ZDF

Ein Matrose erblickte Schaumkronen, Kapitän EduardEr traf sofort die notwendigen Maßnahmen und befahl "Volle Kraft" zurück. Spätestens jetzt gab es keinen Zweifel. Schaumkronen voraus bedeutete: Vor ihnen lag ein Riff oder eine Sandbank, also Flachwasser. Und das Schiff hielt direkt darauf zu.

Schaumkronen Quelle: ZDF

Stoß durch den Rumpf

Später wollte die Untersuchungskommission wissen, was nach der Schreckensmeldung passierte. Jedes Detail hätte die Schuldzuweisung beeinflussen können. Der Kapitän erklärte: Kurz vor dem Aufsetzen ging ein Stoß durch den Rumpf. So, als sei die Schiffschraube abgebrochen. Die Technische Universität Hamburg erforschte, unter welchen Bedingungen derartige Materialschäden auftreten.

Wenn die These für die "Deutschland" zutrifft, wäre der Dampfsegler schon vor dem Kontakt mit der Sandbank manövrierunfähig gewesen - ohne Möglichkeit abzubremsen oder auszuweichen. Das heißt: Technisches Versagen verursachte die verhängnisvolle Havarie. Hinter der Aussage, die Schraube sei abgefallen, vermutet das britische Gericht eine Schutzbehauptung des Kapitäns. Der Deutsche wolle von seiner falschen Kursberechnung ablenken und sich von jedem Fehlverhalten freisprechen.

Schwere Leckagen

Die Wucht, mit der die "Deutschland" auf Grund lief, führte nach Berechnung der Expertin zu schweren Leckagen. Unaufhaltsam drang das Wasser durch die tiefen Risse im Rumpf. Für die 135 Passagiere bestand Lebensgefahr. Die Besatzung handelte nach dem Notfallplan. Die Reisenden mussten sich umgehend auf das Oberdeck begeben. Von dort sollten Frauen und Kinder zuerst die Rettungsboote besteigen. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Passagiere mit Korkwesten an Deck Quelle: ZDF

Zuerst wurde Boot Nummer eins hinunter gelassen. Doch es schlug voll Wasser, und die Fangleine brach. Das Boot trieb zusammen mit dem 4. Offizier und vier Mann fort. Das nächste Boot wurde beim Hinablassen von einer Sturzsee zerschlagen. Sie hatten keine Chance. Notraketen sollten Schiffe im Umkreis auf die prekäre Lage der "Deutschland" aufmerksam machen. Funkgeräte, um andere Kapitäne oder die Küstenwache zu alarmieren, gab es 1875 noch nicht.

Feuerschiffe in der Nähe

Die Rettungsboote von Harwich blieben im Hafen. Niemand an Land merkte etwas von dem Drama, das sich am frühen Morgen des 6. Dezember in den Küstengewässern abspielte. Der Historiker David Male weiß aber, dass doch jemand die Signale sah. Für ihn steht fest, dass die Signalraketen der "Deutschland" von den Feuerschiffen in der Nähe gesehen wurden. Sie hatten das gestrandete Schiff schon vorher gesichtet und versuchten ihrerseits, mit Signalraketen die Leute an Land zu informieren.

Notraketen über der Deutschland Quelle: ZDF

Die Schiffbrüchigen auf der "Deutschland" bemerkten von alldem nichts. Kapitän Brickenstein versicherte der Untersuchungskommission, er habe insgesamt 18 Notraketen abgeschossen. Ohne dass es eine Reaktion gab. Er musste davon ausgehen, dass von Land keine Hilfe zu erwarten war. Da jeder Versuch scheiterte, Rettungsboote zu Wasser zu lassen oder die "Deutschland" wieder freizusetzen, entschied der erfahrene Seemann, das manövrierunfähige Schiff fest auf der Sandbank zu verankern. Ein korrektes Verhalten, wie Lord Rothery zugunsten des Angeklagten anerkennen musste.

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